Milo Raus Reenactment zum Genozid in Ruanda

"Hate Radio": Massenmörder am Moderatorentisch

von Michael Weiser

Mörder am Mikro, Hate-Aufführung Kunsthaus Bregenz (Foto: Frank Schroeder)

So viel derart gedämpften Beifall hat man im Volkstheater selten gehört: Das Doku-Drama "Hate Radio" des Schweizers Milo Rau verstörte bei "Radikal Jung" die Zuschauer regelrecht. Ein eindrucksvolles Stück Reenactment über den Völkermord der Hutu an den Tutsi in Ruanda, in dem ein Radiosender eine fatale Rolle spielte.

Es geht ja. Man kann einen Massenmord planen, in Szene setzen oder antreiben und nebenher entspannt plaudern. Aus der verglasten Sprecherkabine des Senders RTML hört man derlei. Da sitzen drei Menschen um einen runden Tisch mit Mikrofonen herum, kommentieren Nachrichten und erklären, warum die Kakerlaken endlich ausgerottet gehören. "Da uns das Bier langsam ausgeht, sollen die Leute in Gisenyi uns Neues brauen. Braut uns Bier, damit wir Spaß haben! Denn wir stehen kurz davor, diesen Krieg, den die FPR-Rebellen und die Tutsi-Kakerlaken uns aufgezwungen haben, auf spektakuläre Art zu gewinnen."

Hate-Aufführung Kunsthaus Bregenz (Foto: Frank Schroeder)

Kantano Habimana (Diogène Ntarindwa) heißt der Mann, der so launig über die Stimmung im Studio und die Lage im Krieg plaudert. Wenige Monate später wird die FPR den Krieg gewonnen haben und Habimana wird verschwunden sein, untergetaucht in einem der zahllosen Flüchtlingslager. Noch aber ist ein Werk zu tun. Man hat sich davon überzeugt, dass es einen inneren Feind gibt, der das Flugzeug des Präsidenten abgeschossen hat. Man hat ihn seines Menschseins beraubt und zur Kakerlake gemacht, und nun hetzt man. "Jagt sie", ruft Moderatorin Valérie Bemeriki ins Mikrofon. Zwischendurch legt DJ Joseph auf - er ist einer der Gründe, warum RTLM so beliebt ist: Immer die neuesten Hits aus Afrika, aus Frankreich, aus den USA. "Ich hasse alle Hutu" heißt einer der Songs, in dem sich der Songschreiber gegen Hutu wendet, die mit den Tutsis gemeinsame Sache machen.

"Hate Radio" ist kein Theater im üblichen Sinne. Es gibt eine Dramaturgie, ja, aber nur angedeutet: Man sieht eine Einführung, mit erschütternden Aussagen von Überlebenden und Augenzeugen, es folgt der Mittelteil mit dem originalgetreu aufgebauten Studio. Es schließt das Stück ein Epilog. Man nimmt dadurch das Geplauder im Studio anders wahr: Als Durchhaltesendung, durchzogen schon von der Ahnung, dass man den Krieg verlieren könnte. Das Lied "Le Dernier slow" - mit diesem Song beendete RTLM sein tägliches Programm - schwebt melancholisch über die Bühne, während im Sende-Container die Moderatoren die Kopfhörer absetzen, rauchen, im Sessel lümmeln. Eine Bande von Verlorenen, an irgendeinem letzten Punkt der Menschheit.

"Hate Radio" erzählt eine Geschichte. Wie gesagt, Theater im üblichen Sinne ist es dennoch nicht. Man will, man kann sich nicht unterhalten lassen. Man will, man kann sich nicht wirklich mit dem Gegenstand des Stücks auseinandersetzen. Man wird keine Katharsis erleben. Es brennt sich stattdessen ein die kalte Atmosphäre des Senders und die ferne Ahnung, dass der Firnis der Menschlichkeit eine dünne Schicht ist. Diogène Ntarindwa, den beunruhigend guten Darsteller von Kantano Habimana, kann man vielleicht nach der Vorstellung im "Volksgarten" sehen, wie er einen Kaffee trinkt, scherzend, lachend, ein sympathischer, harmloser Mensch. Es könnte auch umgekehrt sein: Ein echter Mörder hinter der Maske eines guten Menschen. Er habe mit Tätern gesprochen, sagte Milo Rau im Interview, und den meisten habe er nicht ansehen können, dass sie Mörder seien. Die Trennlinie zwischen Normalität und Chaos ist schmal. Abgründe lauern überall, hinter den normalsten Fassaden dieser Welt. In dem Gebäude, von dem aus "Hate Radio" ohne Waffen tötete, befindet sich heute ein Uhren- und Schmuckladen.

"Hate Radio", eine Inszenierung von Milo Rau und dem International Institute of Political Murder, ist nochmals am heutigen Dienstag um 18 Uhr und um 21 Uhr im Großen Haus des Volkstheaters zu sehen. Es spielen Afazali Dewaele, Sébastien Foucault, Estelle Marion, Nancy Nkusi, Diogène Ntarindwa; Regie: Milo Rau; Dramaturgie und Konzeptionelles Management: Jens Dietrich Bühne und Ausstattung: Anton Lukas

Veröffentlicht am: 24.04.2012

Über den Autor

Michael Weiser

Redakteur, Gründer

Michael Weiser (1966) ist seit 2010 beim Kulturvollzug.

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