Butoh-Tanz im i-camp

Im Krebsgang durchs Schilf, Rückkehr zum Ich - was für eine Feier!

von Michael Wüst

Vermisst sich, fühlt sich, schmeckt sich: Alessandro Pintus (Foto: Andreas Weimann)

Eine Sternstunde des dunkelsten Tanzes, Ankoku-Butoh war mit „Cabras“ im i-camp zu erleben. Es waren nur einige Halme an der Rückseite der Bühne. In lichtlosem Schilf an blinden Gewässern, einer Genesis-Allnacht gleich, entstand ein Tanz von und mit Alessandro Pintus. Eine Geburt.

Zuerst sieht man nur die Konturen des Schilfes. Davor ist etwas, was sich zu regen beginnt. Man erkennt kein Vorne oder Hinten, Extremitäten ja, aber verdreht, falsch. Nackter alter junger Vogel. Häutungen. Eine Existenz am Ende oder am Anfang. Ursuppe, in der Tod und Leben noch ungetrennt zusammenschwappen.

Stimmengewirr oder Wind wie er im Gehölz klagt, ächzende Natur. Es wird unmerklich heller und bleibt Nacht. Ein Sonnenaufgang wäre schneller (Licht, Rainer Ludwig). Unter einem rußigen Mond erkennt man nun die Figur. Als läge er falsch im Welt-Geburtskanal, sieht man den Tänzer auf den Schultern rutschend, die Beine in die Höhe gestreckt, rückwärts nach vorne kommen. Wie eine Kaulquappe, die im Laich hängen geblieben ist. Rot die Beine, die Arme und der Kopf. Man denkt an einen Dotter. Schutzloses, durchscheinendes Wesen. Durchlässig für die finsteren Energien der Kreation. Ausgeliefert, aber unmittelbar.

Endlich, endlich! Aber noch ist er schmerzhaft, der aufrechte Gang (Foto: Andreas Weimann)

 

In der Mitte des Raumes angelangt, reißt so etwas wie eine Nabelschnur und lässt den Körper endlich zu Boden plumpsen. Dort beginnt er jetzt, sich zu vermessen, sich zu fühlen und zu schmecken, während er von Mückenschwärmen traktiert wird. Als erste Fortbewegung wählt der Neugeborene den Krebsgang in der Brücke, auf Füßen wie Winkerkrabbenscheren. Abriss der Evolution. Zeitraffer der Phylogenese.

Irgendwann sind die Fährnisse und Untiefen der archaischen, drastischen Zeit durchschifft. Das Augenlicht erhellt sich und mit der Feier des aufrechten Gangs erklingt eine Pizzica-Tarantella aus Sardinien, der Heimat von Alessandro Pintus. Die Rückkehr ins empirische Ich ist geglückt. Freude der Wiedergeburt.

Der Körper ist wieder Alessandro Pintus geworden und eine dunkle Nacht endete in Heiterkeit. Mit „Que Sera“ von José Feliciano klang eine Sternstunde im bis auf den letzten Platz besetzten i-camp aus.

Veröffentlicht am: 19.03.2012

Über den Autor

Michael Wüst

Redakteur

Michael Wüst ist seit 2010 beim Kulturvollzug.

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alexander.wenzlik@gmx.de
19.03.2012 15:28 Uhr

Was für eine tolle Beschreibung eines unglaublichen Abends!

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