Wiederaufnahme "La fille mal gardée"

Stark besetzte Pastorale mit Hühnerballett

von Isabel Winklbauer

Lise (Ilana Werner) und Colas (Lukas Slavicky) (Foto:Wilfried Hösl)

Zum Abschluss der englischen Saison wird das Staatsballett nochmal richtig schräg: Frederick Ashtons "La Fille mal gardée", nach langer Pause wieder aufgenommen, ist ein Feuerwerk britischen Humors – wenn auch nicht gerade eine Herausforderung an die Kompanie.

Arabeske nach Arabeske, Törchen nach Törchen nach Kuschelhebung machen den zweiten Akt der Pastorale, deren Ursprungsfassung 1789, im Jahr der Französischen Revolution entstand, nicht gerade zum Muntermacher. Frederick Ashtons Choreografien sind manchmal so süß und gefällig, dass man den Kopf in den Sand stecken möchte. Glücklicherweise hat der große Brite, der viele Jahre das Royal Ballet prägte, auch eine andere Seite, und die ist richtig skurril. Bevor er das Bauernmädchen Lise auftreten lässt, schickt er erst mal einen Gockel mit seinen Hennen über die Bühne. Es kann ja wohl niemand etwas gegen Hühnerballett haben, oder?

Alain (I. Sarkisov, mit P. Jolesch) wäre lieber mit seinem Schirm alleine (Foto: Wilfried Hösl)

Lises angedachter Bräutigam, der trottelige Winzersohn Alain, liebt in Wahrheit einen roten Regenschirm, auf dem er liebend gerne reitet, und Lises Mutter, die Witwe Simone, tanzt in ihren Sabots so wild, dass sie böse auf die Breitseite fällt. Ilia Sarkisov als Alain (er tritt unter anderem in die Fußstapfen von Ferec Barbay, der die Rolle 1971 in München prägte) und Cyril Pierre als Simone sind herausragend, was gerade im Fall von Pierre bemerkenswert ist. Der erste Solist wird immer öfter in Seniorenrollen, wie eben die der Simone, besetzt, und das zu unrecht. Pierre ist auf dem Höhepunkt seiner Karriere, ausdrucksstark und versiert in Rollengestaltung wie kein anderer Erster Solist der Kompanie, dazu technisch voll auf der Höhe. Wenn er nun beim Holzschuhtanz aus Lises strenger Mutter eine Frau macht, die durchaus eine Vergangenheit hat, und die es selbst einmal genau so faustdick hinter den Ohren hatte wie die Tochter, und das alles in witzig intendierten Szenen – dann ist das hohe Kunst. Möge er noch oft in großen Rollen erscheinen.

Simone (C. Pierre) weiß, warum sie Lise (I. Werner) versohlt (Foto: Wilfried Hösl)

Neben der zuckersüßen, wendigen Ilana Werner als Lise wirkt Lukas Slavicky als Colas ein wenig fremd. Slavicky erhielt einst den Prix Benois für seine Darstellung des Jean de Brienne, des strahlenden Ritters in "Raymonda". Aus so einem Tänzer einen Bauern zu machen klappt nicht recht, und so taxiert er öfter den Platz für seine Sprünge und wirkt alles in allem wie ein Adliger, der mit seinen Freunden Schäfer spielt. Ashtons Skurrilitäten lindern diesen Eindruck manchmal, etwa wenn Colas Lise vom erhöhten Fenster aus umarmt und hin und her baumeln lässt. Sie steigern ihn aber auch, zum Beispiel wenn Colas in seiner Variation sich nach den Sprüngen mit allen Vieren auf dem Boden aufstützt. Ein Brienne macht so was nicht.

Schade auch, dass das Werk für Lise keine spektakulären Variationen bereit hält, für das Corps schon gar nicht. Im Rahmen der Opernfestspiele ist "La Fille mal gardée" immerhin wunderbar aufgehoben – ein besseres Gegenprogramm zum "Ring" gibt es nich.

"La fille mal gardée", Prinzregententheater, 8.7. 15.00 und 19.30 Uhr, 11.7. 19.30 Uhr. Am 8.7. abends tanzen Katherina Markowskaja und Matej Urban die Titelpartien, Viktorio Alberton gibt die Simone.

Veröffentlicht am: 07.07.2012

Über den Autor

Isabel Winklbauer

Redakteurin

Isabel Winklbauer ist seit 2011 Mitarbeiterin des Kulturvollzug.

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