Zum 85. von Multi-Pionier Herbert W. Franke

Mit dem Kathodenstrahl zur Kunst

von Michael Grill

Aus einer Serie mit Algorithmen für lineare zellulare Automaten (2002 - 2006). Alle Abbildungen: H.W. Franke

Er ist einer der schillerndsten Grenzgänger zwischen Kunst und Wissenschaft. Und vor dem Hintergrund der heute üblichen Spezialisierung ist er fast schon ein Universalgelehrter: Der bei München lebende Physiker, Autor und Künstler Herbert W. Franke, der in diesen Tagen 85 Jahre alt wird. In Freiburg feiert man ihn mit einer Ausstellung, in Tölz wird eines seiner Werke wieder aufgeführt.

Die Geschichte dieses Mannes ist quasi nicht zu erzählen, da sie erstens zu seinen Lebzeiten bereits Zeiträume umfasst, in der sich die Welt der Information völlig verändert hat, woran er selbst einen relevanten Anteil hat. Und zweitens, da man so viele Erzählstränge wie eigentlich nötig wären kaum sinnvoll in einem einzigen Text zusammenbringen kann.

Ein Oszillogramm (1954 – 1959).

Bei der Eröffnung der Ausstellung „Herbert W. Franke – Pionier der Computerkunst“ in der Freiburger Galerie E-Werk sprach die Leiterin Heike Piehler folgerichtig von „mehreren Lebenswerken“ und „Parallelbiografien“, die sich hier in und auf einer Person vereinen. Die Retrospektive im Breisgau beschränkt sich wohl auch deshalb auf Frankes künstlerisches Schaffen – irgendwie muss man ja eine Schneise der Verständlichkeit zu schlagen versuchen.

Ein Porträt von Herbert W. Franke mit Blick auf die Gesamtperson war im Kulturvollzug im Oktober 2011 erschienen und ist hier nachlesbar.

Auch als Medienkünstler, der er schon war als es den Begriff noch nicht gab, ist Franke mehrdimensional. Bei der Vernissage in Freiburg zählte Leiterin Piehler auf: Künstler, Sammler, Kurator, Förderer, Theoretiker, Vermittler, Kritiker, Visionär. Er nahm die Huldigung mit einem Blick zur Kenntnis, der mit „genervt“ zu unfreundlich umschrieben wäre, denn er wartete während der Vorrede zu Ausstellung wohl vor allem neugierig und ungeduldig darauf, sich endlich wieder mit den Sachen direkt beschäftigen zu dürfen.

Eines der frühen Werke.

Interessant war, was Piehler zur öffentlichen Wahrnehmung der Computerkunst erläuterte: „Nach der ersten Euphorie in den 60er und 70er Jahren kam die Computerkunst wieder aus der Mode, da der Computer zum Alltagsgegenstand wurde. Folglich gerieten auch die Pioniere aus dem Blick.“ Erst in letzter Zeit werde deren Wirken wieder gesehen und gewürdigt, was man auch solchen noch relativ jungen Institutionen wie dem Zentrum für Kunst und Medientechnologie (ZKM) in Karlsruhe zu verdanken habe. Dort war Franke vor zwei Jahren als Person der Zeitgeschichte erstmals umfassend mit einer Ausstellung vorgestellt worden.

Als er an der Reihe kam, stellte der Professor zunächst klar, wie er sich selbst sieht: „Ich bin Physiker.“ Und er wollte erklären, wie er seinen Weg in die Kunst fand. Ausgangspunkt waren sehr frühe Arbeiten als Wissenschaftler am Rasterelektronenmikroskop: „Wenn man richtig gerechnet hatte, war es gut. Aber wenn man falsch gerechnet hatte, waren die Bilder schöner.“

"Quadrate" von 1967.

