Klangfest-Impressionen (II)

Wie die Musikstadt neu erwacht

von Michael Wüst

In leuchtenden Klängen. Der musikalische Geist ist am Pfingstwochenende gleich dreimal auf München gekommen. Klangfest, Theatron und neu und bescheiden in der Namensgebung das "München Festival". Und die Biennale 2012 war noch nicht ganz verklungen. Musikstadt München.

Dr. Hans Georg Küppers eröffnet das Klangfest. Foto: Michael Wüst

Ein gut gelaunter und zu Scherzen aufgelegter Kulturreferent Küppers hatte bereits letztes Jahr frühzeitig bei der Uefa den Klangfesttermin angemeldet, so dass der Wochenabstand zum Finale der Champions League gewahrt werden konnte. Das ist dem neuen "München Festival" immerhin auch gelungen. Nach geglückter Flucht vor dem Menetekel Uefa sind die Macher um Event-Hexe Zehra Spindler dann prompt in die Terminkoinzidenz Klangfest-Theatron getappt. Der Kulturreferent gewann der Sache das Positivste ab: Man sollte eben zukünftig besser koordinieren, denn München verträgt ein derart opulentes Angebot.

Das Klangfest war eröffnet, dort stand auch die weiße Couchgarnitur der Moderatoren. Ulrich Habersetzer und Jürgen Jung vom Bayrischen Rundfunk, Oliver Hochkeppel von der Süddeutschen Zeitung, Ecco Meineke und schließlich Michael Grill vom Kulturvollzug sollten zwischen den Acts der 29 Gruppen vorstellen, informieren, auflockern.

Da ging es draußen auf der Open-Air-Bühne schon los mit den Jungs von „Zico“, die übrig geblieben waren von ihrer Abiturfeier nachts zuvor. Verkaterte, freche Rasta-Men spielten herrlich mit dem vielleicht berühmtesten italienischen Schlager, mit „Volare“.  Knapp eine Stunde später war der Carl Orff-Saal mit seinen 520 Plätzen bereits fast voll. Die „United Klezmer Society“, leider ohne den verhinderten Artur Silber, begann im vorwiegend den Jazzlabels vorbehaltenen Saal, moderiert von Unterfahrts-Programmchefin Christiane Böhnke-Geisse.

Was im Klezmer, dieser Schtetl-Musik, von Anatevka bis zu den New Yorkern Klezmatics zusammengehalten bleibt durch Erinnerung und Sentiment, das war schon beim nächsten Kurzkonzert im kleinen Konzertsaal tight in sich selbst. Der 24-jährige, laut Pressetext Ausnahmesaxophonist  Max Merseny machte mit seiner Band nämlich keine. Der Fusion-Rock der „Rare Grooves“ der 70er Jahre wurde gnadenlos und mostly tight exekutiert. Keine Ausnahme. Keine Gefangenen. Die Debut-CD „Thank Y' all“, erschienen bei Enja Records, ist ein kompaktes Brett aus wahren Akzentgeschossen.

Ein Highlight des Klangfestes: Ryan Carniaux. Foto: Michael Wüst

Keineswegs kompromisslos, sondern diskursiv, in vielschichtiger phrasierender Bewegung, ein absolutes Highlight des Klangfestes war anschließend im Carl Orff-Saal Ryan Carniaux: Der Trompeter und Flügelhornist präsentierte seine von Wolfgang Lackerschmid (vibr) geförderte CD „Reflections of the Persevering Mind“. Ryan Carniaux, Wolfgang Lackerschmid und Drummer Samuel Dühsler waren bereits 2010 in der Black Box beim 21. Jazzfest der Jazzmusikerinitiative (JIM) im Freejazz-Konzert der Gruppe TTT mit Trompetenlegende Manfred Schoof und dem wilden Malerfürsten Markus Lüppertz am Klavier zu erleben gewesen.

Schon bei diesem Konzert, das so manchem Swingpolizisten Flügel Richtung Ausgang verlieh, zeigte sich die souveräne Technik von Carniaux. Bei seinem Konzert im Carl Orff- Saal bestach er bei der Ballade „Sad and Beautiful World“ durch seinen optimal samtenen Ton am Flügelhorn, an den großen Thad Jones erinnernd. Pianist Mike Roelofs spielt sich, ausgehend von einer an „A Child is Born“ erinnernden Linie, über dunkle Funny-Valentine-Farben in impressionistische Gefilde. Da spürt man Erik Satie und Maurice Ravel. Dann greift er in die Saiten des Flügels und tupft einen Groove orientalischen Molls, was übergeht in ein dunkles, rhapsodisches Schweben. Großartig.

Chris Jennings mit Koto-Spielerin Mieko Miyazaki Drummer Patrick Goraguer. Foto: Michael Wüst

Auch von ganz großer Klasse: Der kanadische Bassist Chris Jennings mit der Koto-Spielerin Mieko Miyazaki und dem Drummer Patrick Goraguer, der auch das iranische, hackbrettartige Instrument Santour spielte. Geprägt sind die Kompositionen von der Charakteristik der Koto, einer Art schmaler, langgezogener Zither in Bügelbrettausmaßen. Spannung und Stimmung bewirken Schiffchen, die von unten her unter die Saiten gesetzt sind und sie in verschiedenen Verhältnissen zur Gesamtlänge teilen. Durch das Verschieben dieser Schiffchen entstehen verschiedene Naturtonreihen. Das ist aufwändig und erfordert eine sehr disziplinierte Virtuosität. Was Wunder, wenn gerade das die Japanerin nicht könnte! Nein mehr, es gelingt ihr sogar die Themen mit perkussiven Momenten intensiv nach vorne zu treiben. Chris Jennings spielt zu den komplizierten Läufen der Koto unisono. Wenn dann der Drummer Patrick Goraguer an der iranischen Santour noch einen Teppich unterlegt, ergibt sich ein wunderbarer Klang.

Kurz vor Schluss des Klangfestes, ebenfalls im Carl-Orff-Saal, zeigt das Jacob Karlzon Trio, dass die große Zeit des skandinavischen Klaviertrios nach dem Ende dem Esbjörn Svensson Trio (EST) mit ihnen eine brillante Fortsetzung erfahren wird. Drei Traumwandler. Jacob Karlzon (Flügel), Hans Andersson (Bass) und Jonas Holgersson (drums) spielen, wenn sie wollen, drei Soli miteinander. Jeder in seiner rhythmischen Welt, jeder in seiner Form und doch durchdringt und durchwirkt sich alles – hochästhetisch, elegant und heiter. Wie der Bassist Hans Andersson Klavier und Schlagzeug ineinander verschlingt und verwebt, das ist mehr als traumwandlerisch, das ist traumhaft.

Ein wunderbarer Pfingstsamstag ging zu Ende in der Musikstadt München.

Mehr vom Klangfest: Hier lesen sie Impressionen I und finden die Bildergalerie.

Veröffentlicht am: 28.05.2012

Über den Autor

Michael Wüst

Redakteur

Michael Wüst ist seit 2010 beim Kulturvollzug.

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