Neuer "Signalraum" im Haidhauser Einstein

Wetterbericht ohne Eitelkeiten, freundlicher Sog, jaulender Keilriemen

von Alexander Strauch

Thomas Meadowcraft und Mathis Mayr. Foto: Christoph Reiserer

Der australische Komponist Thomas Meadowcraft und der Münchner Cellist Mathis Mayr eröffnen „Surrounded-Aktionstage“ des neu gegründeten „Signalraum“ im Haidhausener Kulturzentrum Einstein.

Eine Wiederbegegnung mit alten Bekannten wurde die erste Veranstaltung von „Signalraum“. Diese neue Reihe tritt die Nachfolge der „t-u-b-e“ im Einstein an. Wie beim Vorgänger liegt das Augenmerk auf Klangkunst in Verknüpfung mit anderen Künsten in Konzerten, Performances und Installationen. Mit „Surrounded“ soll nun der Paukenschlag zum Neubeginn erfolgen, neue Publikumsschichten umgarnt werden. So ist der Eintritt frei und heisst einen erstmal der Duft von Suppe und anderen warmen Speisen willkommen, der auch durch den Saal wehte und von vornherein hungrig machte. Wurde man nun satt?

Zuerst stellte sich als Hors d'oeuvre das neue Team aus Horst Konietzny, Christoph Reiserer und Matthias von Tesmar vor. Dann endlich kam der Hauptgang, die „Weather Forecasting Opera“ von Thomas Meadowcraft, ebenfalls ein Wiedersehen. Eingefleischten Theatergängern ist er als Ko-Performer und Musikgenosse der Münchner Theatergruppe „Hunger und Seide“ bekannt. Gourmets des Musiktheaters Neuer Musik wird er als einer der drei Gewinner des Opernkompositionswettbewerbs „teatro minimo“ im Jahre 2003 noch ein Begriff sein. Damals gab es die erste Fassung dieser „Wetterberichtsoper“. Erstfassung wie Überarbeitung laden auf eine wetterhistorische Tour durch den Mittelmeerraum auf den Spuren Odysseus' ein.

Meadowcraft sprach den englischen Text selbst in solch einem flüssigen Tempo, dass man in der Flut der per Video projizierten Wetterkarten und leicht einlullenden Cello- und Synthesizerklänge nur verstand, dass das Wetter wohl maßgeblich zu Wendungen im Leben beitragen kann, heute verschärft durch den Klimawandel. Nach dem Informationsbeginn nahm das Stück einen auf die Reise durch verschiedenste antike bis moderne Karten der mediterranen Welt mit. Je nach Zeitalter drehte sich die Darstellung der Himmelsrichtungen, war Italien mal nur ein Zipfel, Griechenland so groß wie Afrika, so dass man im Strudel der Bilder immer mehr in den freundlichen Sog der Musik geriet. So konnte man sowieso im endlich warmen Juniwetter sommerlich gestimmt englisch „All fine“ sagen, gemäß dem Titel der Erstversion.

Als Nachspeise gab es noch überraschend nicht angekündigt Meadowcrafts Cellostück „A Vanity Press“. Das forderte dem Cellisten Mathis Mayr nun mehr komplexe mikrotonale Intonation ab, die er meisterlich fein beherrschte und dennoch gegen Ende des Stücks scharf alle Saitenwölfe seines Instruments zum jaulen brachte. Statt der obligaten Zuspielung performte Meadowcraft konträr zum Eitelkeit verkündenden Stücktitel die Elektronik höchstselbst mit Rechner und Tonbandmaschine: Das Cello wurde original abgenommen und tiefer als es klingen kann verfremdet. Diese Verfremdung wurde wieder verfremdet, und so weiter – bis die Elektronik noiseartig wie ein köstlich jaulender Keilriemen kreischte und das Cello zu noch krasseren Tönen animierte.

Ein satter Beginn einer anspruchsvollen Reihe. Man kann den Machern des „Signalraums“ nur das Beste wünschen! Bis 21. Juni gibt es täglich Installationen von Dominique Wollnick und Susanne Wagner zu sehen, senden Studenten der Bauhaus-Uni Weimar Live-Hörstücke.

Veröffentlicht am: 17.06.2012

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