Völkerkundemuseum feiert 150. Geburtstag

Königliches "Netzwerk Exotik" für die Wunder der Welt

von kulturvollzug

Brustschmuck in Form eines Raubvogels aus Panama, vor 1862. Foto: VKM-Weidner

„Netzwerk Exotik“ heißt eine Jubiläums-Ausstellung, die das Staatliche Museum für Völkerkunde in München heute (21. Juni 2012) feierlich eröffnet. 150 Jahre zuvor hatte König Maximilian II. den Geologen und Zoologen Moritz Wagner zum ersten Konservator der ethnographischen Sammlungen des Hauses Wittelsbach ernannt. Dies wird jetzt als Geburtstakt des ältesten und nach Berlin zweitgrößten Völkerkundemuseums Deutschlands gefeiert. Sein hauseigener Bestand ist auf mehr als 160.000 Objekte gewachsen.

Der aus Bayreuth stammende Moritz Wagner (1813 – 1887) war ein vielseitig gelehrter und vielgereister Mann. Ein wissenschaftliches „Netzwerk“ verband ihn mit Alexander von Humboldt, Charles Darwin, Ernst Haeckel und Justus von Liebig. Wagner betrieb naturkundliche Studien in Nordafrika, Südamerika und Zentralamerika, wo er auch bei Vermessungen für den Panamakanal tätig war. Als Professor hielt er Vorlesungen in Geographie und entwickelte er eine Migrationstheorie für Flora und Fauna.

Modell eines Wohnhauses Japan, vor 1862. Foto: VKM-Franke

Der 1862 von Ludwigs II. erteilte Auftrag lautete, in den nördlichen Hofgartenarkaden (wo damals auch die Gemälde der heutigen Alten Pinakothek hingen) eine der Öffentlichkeit zugängliche „Königliche Ethnographische Sammlung“ einzurichten. Die Ausstellungsgegenstände wählte Wagner aus der zunächst in der Münze (mit Hilfe der Fugger) eingerichteten „Wunderkammer“ bayerischer Herzöge und Kurfürsten und aus anderen Kollektionen. Die bayerischen und europäischen Stücke wurden ausgesondert und zum Teil dem 1867 eröffneten Nationalmuseum einverleibt. 1868 wurde das neue und neuartige Museum in der Galeriestraße eröffnet.

Den Grundstock bildete, außer den teilweise aus Kriegsbeute oder von Missionaren stammenden Kuriositäten der Wittelsbacher, die Ausbeute einer dreijährigen, abenteuerlichen Amazonasreise „auf Befehl“ von König Max I. Joseph. 1820 hatten der Biologie-Professor Carl Friedrich Philipp von Martius und der Zoologe Johann Baptist von Spix mitgebracht 85 Arten von Säugetieren, 30 Vogelarten, 130 Amphibien, 116 Fisch- und 6500 Pflanzenarten sowie eine Fülle von völkerkundlichen Mitbringseln und mehrbändige Berichte. Außerdem brachten sie mit zwei Indianerkinder, die aber bald verstarben - ein sehr trauriges Kapitel der damaligen Forschungen.

Straußenei aus Südafrika, vor 1859. Foto: VKM-Franke

Ein weiterer Baustein des neuen Museums ist die Sammlung des bayerischen Arztes Philipp Franz von Siebold, der als wissenschaftlicher Entdecker Japans gilt. Hinzu kamen später noch indische und chinesische Kleinplastiken aus der Privatsammlung Ludwigs I., Prunkstücke aus einer Stiftung von Kronprinz Rupprecht, die Südamerika-Sammlung der Prinzessin Therese von Bayern, Teile aus dem Nachlass von James Cook, Geschenke des russischen Weltumseglers Krusenstern, Seekisten des französischen Apothekers Picquot. Nach dem Zweiten Weltkrieg vermachten der Bühnenbildner Emil Preetorius seine fernöstlichen Schätze und der FDP-Politiker Otto Bezolz seine hinduistischen und buddhistischen Kultfiguren. Mehrere Direktoren des Museums für Völkerkunde, wie es seit 1917 bezeichnet wurde, unternahmen selbst Forschungsreisen und brachten einzigartige Exotica mit.

1926 war die Sammlung umgezogen in das vom Gärtner-Schüler Eduard Riedel errichtete Gebäude an der Maximilianstraße, das auf Wunsch König Ludwigs I. eine Taubstummenanstalt werden sollte, aber erst als Nationalmuseum diente und von 1906 bis 1925 die von Oskar Miller gesammelten Objekte für sein Deutsches Museum beherbergte. Wegen der besonders schweren Kriegszerstörungen wurde der Wiederaufbau relativ spät begonnen und mehrmals wurde das Gebäude generalsaniert, weil die klimatischen Verhältnisse den hochempfindlichen Ausstellungsgegenständen wenig zuträglich waren. Neu sind ein Restaurant und ein als „Carawanserei“ inszenierter Museumsshop. Beliebt sind das Ethnologische Filmfestival und der Ethnologische Salon, der sich im Herbst dem exotischen Bayern-Bild widmen will.

Karl Stankiewitz

Veröffentlicht am: 21.06.2012

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