Zum 85. Geburtstag von Erwin Eisch

Letzter der Fünferbande - Die Spur des Revoluzzers und Glaskünstlers

von kulturvollzug

Erwin Eisch inmitten seiner Werke (Foto: DMVO Reimann, Dresden)

"Wir sind die Maler der Zukunft," verkündeten sie in einem ihrer Manifeste. Die neun jungen Künstler, mehrheitlich aus dem nördlichen Altbayern stammend und der Münchner Kunstakademie entwachsen, wollten nicht mehr und nicht weniger als "Kultur zerstören, um Kultur zu schaffen". So konnte es nicht ausbleiben, dass sie mindestens in München zum Gespräch wurden, Skandale auslösten, wegen Gotteslästerung und Verbreitung unzüchtiger Schriften angeklagt wurden und bis zum Bundesverfassungsgericht prozessierten. Am 2. September 1958 schlossen sich fünf der Manifestschreiber zur "Gruppe Spur" zusammen.

Die Fünferbande und jeder Einzelne von ihr hat heute einen Namen in der Geschichte der zeitgenössischen Kunst, als Erneuerer und weniger als Zerstörer. Dem damaligen Wortführer  Helmut Sturm, der 2008 verstorben ist, sind zur Zeit in seiner Heimatstadt Cham vier Ausstellungen gewidmet. Der älteste und einzige noch lebende Mitbegründer, Erwin Eisch, feiert am 18. April 2012 in seinem Heimatort Frauenau im Bayerischen Wald seinen 85. Geburtstag. Es ist eine lange, dramatisch bewegte Spur, die dieser Künstler hinterlassen hat.

Weil ihm die Kollegen mit ihren Forderungen ("Kitsch, Dreck und Misthaufen") doch etwas zu weit gingen und überhaupt zu viel Theorie trieben, scherte Eisch bals aus der "Spur" aus, um zusammen mit seiner späteren Frau Gretel Stadler, die immerhin schon im Haus der Kunst ausgestellt hatte, und den später ausgewanderten Kunsterzieher Max Strack einen eigenen Verein aufzumachen. Diesen nannten sie "Radama" – eine Persiflage auf den berühmten Schutträum-Appell  von Oberbürgermeister Thomas Wimmer. Die Drei erfanden auch gleich eine neue Maltechnik: Das einzelne Kunstwerk sollte im Kollektiv hergestellt werden. Mit Unterstützung des städtischen Kulturreferats konnten sie bald die erste Kollektiv-Schau eröffnen.

Dieses Aquarell schuf Erwin Eisch zum 80. Geburtstag unseres Autors Karl Stankiewitz

 

Im Januar 1963 folgte eine Ausstellung zum Gedenken an den früh verstorbenen Bolus Krim. Ein befrackter Sprecher fand würdige Worte für den großen Künstler. Acht Tage lang lockte die Schwabinger Galerie Malura mit seltsamen Plastiken und Keramiken das Publikum sowie die Kritiker an, die dem hinterlassenen Werk entweder der Qualität oder der Pietät wegen hohe Achtung zollten. Bis es sich nicht länger verheimlichen ließ, das Bolus Krim nur ein Phantom war. "Eine Idee," wie Gretel Eisch heute sagt. Einmal noch präsentierte Radama seine Antikunst im Kunstverein – und löste sich auf.

"Bloße Abstraktion führt an der Kunst vorbei, die reaktionäre Gegenständlichkeit bringt aber auch keine Lösung", hatte Erwin Eisch erkannt. Fortan widmete er sich ganz seiner Glasmanufaktur in Frauenau, die auf eine Tradition von 400 Jahren zurückblicken kann. Bei einem Besuch des amerikanischen Keramikprofessors Harvey Littleton kam er in Kontakt mit einer internationalen Bewegung, für die Glas ein Medium der Kunst war. Deren 50. Geburtstag wird derzeit in mehreren nordamerikanischen und europäischen Museen dokumentiert. Eisch etablierte das sogenannte "Studioglas" in Europa, stellte selber in mehreren amerikanischen Städten aus.

