Klangfest-Interview mit Kulturreferent Küppers

"Das wird vom Publikum regelrecht aufgesogen"

von Michael Grill

Dieses Mal dabei: Schorsch & de Bagasch. Foto: Klangfest

Das heuer zum dritten Mal stattfindende Klangfest im Gasteig war schon in den ersten beiden Jahren ein so großer Erfolg beim Publikum, dass das Kulturzentrum an seine Kapazitätsgrenzen stieß. Die vom Verband VUT-Süd organisierte und vom Kulturreferat unterstützte Veranstaltung soll einen kurzweiligen Überblick über die gesamte Münchner Musikszene bieten. Wir fragten  Kulturreferent Hans-Georg Küppers, wohin sich das Fest noch entwickeln kann.

Herr Küppers, erst vor wenigen Wochen haben einige Autoren mit dem Buch „Der Kulturinfarkt“ eine radikale Kürzung der Kulturförderung in Deutschland gefordert, weil „immer mehr vom immer gleichen“ produziert werde. Worin besteht der Sinn für die Stadt, wenn sie regionale Musiker und Bands wie beim Klangfest unterstützt?

Kulturreferent Hans-Georg Küppers. Foto: Alessandra Schellnegger/Kulturreferat

Das Klangfest hat mehrere Ansätze, die wir als Stadt München unterstützen. Einerseits zeigt es die Vielfalt der Münchner Plattenlabels. Damit zeigen wir die große kulturelle Bandbreite des musikalischen Schaffens in dieser Stadt, die oft nicht genügend wahrgenommen wird, und betreiben zugleich auch Wirtschaftsförderung. Darüber hinaus ist es ebenso eine sinnvolle Ergänzung zur Band- und Musikförderung, wenn auch Gruppen auftreten, die in anderer Form bereits durch Fördermaßnahmen unserer Stadt unterstützt wurden. Und neben den vielen musikalischen Darbietungen wird auch noch fachkundig diskutiert. Vielfältiger kann man sich – zumal bei freiem Eintritt – dem Thema kaum nähern.

Im vergangenen Jahr sagten Sie über das Klangfest: „Das ist für mich in der besten Form "Kultur für alle". Ist die Kultur für alle mittlerweile in die Defensive geraten?

Kultur für alle ist eine Forderung, die weiterhin zu einem demokratischen Kulturbegriff gehört. Sie muss nur jeden Tag aufs neue bewiesen und erarbeitet werden. Wir tun das, unter anderem mit dem Klangfest im Gasteig, aber auch mit dem Theatron, mit Ander Art, mit den Stadtteilwochen oder den Kulturtagen.

Wie 2011 schon zu sehen war, stößt der Gasteig beim Klangfest an seine Kapazitätsgrenzen. Ist das Kulturzentrum langfristig der richtige Ort?

Wir unterstützen den VUT mit dem und im Gasteig. Wenn das Festival in dieser Form expandieren und auch andere Orte in Ergänzung finden muss oder will, so ist das doch umso erfreulicher für alle: die Veranstalter, die Musiker und vor allem das zahlreiche Publikum. Man kann jedoch auch überlegen, ob eine Beschränkung nicht letztendlich einem Festival auch gut tun kann.

Heuer wird beim Klangfest insbesondere darüber diskutiert werden, ob der Musikfan überhaupt noch Tonträger benötigt, wenn die digitale Technik zum Beispiel über Streams Alternativen ermöglicht. Können Sie sich vorstellen, keine physische Musiksammlung mehr zuhause zu haben?

Ich kann mir das für jemanden wie mich, der mit Platten und Musikkassetten sozialisiert wurde, nicht vorstellen. Wichtig finde ich bei dieser Diskussion, dass etwas so Elementares wie Musik für jeden in der ihm gemäßen Form vorliegt und verfügbar ist, ohne dass die Musiker dabei zu Bittstellern werden müssen.

In München wurde von den Organisatoren von Puerto Giesing und Art Babel ein zweites Festival für die heimische Szene ins Leben gerufen, dass sich „München Festival“ nennt und nun ausgerechnet am selben Pfingstwochenende wie das Klangfest in den „Postgaragen“ stattfindet. Ist das nicht ärgerlich, dass sich hier Förderer der Szene gegenseitig das Publikum wegnehmen?

Auf der Klangfest-Open-Air-Bühne 2011. Foto: Salvan Joachim

Ob der Termin ganz glücklich gewählt ist, lasse ich einmal dahingestellt. Ein Festival mit Eintrittspreis und mehreren „Party-Crews“ fördert naturgemäß anders als ein Klangfest im größten städtischen Kulturzentrum. Aber es gehört doch zu einer Großstadt, ein reichhaltiges Angebot für ein vielgestaltiges Publikum zu haben. Daher sehe ich mehrere Veranstaltungsformate als Ergänzung. Und außerdem zeigt es, dass München in Bewegung ist. Mal sehen, wo das hinführt.

Beim „München Festival“ spielen unter anderem Bands des Labels Trikont, die jungen Umtriebigen von Elektrik Kezy Mezy, Szene-Gurus wie Mirko Hecktor, es gibt einen starken Hip-Hop-Schwerpunkt. Es wirkt so, als würden sich nicht alle Labels und Künstler beim Klangfest aufgehoben fühlen. Sehen Sie hier verschiedene Fraktionen in der Münchner Szene?

Lebendige Szenen zeichnen sich dadurch aus, dass sie nicht homogen sind und sich auch widersprechen. Alles andere wäre auf Dauer künstlerisch vielleicht auch nicht unbedingt so fruchtbringend.

Ist das Auftauchen mehrerer Plattformen für die heimische Szene ein chancenreicher Aufbruch oder der Beginn einer gefährlichen Entwicklung?

Nick Woodland, Klangfest-Musiker im vergangenen Jahr. Foto: Salvan Joachim

Ich sehe die Gefahr eines vielfältigen und reichhaltigen Angebots nicht, wenn es für alles ein Publikum gibt. Ich sehe, wie gesagt, eine Stadt in Bewegung mit lebendigen, mitunter auch widersprüchlichen Szenen. Kultur in der Stadt ist immer mehr als Kultur von der Stadt.

Wie geht es der Münchner Musikszene derzeit überhaupt?

Die vielen Musikszenen dieser Stadt – von der jungen Volksmusik über Pop, Rock und der ganzen Artenvielfalt dort bis hin zu Jazz - wirken auf mich erfreulich agil und vor allem auch kontaktfreudig. Da entsteht viel Neues, auch Crossover, und wird von einem überaus interessierten Publikum regelrecht aufgesogen. An dieser Vielfalt, Lebendigkeit und dem Austausch erkennt man die wirkliche Musikmetropole München.

Klangfest im Gasteig, am Pfingstsamstag ab 15 Uhr auf mehreren Bühnen bei freiem Eintritt. Infos und Programm unter www.klangfest-muenchen.de. Um 17 Uhr beginnt die Prodiumsdiskussion „Von der Plattensammlung zum Streaming - Wieviel Körper braucht Musik (heute noch)?".

Der Kulturvollzug ist Medienpartner beim Klangfest und hat ein Bandvoting mit seinen Lesern veranstaltet. Dieses Interview wurde wegen der Terminnot des Münchner Kulturreferenten in schriftlicher Form geführt.

Veröffentlicht am: 26.05.2012

Über den Autor

Michael Grill

Redakteur, Gründer

Michael Grill (1968) ist seit 2010 beim Kulturvollzug.

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