Lausunds "Der Weg zum Glück" in der Halle 7

Isoliert im zerlegten Ich

von Michael Weiser

Gefangen im Ich: Fabian Fender (Foto: Astrid Ackermann)

Irrwege eines Leerläufers:  Im Einmannstück "Der Weg zum Glück" nimmt Ingrid Lausund die geschäftige und gleichwohl orientierungslose Suche nach dem Lebenssinn aufs Korn, absurd, tragisch - und komisch. In der Halle 7 ist das Stück heute, am Donnerstag, und noch zwei weitere Male zu sehen.

Vielleicht hat Selma Agirgöl - sie gestaltete die Bühne - jene kleine Graphik von der "Komfortzone" vor Augen: Sinn, Abenteuer und vielleicht sogar Glück lassen sich ein paar Schritte außerhalb des Kreises des Gewohnten und Vertrauten finden. Für den Monolog dieses Abends hat sie ein kreisrundes Feld aus Styroporchips aufgeschüttet, wie man sie zum Verpacken verwendet. Offenbar meint man sich hier auch vor den Stößen des Lebens schützen zu können. Von der Decke baumeln schwarze Säcke; zieht man an der Kordel, rieseln weitere Styroporchips herab, sinnlos zwar, aber womöglich auch nicht sinnloser als irgendwelche beliebigen Geschenke. Womit wir bei der Botschaft des Abends wären: Der Weg zum Glück ist nicht, wonach sich einfach so suchen ließe.

Nicht mit Wissen und Materiellem zumindest. Fabian Feder spielt den Sinnsucher, der das alles eigentlich hätte. Wissen: Er weiß um seine Neurosen, kennt, psychologisch gründlich durchgecheckt, die Einzelteile seiner Seele, ist aber offenbar nicht mehr in der Lage, sie zusammenzusetzen zu sinnvoller Einheit. Materielles: der Mannist in der Lage, sich Geschenke zu machen, auch von Hunger ist nie die Rede, also: eine nicht reiche, doch ausreichend begüterte Existenz, wie sie sich allerorten finden ließe. Hilft alles nichts: Feder stammelt sich durch ein Leben, das vor lauter existenzieller Krise in beredte Sprachlosigkeit mündet. "Ich fang noch mal an", das ist der am meisten wiederholte Satz. Lauter Anläufe, nie ein Sprung.

Das Problem des Beinahe-Solisten lässt sich woanders ausmachen. Da sitzt eine junge Frau außerhalb des weißen Komfortkreises. Eleonore Neumann, die Assistentin von Regisseur Alex Novak, hat vorerst nichts zu tun. Das Manuskript auf den Oberschenkeln, sitzt sie am Rande des beleuchteten Gevierts in der Dark Box. Sie könnte also das Stichwort geben, dem Schauspieler, sollte er den Faden verlieren, vermutlich ebenso wie der Theaterfigur, sollte sie endlich mal Ansprache suchen. Beides wird nicht passieren; Feder bleibt im Text, die Figur bei ihrer Selbstbespiegelung. Der Part der jungen Frau wird sich darin erschöpfen, dem Protagonisten eine Krawatte zu schenken - hätten es nicht auch Socken sein können oder eine Kuschelrock-CD? - und einmal voranzuschreiten. Der Protagonist folgt ihr erratisch - und unterstreicht in diesem hilflosen Versuch der Kontaktaufnahme seine Isolation.

Währenddessen erzählt Feder. Von Partys. Vom Zwang, Witze zu machen. Und vom Zwang, das Haar in der Suppe zu finden. Von selbst gegrabenen Abgründen: "Ich freue mich so lange, bis ich Panik bekomme." Und so vergeht die Zeit. "Happy Birthday" quillt in immer neuen Versionen aus den Lautsprechern, wir ahnen schon: es wird sich nichts mehr ändern. Diese Figur hat sich die Flügel gründlich abgesengt, sie wird am Boden bleiben, in ihrer Beschränktheit und Liebesunfähigkeit. Bis das Licht ausgeht.

Zu sehen im Theater Halle 7 auf dem Gelände der Kultfabrik noch heute abend, 14. Juni, sowie am 19. und 29. Juni. Beginn jeweils 20 Uhr.

Veröffentlicht am: 14.06.2012

Über den Autor

Michael Weiser

Redakteur, Gründer

Michael Weiser (1966) ist seit 2010 beim Kulturvollzug.

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