Das neue Haus der Kunst unter Okwui Enwezor

Raunende Unverbindlichkeit und ein Modell aus weißer Schokolade

von Michael Grill

Adela Jusic: The Sniper (2007, Filmstill). Foto: HdK

Aktuelle Medienkritik in "Bild - Gegen - Bild" und seine eigene Münchner Geschichte in "Geschichten im Konflikt" zeigt das  Haus der Kunst bei zwei frisch angelaufenen Ausstellungen. Beide provozieren wichtige Diskussionen. Was die Ansagen des neue Direktors Okwui Enwezor in der Praxis bedeuten, bleibt an vielen Stellen unklar. Eine Doppelbesprechung.

 

Das Haus von Bin Laden als Videospiel, die Titelseiten des 11. September als Medien-Schule - und viel gestriges Erstaunen: Künstler wollen „Gegenbilder“ liefern, doch es sind in "Bild - Gegen - Bild" nur Bilder.

Es liegt ein Unbehagen über dem Thema, das die Notwendigkeit der Aufarbeitung signalisiert: Was sehen wir wirklich, wenn wir Bilder vom Krieg präsentiert bekommen? Können wir glauben, was uns als reale Gewalt buchstäblich verkauft wird, um uns aufzustacheln oder aufzuklären? „Bild – Gegen – Bild“ stellt künstlerische Positionen vor, die sich kritisch mit der Darstellung von gewalttätigen Konflikten in den Medien befassen“, so das Haus der Kunst.

Gleich 4 Kuratoren gingen die Sache an, da man wissenschaftlich vorgehen wollte, konzentrierte man sich auf die letzten beiden Dekaden, also die Zeit seit den jüngeren Golfkriegen. Es gibt Medienbilder – nun gibt es Gegenbilder von 19 Künstlern. Sean Snyder stellt das Wirken des US-Verteidigungsministeriums dem von Al Qaida gegenüber; Trevor Paglen fotografiert geheime Militäranlagen und zeigt (angebliche) Himmelsspuren von Spionagesatelliten: Es stellt sich die Frage, ob hier eine Art Kunstvariante von Wikileaks installiert wurde.

Alfredo Jarr macht es wieder genau anders herum, er zerrt nichts an Licht, sondern er vergräbt reale Kriegsfotos in Archivboxen. Wer es noch nicht wusste, lernt daraus, dass wir manche Bilder auch nicht zu sehen bekommen. Das Briten-Duo Langlands & Bell hat das Haus von Bin Laden als interaktive Computersimulation sichtbar gemacht und belässt es dabei: Egoshooting findet nicht statt.

Aufklärende Gegenrecherche betreibt Jasmila Zbanic, indem sie einen Fall aus dem Jugoslawien-Krieg dokumentiert, in dem ein Journalist eine schwer verletzte Frau fotografierte anstatt ihr zu helfen. Und zentral hängen 150 von Hans-Peter Feldmann arrangierte Titelseiten von „9/11“. Das soll die „Hierarchisierung von Nachrichten“ vorführen, wofür allerdings der New Yorker Terrorakt ein denkbar schlechtes Beispiel ist. Und ist die Klage, dass die Bilder der stürzenden Twin Towers ein „einschlägiges Beispiel für die weltweite Vernetzung von Nachrichtenagenturen“ seien, nicht einfach nur banal im gestrigen Erstaunen über die globale Medienwelt?

Selten verschwamm die Grenze zwischen Kunst und Journalismus so konsequent wie in dieser Schau. Bis dahin, dass man fragen muss, ob hier nicht verkappte Journalisten vor den ernsthaften Konsequenzen des Jobs in die raunende Unverbindlichkeit der Kunstsphäre flüchten.

Das Problem ist nicht, dass die Medien hinterfragt werden, sondern dass dabei Militär, Geheimdienste und Journalisten als Manipulierer in einem Topf landen. So einfach ist die Welt der Medien nicht.

Nach den eigentlichen Ursachen für die zum Teil ja in der Tat beklagenswerten Entwicklungen wird nicht geforscht: Sensationsgeil sind wir schließlich alle.

 

Das Modell vom "Haus der Deutschen Kunst" auf dem Festzug "Glanzzeiten deutscher Geschichte". Im Gegensatz zur Ideologie hat das Haus überlebt - und das Modell steht nun in einer Schokoladenfassung in der neuen Schau. Foto: Zentralinstitut für Kunstgeschichte

Der Blick in die Geschichte weitet sich: Das Haus der Kunst beleuchtet sich nun auch in der Nachkriegszeit. Die zweite neue Ausstellung "Geschichte im Konflikt"

Es ist ein doppelter Jahrestag, der heuer im Haus der Kunst begangen (von „feiern“ spricht man klugerweise nicht) wird: Vor 70 Jahren von Hitler als Haus seiner Kunstpropaganda eröffnet, gab man dem Museum vor 20 Jahren eine neue Rechtsform mit einem Mischmodell aus öffentlicher und privater Förderung.

Aus diesem Anlass werden nun auch weitere Kapitel seiner Geschichte aufgearbeitet: Aufgebrochen

durch „Interventionen“ des Schweizer Konzeptkünstlers Christian Philipp Müller geht der Blick von den Anfängen nun bis in die Nachkriegszeit: „Geschichten im Konflikt – Das Haus der Kunst und der ideologische Gebrauch von Kunst 1937 – 1955“ schließt an Chris Dercons „kritischen Rückbau“ an und stellt unter anderem ein Foto eines schüchternen Modeschau-Mädchens an den Führer-Platz in der Hausmitte und öffnet Blickachsen durch bislang verschlossene Ballustraden.

Eine Basketball-Halle bringt die Amerikaner nach dem Krieg zurück, nebenan entstand das riesenhafte Architekturmodell, das die Nazis zur Eröffnung durch die Stadt trugen, neu aus weißer Schokolade: „Modell der Verführung“.

Zwischen dokumentarisch und historisch-ironisch schwankt die Zusammenstellung von Bildern, die von den Nazis goutierte, „offizielle“ deutsche Kunst mit derjenigen in einen Raum zwingt, die als „entartet“ gebrandmarkt wurde.

All das soll insbesondere belegen, was der neue Chef Enwezor unter einem „reflexiven Museum“ versteht, wobei sich noch nicht ganz erschließt, was der Begriff eigentlich mehr sein soll als halt einfach ein schöner neuer Begriff.

 

„Geschichten im Konflikt“, bis 13. 1. 2013.

„Bild - Gegen - Bild“, bis 16.9. 2012.

Geöffnet Mo bis So 10 – 20, Do bis 22 Uhr.

Veröffentlicht am: 11.06.2012

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