Wagners Walküre an der Bayerischen Staatsoper

Wann kommen wir aus dem Bilderwald?

von Alexander Strauch

Sangen und spielten perfekt: Thomas J. Mayer als Wotan und Katarina Dalayman als Brünnhilde. (Foto: Wilfried Hösl)

Mit der Walküre setzt die Bayerische Staatsoper ihren Ringzyklus in der Inszenierung von Andreas Kriegenburg und ihrem Hausdirigenten Kent Nagano fort. Hier die Eindrücke von der Zweitaufführung.

Es wäre fast großes Kino geworden: Hunding-Sänger Ain Anger sah dem Hollywood-Star Jake Gyllenhall verblüffend ähnlich. Die Projektion toter Wälder beim Vorspiel zum ersten Aktrief Erinnerungen an Nach-Weltuntergangs-Filme wie Michael Hanekes „Wolfszeit“ oder John Hillcoats Cormac McCarthy-Verfilmung „The Road“ hervor; es wurde die fahrbare Walhall-Rückwand zoomartig benutzt, wenn seine Ehefrau Fricka (Sophie Koch) ihrem Wotan die Tötung seines Menschensohnes abringt.

Die starken Endzeitbilder wurden schräg konterkariert, wenn zum Beispiel im weiteren Verlauf des ersten Akts unter den Ästen einer Esche, in denen sich vielleicht durch einen Tsunami Leichen verfingen, Melonen verspeist und kopfzerquetschend gespaltet werden. Oder die auf Speere gespießten toten Helden zum Walkürenritt: Regisseur Andreas Kriegenburg und sein Bühnenbildner Harald B. Thor versuchen per Requisite ein menschenverachtendes und zerfleischendes System nachzuzeichnen, das so nur wie Splattermovie-Ausstattung wirkt.

Verdienen Hochachtung und Respekt: Anja Kampe als Sieglinde und Klaus Florian Vogt als Siegmund. (Foto: Wilfried Hösl)

 

Der Regie gelingt die Darstellung von ausgebeuteter Masse am ehesten, wenn die Komparsen dem Bühnenzauber wortwörtlich ein Gesicht geben: Gläser fliegen sichtbar zwischen Siegmund und Sieglinde hin und her, bis diese den sie trennenden Raum in leidenschaftlicher Liebe überwinden. Der Feuerzauber im Schlussbild ist die bereits aus der Rheingold-Inszenierung bekannte, von Menschen gehaltene, Glühschlange. Um die den Helden und Göttern dienenden Menschen mal richtig auftrumpfen zu lassen, müssen sie vor Beginn der Musik des dritten Aktes zu stampfenden Amazonen werden, was wie in der Premiere wieder zu Unmuts- und Beifallsstürmen führte – wobei die Buhrufe nicht spontan sondern dem Premierenskandälchen nachgeäfft wirkten.

Wie ein Erzengel: Siegmund-Tenor Klaus Florian Vogt (Foto: Wilfried Hösl)

Die Personenregie gelang Kriegenburg intensiver: Wie deutlich alle Protagonisten ihre Rollen zeigten, war teilweise schlicht überwältigend. Der Wotan von Thomas J. Mayer und die Brünnhilde von Katarina Dalayman waren perfekt gesungen und gespielt - von Zweifel und Fassungslosigkeit bis hin zu Freude und Überwältigung. Der Abschied des Göttervaters von seiner Lieblingstochter ließ nur wenige Augen trocken.

Anja Kampe stellte ihre Sieglinde von einer gebrochenen Frau bis zu einer vor Glück zerfließenden Schwangeren dar. Siegmund-Tenor Klaus Florian Vogt war schauspielerisch nicht so stark, wirkte jedoch mit seiner glockenhellen Stimme wie ein Erzengel – aber  diese sind ja durchaus genauso Helden. Man verstand fast all seine Phrasen. Die Diktion und Gesangskunst des Ensembles war durch die Bank mehr als solide bis hervorragend: Solche Wagnersänger verdienen Hochachtung und Respekt!

Wackelten in den leisen einstimmigen Passagen des ersten Aktes die tiefen Streicher manchmal, begeisterten die verwobenen Holzbläsersoli immer mehr. Das Blech hätte gerne mehr gegeben, wurde aber von Maestro Kent Nagano gezügelt, so dass die zeitgenössische Tendenz unserer Orchester, Wagner zu laut zu spielen, abgefedert wurde. Schnelles tönte straff und Langsames nie verkünstelt.

Es geht um Macht um Liebe: Anja Kampe als Sieglinde, Klaus Florian Vogt als Siegmund und Katarina Dalayman als Brünnhilde (Foto: Wilfried Hösl)

Letztlich bewies Richard Wagner mit seinem Ränkespiel um Macht und Liebe Unzerstörbarkeit. Andreas Kriegenburg fügte inhaltlich nichts hinzu. Ein Stück um Inzest, Ehebruch, Krieg, Menschenraub, Waffengeschäft, Hunger, Töchteraufstand, Elternleid, Team- und Korpsgeist, Todesschwadronen und Prostitution umfasst ohnehin so viel, was eins zu eins auf unsere Jetztzeit passt.

So kann es genügen, dies alles vom Staub der naturalistischen, psychologisierenden oder symbolistischen Interpretationen zu befreien. Ein wenig verheddert sich die Regie noch im Bilderwald. Aber man darf gespannt sein, wie das Kreativitätsdrama „Siegfried“ und der Showdown „Götterdämmerung“ gelöst werden.

Die nächsten Vorstellungen am 18. und 25. März 2012 sind ausverkauft.

Veröffentlicht am: 18.03.2012

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Tony Tozzi
14.04.2012 06:20 Uhr

Mr. Strauch,

Please advise what does Splattermovie-Ausstattung " mean ?

Reading your impressions of the performance I cannot help but remembering "The Ring" in Munich in the 1980s...and comparing it to the various cycles I have seen at the Met in New York City, with Levine at the helm..and I could only marvel at the poor playing of the orchestra under Sawallish .It is really only a second rate band at best . Subsequent productions ....all illustrations of what we call "Eurotrash" in the U.S. Now the Met has its silly new production by Lepage - which I shall call "Canadiantrash ".And Luisi is just a competent conductor - I guess you would call him a Kapellmeister -But lets face it ...it is almost impossible to cast the Ring nowadays....no Heldentenors...no soprano who does justice to the role of Bruennhilde ..etc. Dalayman ? Ingrid Bjoner could sing this nobody off the stage..crooner Vogt....after King. Thomas , Domingo , and Kaufmann ? Judging by the pictures one marvels at the poverty of imagination..the Bavarian taxpayers are being fleeced by the so-called designers ....Ugly, ugly. I will just listen to the many historic recording that I have..and forget these nothings that are singing Wagner nowadays.

Regards,

Tony Tozzi

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