"Tohuwabohu" im Schwere Reiter

Netzflüchter im Wollfadenweb reflektieren über nicht erkennbares Chaos

von Michael Wüst

Aus der Vorgabe des Gegensätzlichen ergab sich analytisch Großintervalliges. Foto: Michael Wüst

Tohuwabohu, hebräisches Wort der Genesis, bedeutet größtmögliche Unordnung. Im Schwere Reiter lieferten Studenten der Hochschule für Musik und Theater und der Theaterakademie August Everding bei ihrer "szenisch-musikalischen Reflexion" unter diesem Titel allerdings weniger ein Chaos ab, als dass sie ein vermeintlich solches kritisch kreativ betrachteten: Das Web und seine Nutzer, die Generation "Gefällt mir".

Das taten sie mit Naivität, Chuzpe und Können. Naiv erschien, was dem Gast bereits im Foyer entgegenkam. Im ganzen Raum war ein Netz aus blauen Fäden verspannt. Ein klassscher Fall von "Eins zu Eins". Gottseidank fand man keine Spinne mit der Aufschrift "Zuckerberg".

Klar, dass das Wollfadenweb im Bühnenraum dann weiterging. Dort standen, aus Dachlatten zusammengenagelt, fünf Kabinen, möbliert mit Notenständern, Topfpflanzen, Tischchen, Schreibablagen und natürlich PC-Tastaturen. Zu diesen fünf Einheiten der "Connected Isolation" (Peter Sloterdijk) kämpften sich jetzt zwei Sängerinnen, ein Sänger, ein Posaunist und ein Bassist durch den Webverhau. Im Hintergrund saß, unbegrenzt und seltsam unberührbar wie ein Server, die Komponistin Anna Korsun (Electronics, Gesang).

Naiv wie die Gestaltung einer alternativen Vier-Wände-Welt der 1970er Jahre wirkte das und sollte es wohl auch. Da gab es auch noch ein Demoplakat mit dem eigenartigen Zitat "Rom wurde nicht an einem Tag erbaut". In dieser Naivität lag schon etwas Grausames. Ältere Generationen mögen sich gruselnd erinnert haben an Holger-Meins-Plakate auf dem WG-Klo. Ubiquitäre Welt von Zeichen, Symbolen, Tags, Repräsentationen. Anonymous. Guy-Fawkes-Maske: Prothese des Protests.

Am Ende gab man sich mit viel Lust der Randale im Netz hin. Foto: Michael Wüst

Zum ironischen Konzept der Bühne (Linda Sollacher) stand die Komposition von Anna Korsun in Kontrast. Bewundernswert, wie viele Nuancen möglich waren in einer schwierigen, gespreizten Instrumentation, die die Komponistin aber keineswegs zu neutönerisch-jähem Gestus verführt hatte: zwei Soprane (Caroline Adler und Ines Reinhardt), ein Bariton (Jan Nash) und zwei Tieftöner: Kontrabass (Pawl Dudys), Posaune und Bassposaune (Roman Sladek). Die klanglichen Risse zwischen den tonalen Grenzen wurden raffiniert vom elektronischen Server in Gestalt der Komponistin im Hintergrund mal cachiert, mal pointiert.

Aus dieser Vorgabe des Gegensätzlichen ergab sich analytisch Großintervalliges (großspurig, skurill), abwechselnd mit synthetisch Dissonantem (intensiv, inbrünstig). Die drei Sänger, weit auseinanderstehend, leisteten beachtliche Intonationspräzision. Das Schmelzen von Dissonantem  zurück in reine Klänge ist ein Höhepunkt der Komposition. Dorthin war es mit viel komplexer Rhythmik gegangen. Rattatatatakaa der Tastaturen, stoßweises Atmen, Posaunenostinatos. Auf Buttons und Enter-Tasten wurde Pasodobleartiges getackert, dass es eine Freude war - bis hin zum Szenenapplaus. Und Bariton Jan Nash benutzte die Maus, die ihm aus der Hose hing wie eine Kastagnette. Lachkoleraturen, Wimmern, Plastikrohre, geschwungen in verschiedenen Tonhöhen und geblubbert damit im Wassereimer. Sogar eine Vavuzela war dabei - möglicherweise kurzfristig eingearbeitet zu Ehren eines jüngsten Großmeisters in der Repräsentation des Nichts.

Am Ende gab man sich mit viel Lust der Randale im Netz hin, goss statt der Blumen die Tastaturen, benutzte das Web als Wäschetrockner, saute, trötete und schüttete. Grundkomisch der Posaunist Roman Sladek, der unvermittelt in einer ruhigen Sequenz auf dem Rücken liegend gesichtet wurde und wie ein großer Säugling mit dem über ihm hängenden World Wide Knäuel spielte, es mit den Beinen kickte. Gabriel Venzago dirigierte alles eindringlich und ernsthaft. Von geradezu begnadet komödiantischem Instinkt beseelt war sein Dress: Weißblaue Beachshorts, darüber T-Shirt mit der Aufschrift "Conserve Energy". Na, dann sehen wir alle doch mal blau für unsere Zukunft!

Doch: Gefällt mir nicht, das Netz ist ein Zombie. An Schluss rückten alle wieder ein in ihr Home Office. Die Netzflüchter, kurzatmig, waren demütig zurückgekehrt. Dann ging ihr Atem wie im Todeskampf stoßweise. Werden sie es tun? Sterben? Facebook verlassen?

Blackout. Langer Applaus.

Noch am 11. März 2012, 20.30 Uhr, im Schwere Reiter.

Veröffentlicht am: 11.03.2012

Über den Autor

Michael Wüst

Redakteur

Michael Wüst ist seit 2010 beim Kulturvollzug.

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