Die Ärzte - neues Album und Video-Vernissage

Was ist das, wenn es nicht Punk ist?

von Michael Grill

Auch Falten stehen ihnen gut. Foto: Nela Koenig

Die Frage ist, wohin man zielen soll: Hinauf oder hinunter mit ihnen, um der Wahrheit zu ihrem Recht zu verhelfen? Sind die Ärzte am Ende, weil ihr neues Album "Auch" vor allem durch kreative Masse beeindruckt? Oder krönen die Ärzte ihr Werk, wenn sie jetzt die Schwelle zur Kunst auch offiziell überschreiten? Eine Betrachtung zu einem so undurchschaubaren wie lustigen Phänomen - und ein Bericht von der Video-Vernissage der Ärzte in München, die nur an diesem Wochenende zu sehen ist .

Die 1982 gegründete Berliner Band Die Ärzte wird überschätzt: Sie spielt keinen Punk, obwohl sie das behauptet. Es ist eher Pop mit sehr lauter Gitarre. Ihre Musik funktioniert, wenn man das denn sagen kann, nur dort, wo man auch ihre Texte versteht. Außerhalb des deutschen Sprachraums kennt kaum jemand „Belafarinrod“, so lautet das gemeinsame Kose-Kürzel der Fans für die drei Bandmitglieder. Als man noch provozieren konnte mit Texten über Sex und Gewalt, provozierten die Ärzte auf Krankenschein, also sehr berechnend. Seit Provokation aber keine mehr ist, zehrt die Band von ihrem kleinen Mythos. Absurdes im Sinne von Dada oder wenigstens Punk ist ihr lange nicht mehr geglückt.

Man kann es aber auch so sehen: Dem deutschen Phänomen namens Die Ärzte wird nicht der Rang zuerkannt, der ihm gebührt. Denn es gibt keine zweite Band, die über einen so langen Zeitraum hinweg die deutsche Popmusik mit so viel Humor, Witz und Verstand bereichert hat. Die von so vielen Menschen für einen essentiellen Teil ihres Lebens gehalten wird. Die Pop und, ja auch, Punk für dieses Land neu definiert hat und die mit einer ungekannten Leichtigkeit im schweren Fach der verzerrten Gitarre zeit- und sowieso alterslos werden konnte.

Sommer 1988. Ausgerechnet in München, in der Stadt, in der die Ärzte sich im Jahr zuvor ihren bis dato größten Ärger eingehandelt hatten, weil sie bei einem Liveauftritt den gerade zu Tode gekommenen Uwe Barschel verhöhnt hatten und den indizierten Text des Songs „Geschwisterliebe“ vom Publikum singen ließen. An diesem lauen 88er-Abend sollten die Ärzte im Olympiapark zwischen Nina Hagen und den Rainbirds spielen, jener Band, aus der sie später ihr heutiges Mitglied Rodrigo González rekrutierten. Alles also schien interessanter als dieses Ärzte-Ensemble mit seinen lustigen Teenie-Songs. Doch dann kam der Moment, in dem der Olympiapark von einer atemraubenden Schallwelle erfasst wurde.

Die Ärzte probten zunächst noch im leeren Musikzelt und spielten Metal-Blues-Klassiker von ZZ Top nach. Doch es war, als ob sie alle Vorurteile von der schlagerhaften Mädchen-Band mit einer gewaltigen Explosion aus Rock hinwegballern wollten. Da gab es keinen Platz mehr für das Bravo-taugliche Zahnpastalächeln von Sänger Farin Urlaub, das geschminkte Gruftie-Getue von Schlagzeuger Bela B. und die auch spießige Empörung der Elterngenerationen in den achtziger Jahren. Die Ärzte bettelten bei 150 Phon Lautstärke darum, endlich ernst genommen zu werden.

