Abschied vom Tanz Theater München

Auf dem Boden der Vielfalt in die Zukunft

von Isabel Winklbauer

Rita Barao Soares folgt in "Aus/Druck" einer Sopranstimme (Foto: Lioba Schöneck)

Neue Zeiten brechen an für die Mitglieder des Tanztheaters München. Die Sanierung des Gärtnerplatz-Theaters hat begonnen, die alte Truppe bleibt nicht bestehen. Für die Zukunft an sechs alternativen Spielstätten, die während der Bauperiode vorgesehen sind, wird wohl der Projektvertrag zum Standardmodell – zumindest für jene, die unter dem neuen Ballettchef Karl Schreiner tanzen. Also wurde zum Abschied ins Ungewisse noch mal richtig getanzt.

Acht Kreationen von Ensemblemitgliedern und Choreografen der Tanztendenz bereiteten dem Publikum im Schwere Reiter einen vielseitigen, erschöpfenden Abend. Dabei schnitten die Profi-Choreografenschwächer ab. Womöglich fehlte ihnen das Fieber des Überlebenwollens. KatjaWachter etwa ließ in "Theoretisch tanzen" ihre sechs Protagonisten verbal in ein Mikrofon tanzen, mal als Zuschauer, mal als strenge Choreografen, die Anweisungen geben. Das gab es so noch nicht. Aber die Aufgabe von Tanz ist es auch nicht unbedingt, Tanz durch andere Darstellungsformen zu verdrängen. Claudia Senoner wiederum schickt in "Love x Love" acht zuckende, starrende Zombies zu Synthesizer-Rauschen über den Parcours. Eine verzichtbare Vorstellung.

Number Trip, Ensemble (Foto: Lioba Schöneck)

Stattdessen punkten Hsin-I Huang und David Valencia Martinez mit Humor. Huang schickt ihre Truppe in schwarzen Trikots und gelben Kniestrümpfen auf einen "Number Trip". Einzelne Gestalten brechen aus dem dynamischen Gruppenfeld aus, es bilden sich Haufen oder Paare. Auch gebribbelt und gekickt wird – was auch immer im Programmheft steht, man sieht dem Stück die Fußball-EM an, während der es offenbar entstand. Von Quentin Tarantino und Eli Roth ist dagegen David Valencias "Dream Fiction" inspiriert. Schon musikalisch entscheidet er sich nicht fürs Abstrakte, sondern fürkonkrete Kino-Hits: "Lime in the Coconut" oder "Bang Bang" reißen den Zuschauer sofort mit in die Handlung, in der ein Schläfer von seinen vier anderen, ziemlich verrückten Ichs im Traum gepiesackt wird. Zuletzt erschießen ihn die Gestalten vereint mit Maschinengewehr-Beinen, ganz nach der Manier von Rose McGowan in "Planet Terror".

Camino, v.l. Anna Caviezal, Neel Janson, Adam Dambczynski (Foto: Lioba Schöneck)

Ergreifende Pas de Deux zeigten Sandrine Monin und Francesco Annarumma. In Monins "Up your backyard" hypnotisieren Mann unf Frau in den Rollen von Mensch und Gewissen. Sie umkreisen sich, greifen nach einander, verdrängen sich. Monin nutzt die Tür in der Rückwand der Spielfläche, um den Mann in Rot auftreten zu lassen. Er ist am Ende fort, die Frau in Blau hat gesiegt. Doch wer ist Mensch, wer Gewissen? Annarumma schließlich spürt in "In-contro" dem Umstand nach, warum Männer Frauen betrügen. Nach einer komödiantischen Eifersuchtsszene als Einstieg taucht er tief in die Seele des Mannes ein: Alessio Burani erhöht hingebungsvoll die eine und vereint sich gleich darauf ebenso dramatisch mit der anderen. Das erklärt nichts, aber es lässt das unweigerliche Bedürfnis nach dem unverständlichen Verhalten spüren. Zu den beiden passte das Abschlusstück von Erik Constantin, "Camino", wunderbar. Darin machen sich vier Tänzer in Grau auf eine Reise ins Neue – neue Positionen, neue Verbindungen, neue Richtungen. Dastreffendste Stück.

Artemis Sacantanis, langjährige Tänzerin und Probenleiterin holte gar Gärtnerplatz-Sopranistin Elaine Ortiz Arandes auf die Bühne, um Rita Barao Soares nach deren Gesang und Zisch-Improvisationen springen, fallen und sich winden zu lassen. Die Auswahl war also riesig bei "Tanz Total". Kaum vorstellbar, dass nicht jeder der Tanz-Theater-Mitwirkenden eine solide Zukunft vor sich haben sollte.

Veröffentlicht am: 09.07.2012

Über den Autor

Isabel Winklbauer

Redakteurin

Isabel Winklbauer ist seit 2011 Mitarbeiterin des Kulturvollzug.

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