Lou Reed und Band auf dem Tollwood

Sämtliche Regeln des Rock'n'Roll und Gitarrensaiten im Kopf

von kulturvollzug

Älter, stoischer, ernster, aber pur: Lou Reed (hier bei einem früheren Auftritt in Frankreich). Foto: Veranstalter

Musik ist immerwährende Wiederholung und deshalb jedes Mal neu. Lou Reed weiß das, interpertiert es mit brüchiger Stimme in jedem Konzert anders - ein grandioser Auftritt mit kuriosen Momenten im Olympiapark.

Lou Reed beginnt, wie man ihn kennt, ohne große Eitelkeiten und pünktlich um halb Sieben. Verantwortlich für diese ungewöhnliche Uhrzeit ist das EM-Finale um 20.45 Uhr. Zahlreiche Musiker schlendern lässig auf die Bühne, Lou schlendert mit. Er, wegen dem Hunderte trotz stickiger Luft in die Musik-Arena des Tollwood gekommen sind. Er, der mit David Bowie, John Cale und Iggy Pop Meisterwerke erschaffen hat. Er, der Velvet Underground repräsentierte. Er, der Nico liebte. Er, der Laurie Anderson heiratete. Er, der Andy Warhol und der Factory so nahe stand. Er, der immer wieder mit neuen musikalischen Revolutionen erschien. Er, der Unnahbare. Er, der Zerrissene. Er, der Besessene. Er, der nach Reinheit suchende Suchtmensch. Er, der Sonnenbrillenträger. Er, der Undurchschaubare. Er, der Meister des ungewöhnlichen Hits. Er, die Verkörperung New Yorks. Lou. Da ist er wieder mal. Der Mann mit der besonderen brüchigen Stimme. Etwas älter, etwas stoischer, etwas ernster. Aber so, wie man ihn sich wünscht: pur.

Der erste Song „Brandenburg Gate“ stammt vom letzten Album „Lulu“, das Lou zusammen mit Metallica aufgenommen hat und das die vom Meister selbst komponierten Songs für die Robert-Wilson-Inszenierung von Lulu am Berliner Ensemble enthält. Eingefleischte Fans erkennen in diesem Lied eine logische Weiterentwicklung, fast einen Zyklus: Downtown Dirt von 1976, (Uptown) Dirt von 1978, Smalltown von 1990 und nun Brandenburg Gate mit dem Refrain „Smalltown Girl“.

Lou Reed liebt rauhe Themen, ob inhaltlich oder musikalisch. Er liebt auch die Wiederholung und er weiß, dass Musik nun mal Wiederholung ist und seine Fans wissen und erwarten das auch. Gnadenlos werden die Riffs wiederholt, oft werden die Strophen und Refrains eines bekannten Liedes versetzt gesungen, so dass die Menge ja nicht in Versuchung gerät, mitzusingen. Lou Reed war schon immer der Meinung, dass Lieder sich verändern, wie das Leben und die Welt sich verändert. Darum interpretiert er seine Stücke gern bei jedem Konzert neu.

Als er in jungen Jahren auf der Suche nach seiner Sexualität unter anderem intime Beziehungen zu Männern suchte und zudem stets einen gesunden Zweifel an Obrigkeiten hegte - und sich gegen alle Erziehungsberechtigten auflehnte, zwangen ihn seine Eltern zum Psychiater, wo er mit Elektroschocks behandelt wurde. In den fünfziger Jahren ging es halt noch etwas derber zu. Wer nicht spurt, wird therapiert, und sei es mit Stromstößen. Lou Reed verarbeitete diese Erfahrungen in späteren Jahren zu Songs, die, oberflächlich betrachtet, anstrengender Krach sind, genauer belauscht aber grandiose Werke mit hypnotisierender Wirkung sind. Das fing bei Velvet Underground ("VU") an und zog sich wie ein roter Faden durch sein Werk, über Metal Machine Music bis zu eben jenem Metallica-Epos. Daher ist der Titel seiner Tournee „From VU to Lulu“ auch stimmig. Reed spielt an diesem Abend neben einigen Lulu-Titeln ausschließlich alte Lieder und befriedigt damit die Bedürfnisse seiner Anhänger perfekt: eine 25-Minuten-Version von „Heroin“, gefolgt von „Waiting for my man“ mit trance-artigem, zehnminütigem Intro.

Später dann auch „Walk on the wild side“, freilich neu arrangiert und versetzt gesungen. Dazu beste, echte, gute, zeitlose Gitarrenmusik. Seine Band besteht natürlich durch die Bank aus wunderbaren Musikern und man wird getragen vom schweren und glücklichmachenden Klangteppich des Lewis Allan Reed, der mit seinen siebzig Jahren noch immer sämtliche Regeln des Rock´n´Roll beherrscht.

Am rechten äußeren Rand der Bühne steht ein sehr junges, hochgewachsenes, androgynes männliches Bandmitglied, das stark an Andy Warhol erinnert. Viele Chorus-Passagen singt er mit heller, hoher Stimme und wirkt dabei irgendwie putzig. Er hat eine elfenhafte Ausstrahlung, zerbrechlich, schutzbedürftig. Der Gegensatz zum kratzbürstigen Rebell Lou Reed ist durchaus charmant.

Jahrzehntelang war der Auftakt jedes Lou Reed-Konzertes „Sweet Jane“. Diesmal spielt er dieses Lied als letzte Zugabe. Er hat seine ganz eigene Art von Timing, bleibt sich immer treu, und wird daher auch von seinen Fans mit allen Konsequenzen geliebt. Glückliche Menschen aller Altersgruppen schlurfen aus dem Tollwood-Zelt, Gitarrensaiten im Kopf. Und eine immerwährende, einprägsame, vertraute Stimme. Die Stimme von Lou Reed.

Moses Wolff

Veröffentlicht am: 03.07.2012

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