Zur 43. Internationalen Jazzwoche Burghausen

Der Spirit von Kraut und Rüben? - Nein, munterer Verkehr in der Street Of Fame

von kulturvollzug

He knows the way to the Street Of Fame: Marius Neset übt an der Salzach. Alle Fotos: Ssirus W. Pakzad

Wer im Frühjahr in Burghausen aus dem Zug steigt, muss schon blind sein, um das eine Wort zu übersehen, das an jeder Litfaßsäule, an jeder Werbetafel prangt: Jazz. Und wenn man erst mal das hässliche Nachkriegsviertel hinter sich gelassen hat, den Berg hinunter fährt und sich in Richtung der am Grenzfluss Salzach gelegenen Altstadt aufmacht, verdichten sich die Anzeichen immer mehr, dass sie hier, am Fuße der längsten Burganlage Europas, verrückt sind auf improvisierte Musik.

Dieser Eindruck, der sich Auswärtigen schnell vermittelt, wurde jetzt bei der 43. Internationalen Jazzwoche Burghausen einmal mehr bestätigt.

Reliefplatte in der Street Of Fame.

Was die in Hollywood können, das können wir auch, dachten sich die Stadtväter und die Macher der Internationalen Jazzwoche einst. In L.A., am Hollywood Boulevard, der an Mann's Chinese Theatre vorbeiführt, verewigen sich seit Jahr und Tag Celebrities mit Handabdrücken und Autogrammen im Asphalt. In Burghausen heißt die vergleichbare Meile eigentlich „In den Grüben“, trägt seit 2001 aber den Beinamen „Street Of Fame“.

Auf Reliefplatten wurden und werden die Ikonen des Jazz geehrt, die der größten Stadt des Landkreises Altötting bisher ihre Aufwartung machten. Ella Fitzgerald findet sich mit Lebensdaten, Unterschrift und Auftrittstermin vor dem Mautnerschloss wieder und auch Chet Baker, Lionel Hampton, Dave Brubeck oder Klaus Doldinger haben in der verwunschenen, traumhaft schönen Gasse ihre Spuren im Grund hinterlassen.

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Unverkennbar: über den Häusern der Altstadt die längste Burg.

In den Geschäften (keine internationalen Ketten!), die die Street of Fame säumen, spielt sich Jazz in jedem Schaufenster ab. Mal zieren Instrumente die illuminierten Guckkästen der schnuckeligen Läden, mal sind es Jazz-Magazine, Noten berühmter Evergreens oder stimmige Schwarzweißaufnahmen sich verausgabender Saxofonisten. Am Jazzwochen-Samstag ist In den Grüben mehr los als auf mancher Großstadt-Amüsiermeile. Jazz und Blues überall, bei freiem Eintritt und bester Laune.

Die Konzerte, für die man einen Obolus entrichten muss, finden in der Wackerhalle (Wacker Chemie ist der große Arbeitgeber der Region), im ungleich schöneren Stadtsaal in der Altstadt, im GUM (Dancenight) und im Mautnerschloss statt, wo Nacht für Nacht eine Session mit festem Grund-Trio plus Einsteigern statt findet.

Skulptur am Mautnerschloss.

Wenn man es etwas böse formulieren wollte, dann dient die Wackerhalle dem Jazz für die breite Masse. Hier werden die großen Namen, die Stars präsentiert, wird das Experimentelle, das allzu Avancierte ausgeklammert. Klar, dass man als Veranstalter den Saal vollkriegen will - und das geht nun mal nicht mit Avantgarde. Als verdorbener, stetig nach Neuem dürstender Kritiker nimmt man zwar die Begeisterung im Saal wohlwollend zur Kenntnis, wundert sich aber schon, wie unkritisch hier gejubelt wird.

Ein derart anachronistischer, an Harmlosigkeiten kaum zu überbietender Auftritt wie der des Trompeters Nicholas Payton hätte bei anderen Programm-Festivals sicher ein Buhkonzert ausgelöst und einen solch schauderhaft intonierenden Sopransaxofonisten wie Nathan Davis von den sonst bestens besetzten „Jazz Masters All Stars“ hätte man sicher anderswo in der Garderobe eingesperrt. Wie gute, solide Unterhaltung funktioniert, die auch Profi-Zuhörer zufrieden stellt, zeigte der Bassist Marcus Miller mit einem differenziert groovenden Programm – das man so aber auch schon ein Vierteljahrhundert kennt.

Nachts an der Salzach mit Blick auf die Burg.

Eine musikalische Besonderheit gab es in der Wackerhalle aber auch: den unverstärkten, auf ganz seltsame Weise intensiven Auftritt des Altsaxofonisten Lee Konitz, der so wehmütig, so verloren, so entrückt, so weise, so brüchig Töne in die Weite des Saals spielte. Ausgerechnet dieses Konzert (das Konitz mit dem Trio Minsarah zusammen brachte) wurde in einer im Umkreis erscheinenden Zeitung unsensibel niedergebügelt. Richtig zuhören und beobachten zu können ist halt nicht jedem gegeben.

Der Jazzwoche wird immer gerne vorgeworfen, dass dort statt eines Konzepts stets ein Kraut- und Rüben-Programm vorherrsche, dessen einzige Richtlinie sei, alle Spielarten des Jazz von der Tradition bis zur Moderne abzudecken. In der Tat stünde der Jazzwoche eine Art roter Faden, ein etwas anderer Überbau nicht schlecht. Aber vielleicht geht es in Burghausen weniger darum, originelle Schwerpunkte zu finden, als einfach dem Spirit des Jazz zu huldigen.

Besonders Anspruchsvolle kommen übrigens auch auf ihre Kosten, etwa beim Nachwuchs-Jazzpreis, den Malte Schillers Red Balloon knapp aber zurecht gewann, in der „Jazz Thing-Next Generation“ – Reihe, bei der unglaublichen dänisch-englisch-schwedischen Gruppe „Phronesis“, die zusammen mit dem Gastsaxofonisten Marius Neset und Sessioneinsteigern den Jazz Keller aufmischte und letztendlich im Stadtsaal, der traditionell den Neutönern vorbehalten bleibt. Hier braute das Tied & Tickle Trio & Billy Hart Unwirkliches zusammen und ließ manchmal sanfte, manchmal bedrohliche Stimmungen aufziehen.

Danach trat der Schlagzeuger John Hollenbeck mit seinem Large Ensemble auf – einer der, unabhängig von Genres, bedeutendsten Tonsetzer unserer Tage. Bei ihm mischen sich Minimal Music, Jazz aller Schattierungen, exotische Klangkulturen zu einer ganz eigenen Sprache mit gemorsten Akzenten, weit schweifenden Melodiebögen, betörenden Klangflächen und der Lyrik großer Dichter.

Ssirus W. Pakzad

 

Veröffentlicht am: 24.03.2012

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