Wie das Feuilleton seinen Frieden mit den Ärzten schloss

Dennoch dauerte es bis 1998, dass in einem bedeutenderen Organ der deutschen Publizistik erstmals ein Text erschien, der den Ärzten diesen Wunsch erfüllte. Ein Essay des Hamburger Musikjournalisten Hollow Skai, geschrieben für den deutschen Rolling Stone, fuhr nicht weniger als Walter Benjamin gegen die Ärzte auf. Schon dieser, so hob Skai an, habe gewusst, dass der destruktive Charakter jung und heiter sei. Und er gestand, es sei ihm auch erst nicht anders ergangen als „den Rock-Opas, Punk-Veteranen und Tindersticks-Fans“, welche die Ärzte konsequent verachteten. Doch dann habe er ihren Song „Schrei nach Liebe“ gehört, in dem ein Neonazi zunächst sozialpsychologisch filetiert und dann mit Klartext konfrontiert wird: „Deine Gewalt ist nur ein stummer Schrei nach Liebe, deine Springerstiefel sehnen sich nach Zärtlichkeit. Du hast nie gelernt, dich zu artikulieren, und deine Eltern hatten niemals für dich Zeit – Arschloch!“ Das Lied, so Skai, habe ihm „den Glauben an die ,Rockmusik mit deutschen Texten‘“ zurückgegeben: „Von solchen Zeilen können die Deutsch-Rock-Quoten-Rudis nur träumen – den Ärzten fliegen sie im Schlaf zu.“

Von nun an musste man befürchten, die Band taumele ihrem entspannten Alterswerk entgegen. Hatte sie doch gerade erst das Album „13“ veröffentlicht und lamentierte darüber, mit „Männer sind Schweine“ einen echten Wiesn-Hit gelandet zu haben. Auffällig ist seitdem, dass die Berliner ihre eigene Identität immer drängender hinterfragen und ihr sogenannter Punk nun zum Gegenstand ihrer Textironie wird. Hatten die Ärzte 1998 im Song „Punk ist . . .“ noch behauptet: „Mach dein Ding, steh dazu, heul nicht rum, wenn andere lachen“, hieß es 2003 auf dem Album „Geräusch“: „Da hab ich eines leider nicht erkannt / Skrupellose Exporteure verkaufen für ein paar Öre / Den Punk auch an Feindesland“.

Fünf Jahre nach dem bislang letzten Studioalbum von 2007, nach zwischenzeitlich raumgreifenden Solo-Projekten wie der Band Farin Urlaub Racing Team, nach dem Editieren von Weltuntergangsliteratur durch Bela B. („Exit Mundi“) und nach eher besinnlichen Fanprojekten wie der 2011er Geheimtour „Laternen Joe“, erscheint nun das im Ärzte-Kosmos geradezu hysterisch erwartete neue Album „Auch“ (Hot Action Records/Universal). Es wird von diesem Freitag (13. April 2012) an ausgeliefert – in einer kleinen Box als Familienspiel. Der erste Song fragt gleich: „Aber ist das noch Punkrock – wie dein Herz schlägt, wenn sie dich küsst? / Ist das noch Punkrock – dass euer Lieblingslied in den Charts ist? / Ich will euch nicht den Spaß verderben, aber musste Sid dafür sterben?“ Das ist insofern perfide, als Farin Urlaub nach dem relativ sanften Refrain quengelt: „Ich glaube nicht!“

