Eine Puppe, die sich in Superzeitlupe bewegt

von Michael Weiser

Kindfrau als Anti-Barbie: Yvonne Pouget als "Sexy Zuppel Puppe". Foto: Anja Wechsler

Eine Größe der deutschen Tanzszene tanzt die Anti-Barbie: Yvonne Pouget meditiert in "Sexy Zuppel Puppe" über Frauenbilder und Männerblicke.

Mann könnte ja auch auf das Gesicht blicken, die langen Beine, die Hände, die... Aber nicht zuletzt in der Bildsprache der Werbung scheint der Blick konzentriert auf den Teil des Körpers, den man bei sich selbst üblicherweise so gar nicht im Fokus hat, den Teil, „der irgendwie am weitesten entfernt ist von meinem Kopf“, wie die Tänzerin und Choreographin Yvonne Pouget sagt: auf den Hintern. Es war denn auch die Werbekampagne eines Strumpfhosenherstellers, die Pouget zu ihrer Soloperformance „Sexy Zuppel Puppe  Die montierte Frau“ im I-CampTheater inspirierte. Aufgerufen wurde in dieser Kampagne zur Wahl von „Deutschlands knackigstem Po“ - der Mensch auf seinen Podex reduziert.

Wie Frau durch derlei Rollenzuweisungen die Kontrolle über den eigenen Körper zu verlieren droht, war Thema der Performance, die zur Veranstaltungsreihe "Changing Views" gehört, jenem Kompendium von Ausstellungen, Lesungen, Vorträgen und Inszenierungen, das gerade zum hundertjährigen Jubiläum der Münchner Megaausstellung islamischer Kunst von 1910 läuft. Wie also haben sich beim Bild der Frau die Blickwinkel geändert? Zunächst liegt Pouget auf dem Rücken, die Beine empor gereckt. Für Minuten wird dadurch der Blick auf den Po gelenkt, erst langsam gerät das Gesicht ins Blickfeld: ein maskenhaft starr wirkendes Gesicht. Das Gesicht einer Puppe. Die Einstiegsszene dieser Puppe oder auch der sich selbst auf Gefälligkeit prüfenden Kindfrau gibt das Tempo für den Abend vor. Die im japanischen Minimalstil geschulte Yvonne Pouget arbeitet sich in Superzeitlupe als Anti-Barbie durch die verschiedenen Verkörperungen der unterjochten Frau – Freiheitsverlust durch die mediale Voreingenommenheit in unserer Welt. Wo bleibt die Akzeptanz der gesamten Persönlichkeit, wenn doch nur Schönheit wichtig ist? Am Ende befreit sich die Seele der Frau aus grauem Trauergewand, um sich zu neuem Licht emporzuarbeiten.

Befreite Frau? Yvonne Pouget in der Schlusssequenz. Foto: Anja Wechsler

So ein entschleunigtes Meditationstheater kann sich ja durchaus im Bewusstsein festsetzen, mit den paar starken Bildern, die bei so niedrigen Tempo innerhalb einer Stunde ergeben. Die Bilder können dann im Kopf ein seltsames Eigenleben entwickeln, die persönliche Perspektive sich für immer verändern. Dazu allerdings wäre persönliche Betroffenheit vonnöten, die sich hier aber nicht einstellen will. Yvonne Pouget will die Macht der Voreingenommenheit und der Festlegung unseres Blickes beschreiben – und lässt sich dabei doch selbst von Klischees oder zumindest einer arg theoretischen Sicht auf die Sicht der Dinge führen. Der Schönheitswahn und die Sexualisierung der Werbung im besonderen und der Medien im allgemeinen schaffen Probleme, keine Frage. Sie für einen Allgemeintyp der immerdar geknechteten Frau verantwortlich zu machen, ist zumindest fragwürdig. Informiert und diskutiert wurde im I-Camp auch über die gegensätzlichen Blickwinkel der westlichen und der islamischen Welt, Verschleierung kontra Entschleierung. Ob die nichtöffentliche Frau in vielen islamischen Gesellschaften besser steht als die - laut Pouget - quasi öffentliche, offensiv enthüllte Frau im Westen, dürfte ebenfalls fraglich sein.

Veröffentlicht am: 13.12.2010

Über den Autor

Michael Weiser

Redakteur, Gründer

Michael Weiser (1966) ist seit 2010 beim Kulturvollzug.

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Yvonne Pouget
22.12.2010 19:41 Uhr

hier gibt´s die sich selbstgefällig prüfende Puppe auf´s Augen- das Popogewackel- aber ohne den Popo - denn kann man sich bei der Wiederaufnahme im Mai ansehen ;-)

http://www.youtube.com/watch?v=Ep9j_S4wk0Y

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