So fing er an, mit Bilderwelten unter ästhetischen Aspekten zu experimentieren und träumte von „einem Universalgerät für grafische Experimente“. Er stürzte sich auf die ersten digitalen Rechner und fand bei der Suche nach einem Ausgabegerät für die berechneten Strukturen den Kathodenstrahl-Oszillographen. Die erste Ausstellung war 1958 in Wien zu sehen, aus heutiger Sicht fast soweit weg wie der Bau der Pyramiden.

Herbert W. Franke bei seiner Rede zur Eröffnung im Freiburger E-Werk. Foto: Michael Grill

Franke aber ist, zumindest nach außen, unendlich nüchtern: „Wer eine solche Apparatur zur Verfügung hat und ein bisschen ästhetisches Grundgefühl, der findet das Gerät faszinierend. So war es leicht, ein Pionier der Computerkunst zu werden.“ Fast klingt es, als wollte er auch die Faszination berechnen. Das Verblüffende ist: Franke macht als Forscher in der Wahrnehmungs- und Informationspsychologie so etwas tatsächlich. Und das Schöne ist: Er rechnet den menschlichen Faktor nicht weg, der Maschinenkünstler sieht den Menschen stets über den Dingen.

Eine Arbeit aus der Serie "Phantastische Landschaften".

Die nicht übergroße Ausstellung zeigt Bilder, Aufzeichnungen von Interviews und seltene Filme von Franke. Ihr thematischer Anfang ist nicht leicht zu finden, denn die frühen Arbeiten (vor allem die mit den noch sehr feinen Linien der Oszillogramme aus den 60er Jahren) sind als solche erst auf den zweiten Blick zu erkennbar. Auch die anderen Werke stehen für sich und müssen ohne weitere Erklärung auskommen; der gut ausgestattete Büchertisch kann das nicht ersetzen. Das ist dort besonders schade, wo der jeweilige Kontext Arbeiten erst verstehbar und als Pionierwerke kenntlich macht, etwa bei den „Fantastischen Landschaften“. Diese können mit heutigen virtuellen Welten lange nicht mehr mithalten – aber darauf kommt es ja eben gar nicht an.

Trotzdem lässt die Schau anhand eines Teils des Lebenswerkes von Herbert W. Franke ahnen, was in den vergangenen nur 50 Jahren für ein ungeheurer Aufbruch stattgefunden hat auf den Feldern der Information und der Wahrnehmung. Wie schön, dass uns davon einer berichten kann, der mit einem Kathodenstrahl umzugehen weiß - und der trotzdem das Spielen nicht verlernt hat.

 

Herbert W. Franke – Pionier der Computerkunst“ in der Galerie E-Werk (Eschholzstraße 77, 79106 Freiburg, Telefon 0761 / 207570, www.ewerk-freiburg.de). Die Ausstellung ist jeweils Mi bis Sa von 18 bis 21 Uhr geöffnet und bis zum 27. Mai 2012 zu sehen; der Eintritt ist frei.

Die nächste Aufführung des Marionettenspiels „Der Kristiallplanet“ im Marionettentheater Bad Tölz ist am 25. Mai 2012.

In einer seiner jüngsten wissenschaftlichen Arbeiten führt Franke das mathematische Ordnungsprinzip der Stetigkeit neben dem der Symmetrie in der Kunstwahrnehmung ein. Auf der Seite der Münchner Universität gibt es dazu weitere Informationen.

 

 

Veröffentlicht am: 18.05.2012

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Klaus D Rost
18.05.2012 17:33 Uhr

Muss gestehen, heute zum ersten Mal vom Kulturvollzug gehört bzw gelesen zu haben. Sehr aufregend für mich und ich bedanke mich, in den erlauchten Kreis Ihrer Freunde sich aufgenommen zu fühlen.

Kulturvollzug - Michael Grill
19.05.2012 11:55 Uhr

Sehr geehrter Herr Rost,

herzlich Willkommen! Und wir freuen uns, wenn Sie uns weiterempfehlen.

Mit freundlichen Grüßen

M. Grill, Red. Kulturvollzug

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