Jason Morans "Bandwagon" im Kaminwerk Memmingen: Destillate aus der schwarzen Musikgeschichte

von kulturvollzug

Mutti wartet vergeblich mit dem Essen: Jason Moran. Foto: S.W. Pakzad

Das Abenteuer Jazz gibt's eher als in der Großstadt oft im engeren und weiteren Umland. Nach Auftrittsorten in Schloss Elmau, Landsberg, Neuburg und Pfaffenhofen stellen wir mit dem Verein JAMM heute ein Projekt in Memmingen vor. Dort gastierte ein Tastenkünstler, der zu den wichtigsten Klavierstilisten des zeitgenössischen Jazz gehört.

Es wird wohl nicht nur daran gelegen haben, dass Oskar Riha keine Lust verspürte, dauernd ins gut 110 Kilometer entfernte München zu pilgern, um seine musikalischen Helden zu erleben. 1998 rief er mit Gleichgesinnten den Verein JAMM („Jazz Art Memmingen“) ins Leben und machte sich zur Aufgabe, namhafte Bands aus aller Welt in seine etwas mehr 40.000 Einwohner zählende Heimatstadt zu locken.

Das ist ihm und den Seinen gelungen. Pat Metheny war mehrfach da (er spricht die Stadt immer Memmindschen aus), Joshua Redman ebenfalls und sonst machten hier bereits Dave Holland, Gary Burton, Chris Potter, Rebekka Bakken, Brad Mehldau, Joe Zawinul, Jan Garbarek oder Kenny Garrett ganz exklusiv Station. Zuletzt spielte hier nun „The Bandwagon“, das Trio des Pianisten Jason Moran, eines von nur zwei Deutschlandkonzerten.

Vor nicht allzu langer Zeit sah es fast so aus, als müssten Oskar Riha und sein Verein aufgeben. Doch die Schieflage wurde begradigt und schließlich bekam der rührige Ex-Lehrer, der zwei Tage die Woche beim Edel-Label ECM beschäftigt ist, 2011 sogar den Memminger Kulturpreis zugesprochen. Entspannung hat sich trotzdem nicht eingestellt, denn die drei Konzerte im Jahr bleiben ein Vabanquespiel. Schließlich improvisieren die prominenten Jazzer, die von JAMM eingeladen werden, trotz teils freundschaftlicher Verbundenheit mit Oskar Riha nicht gerade für ein warmes Abendessen und zwei Bier. Oft muss der Verein, der neue Mitglieder sucht und sich ausschließlich über Sponsorenzuwendungen und Eintrittsgelder finanziert, zittern. Kommen genug Zuhörer?

Als sich jetzt der Pianist Jason Moran auf einen vor dem Steinway hockenden Küchenstuhl setzte, platzte das Memminger Kaminwerk nicht gerade aus allen Nähten – immerhin hatte das Konzert des Amerikaners aber nicht nur Bürger der Stadt angezogen – auf dem Parkplatz vor dem im Industriegebiet gelegenen Venue fand sich manches Vehikel mit auswärtigem Nummernschild – wie meist bei JAMM-Veranstaltungen. Auch das M prangte als erster Buchstabe auf einigen Kennzeichen.

Jazzbegeisterte aus Nah und Fern erlebten den Auftritt eines Tastenkünstlers, der zu den wichtigsten Klavierstilisten des zeitgenössischen Jazz gehört. Der Texaner Jason Moran hat die ganze Historie des Jazz-Pianos aufgesogen und einen ganz eigenen Stil aus seinen Einflüssen destilliert. Ob er nun die schwungvoll hüpfenden Figuren des Stride-Pianos tanzen lässt oder grobe Cluster ins Elfenbein donnert, ob er nun Fats Waller oder Cecil Taylor die Aufwartung macht – immer bleibt der 37-Jährige bei sich selbst.

Er zitiert mit seinen Langzeitpartnern, Tarus Mateen an der halbakustischen Bassgitarre und Nasheet Waits am Schlagzeug, keineswegs nur aus einem Jahrhundert Jazz – die ganze Bandbreite schwarzer Musikgeschichte wird aufbereitet. Oft leitet das Trio, das sich „The Bandwagon“ nennt, seine Stücke mit Zuspielungen ein, von Gladys Knight über Billie Holiday bis Albert King. In die Originale steigen die drei Musiker dann ein. Ein paar Takte lang sind sie kaum anders als picklige Teenager, die in ihrem abgesperrten Zimmer selbstvergessen zu ihren Lieblingsplatten spielen – während Mutti unten vergeblich darauf wartet, dass der Sprössling zum Essen runterkommt.

Doch spätestens wenn diese Überblendung von einer Welt in eine parallele stattfindet, wenn sich die historischen Aufnahmen im Fade Out davon stehlen, merkt der Zuhörer, mit welchen Kalibern er es hier zu tun bekommt. Der harmlose Einstieg ist dann schnell vergessen, weil sich alles rasend verdichtet – zu einer geerdeten, anspielungsreichen, organischen, virtuosen, hochdynamischen Musik. Selbst wenn es mal etwas abstrakter wird - so kreiselt das Loop eines Jimi Hendrix-Feedbacks wie eine heisere Möwe über dem Geschehen - verliert das Trio die Bodenhaftung nicht. Donnernder Applaus.

Am 3. Juli 2012 kommt übrigens mal wieder Pat Metheny nach „Memmindschen“, diesmal mit seiner sensationell besetzten „Unity Band“, der der Saxofonist Chris Potter, der Bassist Ben Williams und der Schlagzeuger Antonio Sanchez angehören. Für das Konzert zieht JAMM vom Kaminwerk in die Stadthalle um.

Ssirus W. Pakzad

 

Veröffentlicht am: 08.03.2012

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