So lautet die Ärzte-Formel: Verweigern, Relativieren – und dann dazu breit grinsen. So funktioniert das neue Album. Mit „Ist das noch Punkrock“ stimmt Farin Urlaub den Kammerton an: Das ernste Ansetzen, die komische Auflösung, gelegentlich mit einer Brechung ins vordergründig Dämliche. Das anschließende „Bettmagnet“ kippt ins comichafte, Surreale – dafür ist wie immer Bela B. zuständig. Schließlich gleitet man ins Düstere mit „Sohn der Leere“ aus der Feder von Rodrigo González – und dann kann das Spiel wieder von vorn beginnen. Mal führt man auch die Leichtigkeit vor, mit der man Stilarten von Speed Metal bis Country beherrscht („TCR“): „Wir sorgen immer wieder gern für Endorphine / Wir sind eine verdammte Rockmaschine“. „Tamagotchi“ dann ist überdreht lustig und völlig aus der Zeit gefallen, „M&F“ tunkt die klassische Beziehungs- und Trennung-Thematik in überraschend starke Bitterkeit, „Waldspaziergang mit Folgen“ ist eine herrliche Persiflage aufs Religiöse: „Ich ging spazieren im Wald, ich musste einfach hinaus / da sah ich ein Stück Holz, das sah heilig aus / also steckte ich es ein, nahm es mit nach Haus / und schnitzte mir einen Gott daraus“. Am Ende des Albums steht die Single „zeiDverschwÄndung“, hier geht es unter Zuhilfenahme musikalischer Raffinesse um eine Selbstbespiegelung – doch sie bleibt seltsam blutleer. Dazwischen, ach ja, noch eine weitere Handvoll Songs: Mal holpert der Reim, mal holpert er nicht, es gibt Parodie und Gedudel, Rock und Roll, Wattebällchen-Werfen und Friedensbotschaften.

„Auch“ ist ein großes Album, wenn man die Ideen und Materialien sieht, mit denen souverän gespielt wird. Dass die Band alle Songs von 16 Künstlern in Videos umsetzen und diese (ebenso an diesem Wochenende) in fünf deutschen Galerien präsentieren lässt, dürfte irgendwie einmalig sein. Doch man wird das Gefühl nicht los, dass lediglich kreative Masse vorgeführt wird, die beeindrucken soll. „Auch“ ist also kein großes Album, wenn man die einzelnen Songs betrachtet. Viel zu viel rockende Routine, professionelles Stückwerk, letztlich ein Stillstand auf gewohnt hohem Niveau. Die Ärzte laden dafür nun zur Video-Vernissage – und werden damit so ernst genommen, dass es eigentlich traurig ist. Dagegen hilft wiederum die Ärzte-Formel und die doppelte Ironie: „Sieh ein, dass der Kult um uns schon lange nicht mehr schockt“. Sie haben erkannt, was da läuft. Aber gibt es ein Entrinnen aus der Vergänglichkeit? Ich glaube nicht.

Wie eine Installation. Foto: gr.

Da steh'n sie als Kunst herum: Die Vernissage mit den Ärzte-Videos in der Jörg Heitsch Galerie

„Die Künstler sind nicht anwesend“, schrieb fürsorglich zum Beispiel auch der Münchner Veranstalter Thomas Bohnet in seiner Ankündigung: „Video Vernissage kuratiert von der Band DIE ÄRZTE“. Bohnet veranstaltet das Konzert der Band Ende Mai in der Olympiahalle und wollte dem Galeristen Jörg Heitsch wohl einen zu großen Trubel ersparen. Denn so – ohne die Leibhaftigen - war der Andrang in den Kunsträumen im Glockenbach-Viertel schräg gegenüber dem Hotel Deutsche Eiche noch überschaubar: Zur Eröffnung am Freitagmorgen kamen in der ersten Stunde eine gute Handvoll Fans, um so früh wie möglich alle Videos zum neuen Album „Auch“ zu sehen. Heitsch sah es genau anders herum: „Ich bin erstaunt, dass morgens um 10 Uhr schon Leute in der Galerie stehen.“

Es ist ja auch imposant: Nicht nur, dass die Ärzte überhaupt den Weg in den Kunstraum gesucht haben, sondern dass sie alle 16 Lieder der neuen Scheibe von 16 Künstlern zu 16 Videos ausarbeiten ließen – ein Aufwand, den Farin Urlaub mit der Besteigung des Mount Everest vergleicht. Neben München werden die Filme an diesem Wochenende in vier weiteren Galerien in Berlin, Frankfurt, Hamburg und Köln gezeigt.

Kompakt, homogen. Und laut, wenn man den Kopfhörer aufsetzt. Foto: gr.

