Alexeij Sagerer mit "Weißes Fleisch" in der Muffathalle: Entsetzen und Eros bei einer magischen Aufführung

von Michael Wüst

Fleischarbeit. Foto: Christa Sturm

In der Muffathalle geben eine nackte Frau und ein Pferd eine infernalische Hochzeit und lassen ein verstörtes Publikum zurück, das allerdings auch nicht immer bei der Sache war.

20.28 Uhr. Einlass Muffathalle zu Alexeij Sagerers neuester Produktion "Weißes Fleisch". Wie sich später erschließen lassen wird, sind zu diesem Zeitpunkt bereits vier Sagerersche Zeiteinheiten verstrichen, nämlich seit 20.00 Uhr. Die nun vor Publikum weiter zu verfolgende Transsubstantiation, der die Zuschauer in einer dünnen Stuhlreihe an der Wand aufgereiht folgten, wird am Ende mit Black Out nach 84 Minuten geendet haben, nach zwölf Einheiten eines weißen Sagerer-Zyklus'.

Der finale Black Out, normalerweise eine sichere Methode, den Applausreflex auszulösen, hatte tatsächlich versagt. Alexeij Sagerer wird es jedoch für sich verbuchen, wenn das Publikum in großen Teilen perplex, entsetzt war. - Entsetzt nämlich der Bedeutungsüblichkeit, der hermeneutischen Alltäglichkeit oder - anders gesagt - unter dem Eindruck des Unmittelbaren. Sagerer hatte wieder einmal die Usancen des Kultürlichen gründlich auseinander genommen, aber nicht als Berserker, sondern als Kompositeur.

Der weiße Kopf. Foto: Christa Sturm

Doch zurück zum Beginn: In der Mitte, auf roten Bühnenpodesten, ein monolithischer dunkler Block wie eine Bundeslade, umgeben von Flaschenzügen und Seilwinden. Schwarze Bottiche. Hermetisch, obskur, schweigend. Dann Aufschlaggeräusche, akustische Verrichtungen. Gegenüber von diesem zentralen Block, dem Tabernakel eines wilden Gottes an der Rückseite der Halle, geht eine Projektion auf. Eine nackte Frau beklebt sich mit Hostien. Ein Iphigenienmotiv.

In die Aufschlaggeräusche mischt sich der höhere vibrierende Ton eines anfahrenden Motors wie eine orangene Säule. Aus dem rückwärtigen Dunkel  neben der stummen Nackten fährt jetzt wie in einer Prozession ein Stapler in den Raum: In seinen Gabeln hängt der abgetrennte Kopf eines Pferdes über seinen mächtigen Körper. Aufschlaggeräusche, Motor, Flaschenzüge, Rückkopplungen, Knochensägen instrumentieren die Szene einer Wandlung. Pferd und Frau behaupten den Hieros Gamos, die heilige, chymische Hochzeit. Die sexuellen Wurzeln des Religiösen, die Einheit der Gegensätze.

Iphigenie badet im Blut. Foto: Christa Sturm

Vom Moment des Anfahrens an pendelt der Pferdekopf in einem geradezu affirmativen, ständigen Auf und Ab über seinem der Länge nach aufgetrennten und ausgenommenen Körper und bejaht das Geschehen. Und in unerbittlicher Logik vollzieht sich auch dieser Prozess: Es ist ja das erotische Credo Sagerers, Brutalität und Verletzlichkeit bestehen gleichzeitig und gleichwertig.

Dann ist das Opferpferd im Innersten des Tempels. Es wird zerlegt in sechs Teile. Und der siebte ist sein Kopf! In solcher Zerstücklung wird ein atavistischer Fruchtbarkeits-Ritus sichtbar. Pars pro toto. Das Fleisch erfährt nun seine finale Wandlung. Zwei Arbeiter in Blaumännern, um im Bild zu bleiben, Akolythe, Liturgiehelfer, bestreichen das Fleisch mit weißer Wandfarbe, tauschen es in die schwarzen Bottiche. Am Schluss hängt weiß allein der Kopf des Pferdes wie ein mysteriöser Gott und Iphigenie badet im Blut.

Den nun folgenden Black Out konnte eigentlich niemand missverstehen. Um im Bild zu bleiben: Auch nicht die während dieser magischen Aufführung, Kindern in der Kirche gleich, babbelnden Zuschauer.

 

Veröffentlicht am: 29.02.2012

Über den Autor

Michael Wüst

Redakteur

Michael Wüst ist seit 2010 beim Kulturvollzug.

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