Im eiskalten Januar 1970 "roch es nach Revolution in Frauenau", schrieb damals der Verfasser dieserZeilen, nachdem der bärtige Waldler wutgeladen in der Redaktion der "Abendzeitung" erschienen war, um uns von den Machenschaften des Freiherrn Hyppolyt von Poschinger zu berichten. Jenem gehörte – und gehört dem Nachfolger immer noch – die größte Glashütte in Frauenau sowie mehr als die Hälfte der Gemeindefläche samt riesigen Waldungen, wovon ihm die Gemeinde ein Stück abkaufen wollte, um einen Trinkwasserspeichersee bauen zu können. Der "Herr Baron", wie er sich stets titulieren ließ, wollte die Nutzungsrechte aber nur gegen eine persönliche Beteiligung von 20 Prozent einräumen.

Mit einigen Mitbürgern gründete Eisch eine "Aktion Wassernot", welche per Flugblatt die Bevölkerung über die drohende Zinsknechtschaft aufklärte. Doch der CSU-Baron wusste, wie man solche Meutereien in Bayern niederzuschlagen pflegte. Über die Lokalzeitung ließ er wissen, dass "dieses Pamphlet in eine derzeit von der Ostzone gesteuerte Aktion gegen mich als Präsident des Bayerischen Senats einzureihen ist". Inzwischen haben Eisch und die Gemeinde mit dem Haus Poschinger, dem größten Arbeitgeber am Ort, ihren Frieden gemacht. Längst ist die Talsperre das größte Trinkwasserreservoir des Bayerischen Waldes.

Altes in neuer Form: GLAS`Ln von Erwin Eisch (Foto: DMVO Reimann, Dresden)

 

Als Glaskünstler von Weltrang hat Erwin Eisch einem der ältesten Werkstoffe der Menschheit immer wieder neue Formen und Inhalte buchstäblich eingeblasen. Das kleine Glasbläserdorf an der tschechischen Grenze wurde zum Zentrum einer Stilentwicklung, die weit über das hinausging, was eine Glasmanufaktur bisher leistete, zu einem Treffpunkt von Künstlern, die mit Glas, mit Ton und verwandten Werkstoffen arbeiteten. Der amerikanische Keramiker Bob Strini hinterließ hier hier einmal seinen VW-Bus nach einer Europatour. Nach dessen Unfalltod verwandelte Eisch das mit Lehm umkleidete Fahrgestell 1972 in eine Kapelle zum Gedächtnis an den verunglückten Freund und den Heiligen Hermann, den Gründer von Frauenau.

Eisch war auch der gesitige Vater des Glasmuseums Frauenau, das 1975 eröffnete und 2005 in einem wunderschönen, vom Staat, der Gemeinde und dem Bayerischen Naturschutzfonds finanzierten, natürlich gläsernen Neubau unterkam. Gezeigt wird die Jahrhunderte alte Geschichte des Glases und der Glaskunst. Zu sehen sind auch einige jener berühmt gewordenen Glasköpfe, die der Meister seit 1976 modelliert hat: Buddha, Picasso und Bundeskanzler Kohl, der 1997 die Bayerische Glasstraße eröffnete.

Wegen eines Augenleidens muss Erwin Eisch seit einigen Jahren auf das Glasblasen verzichten. Er zog sich auf die Malerei zurück, die ihn immer schon beschäftigt hat. Wackersdorf und die Atomgefahren waren ebenso sein Thema wie das Sterben "seines" Waldes. Und auch sein Dorf ist ihm wichtig geblieben. Als die Gemeinderäte 2009 beschlossen, das historische Kopfsteinpflaster auf der Hauptstraße durch Asphalt zu ersetzen, gab Eisch die Ehrenbürgerwürde zurück.

Erwin Eisch war immer bestrebt, seine Erfahrungen mit dem "Kunstmachen" an andere Menschen weiterzugeben, und deshalb gründete er 1987 die Internationale Sommerakademie Bild-Werk-Frauenau. Hier treffen sich jedes Jahr über 200 Kunstbegeisterte aus aller Welt, um ihre Ideen auszutauschen. Die ein- bis dreiwöchtigen Kurse sind offen für alle Kunstschaffenden.

Karl Stankiewitz

Über die Geschichte der Gruppen Spur und Radama berichtet Karl Stankiewitz ausführlich in seinem demnächst im Volk-Verlag erscheinenden Buch "Die befreite Muse. Münchner Kunstszenen seit 1945".

Veröffentlicht am: 18.04.2012

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