Die Entstehungsgeschichte hört sich so an: Heitsch erhielt vor einiger Zeit einen Anruf. Walter M. Gehlen, Direktor der Art Fair in Köln. Der fragte an, ob der Galerist nicht mal was mit den Ärzten machen wolle. Heitsch: „Die Ärzte sind ja eigentlich meine Generation und kennen tut man sie auch, da dachte ich mir: ,Das kann so verkehrt nicht sein.'“

Die Screens, auf denen nun die Videos laufen, hat er wie zwei Inseln in der Mitte des größeren seiner beiden Räume aufgestellt, so dass sie wie eine Installation wirken. Hier, und noch mehr im zweiten, kleineren Raum, korrespondieren die Videos mit der aktuellen Ausstellung. Die Bilder des Koreaners Jun Ho Cho und der in Argentinien geborenen, in Deutschland lebenden Marcela Böhm passen hervorragend zu den surrealen, comichaften Videos, die sich phänotypisch zwischen Monty Python, Simpsons und Spongebob bewegen. Jedenfalls: Die gemalten Bilder waren zuerst da, dann kamen die Videos – jetzt wirkt es fast schon als wenn es andersherum gewesen wäre.

Überhaupt: Dafür, dass es 16 Werke von 16 Künstlern sind, geben die Ärzte-Videos ein erstaunlich homogenes und kompaktes Gesamtbild ab. Das hat womöglich damit zu tun, dass das von der Band zur Verfügung gestellte Ausgangsmaterial - Fotoserien mit den Musikern - eine bestimmte Form der visuellen Umsetzung nahe legte. Vielleicht gab es aber doch eine übergeordnete Regie?

Der hintere Raum. Foto: gr.

Die Ärzte wären nicht die Ärzte, wenn sie nicht auch diese Gelegenheit nutzen würden, um sich sogleich wieder ironisch auf Distanz zu bringen: „Was darf Kunst auch und muss Kunst auch dürfen können oder ist Kunst gar auch das Dürfen selbst? Bedarf die Kunst der Bedürftigen auch Bedürfnisse?“, schwurbeln die Ärzte zur Kunst-Aktion und treiben den Feuilletonisten-Sprech in die Stilblüten-Falle: „Die Die Ärzte begegneten den sechzehn Kunstwerken bisher nur mitverbundenen Augen, ähnlich des Delinquenten bei der Erschießung. Des Weiteren benichttrachteten sie die Werke aural nicht wahrnehmbar in brachialer Stille. Eine bewusste Entscheidung, denn die drei ,Extremisten der Wahrnehmung' wollten die Begegnung mit und um den Umgang ihrer Kunst völlig wertfrei begehen.“ Nett.

Für die Videos gilt, was auch für das Album gilt: Gewaltige Ausbrüche von Kreativität und Virtuosität, was aber nicht immer den Punkrock schärfer macht. Das größte Vergnügen hat man bei den visuellen Umsetzungen von „Miststück“ (Künstler: Shotshotshot, Daniel Bauer), in der „Belafarinrod“ im Wilden Westen mit gemeinen Katzen kämpfen. Und bei „Waldspaziergang mit Folgen“ (Künstler: Kirill Abrakhmanov) in der das Thema Götzenverehrung auf die große weite Welt des Tands ausgedehnt wird.

Im Song: „Freundschaft ist Kunst“ singt Bela B.: „Ich häng mit Künstlern rum.“ Galerist Heitsch findet das „super“. Jetzt kommt endlich zusammen, was zusammengehört.

 

Jörg Heitsch Galerie, Reichenbachstr 12 in München, nur noch an diesem Samstag und Sonntag von 12 bis 18 Uhr.

Die Ärzte spielen live in München am 30. Mai 2012, das Konzert in der Olympiahalle ist ausverkauft.

Der Kulturvollzug berichtete über das Konzert von Laternen Joe in Fürstenfeldbruck. Außerdem erschien zu diesem Anlass ein Bilder-Spezial über Rodrigo Gonzáles.

Veröffentlicht am: 13.04.2012

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