Ein Ring, sich zu finden: Andreas Kriegenburg über seine Wagner-Erfahrung

von kulturvollzug

Hören, hören, hören: Andreas Kriegenburg inszeniert den "Ring". Foto: Staatsoper

Die Wagner-Stadt an sich ist Bayreuth. Doch den großen Fang hat München gemacht. Ab 4. Februar inszeniert Andreas Kriegenburg, einer der bedeutendsten deutschen Regisseure, Richard Wagners Opernmassiv "Der Ring" - ein Jahr vor Frank Castorfs Jubiläums-"Ring". Kriegenburg sprach mit dem Kulturvollzug über seine Zuneigung zu München und seine späten und um so intensiveren Erfahrungen mit Wagner.

2013 steht das große Wagner-Jubiläumsjahr an, und besonders gefeiert wird der 200. Geburtstag in Bayreuth. Hätte es Sie gereizt, statt heuer in München ein Jahr später in Bayreuth zu inszenieren?

Ein solches Werk wie den Ring zu inszenieren, erfordert ein solches Maß an Kraft, dass ich für mich ganz klar entscheide: Das mache ich nur mit einem Haus, das ich kenne, und wo ich weiß, wie viele Energien ich auch von dem Haus zurückbekomme. Ich weiß, dass die Zusammenarbeit mit dem Haus, überhaupt meine Theaterarbeit in München, immer sehr besonders war. Ein großes Vergnügen, auch wegen der ganz besonderen Bereitschaft in dieser Stadt, mit dem, was ich mache, umzugehen. Und deshalb war für mich klar, dass wenn ich überhaupt zusage, nur für dieses Haus, für diese Stadt.

Hat Bayreuth bei Ihnen angerufen?

Nö.

Aber die Frage war ja in Bayreuth relativ offen, bis man sich für Frank Castorf entschieden hat, der nicht unbedingt viel Opernerfahrung hat.

Zum einen habe ich ja auch nicht unbedingt viel Opernerfahrung. Zum anderen war in Bayreuth, als die Entscheidung anstand, auch schon lange bekannt, dass ich den Ring hier für die Bayerische Staatsoper inszeniere.

Sie haben 2006 in Magdeburg Ihre erste Oper inszeniert. Wie kam es dazu?

Magdeburg ist meine Heimatstadt. Ich hatte mich lange der Arbeit an der Oper verweigert, weil ich sagte, ich habe am Theater genug zu tun, zu lernen. Letztendlich kam es aus einem sentimentalen Grund heraus dazu: auch mal in meiner Heimatstadt zu arbeiten, als verlorener Sohn zurückzukehren. Ich habe aber nicht erwartet, dass diese Arbeit für beide Seiten so gewinnbringend, so lustbringend, so vergnüglich ist. Und seitdem bin ich auch sehr gern dabei, an der Oper zu arbeiten.

Wie reagieren denn die Sänger, wenn ein ausgewiesener Sprechtheaterregisseur kommt, um eine Oper wie "Wozzeck" oder "Tosca" zu inszenieren?

Also, die Sänger haben ja nicht, nur weil sie singen können, Lust an der Oberflächlichkeit. Fast alle, mit denen ich gearbeitet habe, sind auf der Suche nach den Tiefen und Untiefen und Verwerfungen ihrer Figur und sind auf der Suche nach Möglichkeiten, die Psychologie ihrer Figuren so kantenreich wie möglich zu erzählen und zu erleben. Da ist ihnen natürlich ein Schauspielregisseur willkommen. Es gibt fast keinen Sänger, der sagt: Es reicht, wenn ich singe. Die sind ja auch alle auf der Suche nach Möglichkeiten, selber zu erleben, sich auszusetzen.

Bei Produktionen von Ihnen wie dem "Prozess" oder "Diebe" von Dea Loher sieht man richtige Bühnenmaschinen. Kommt Ihnen das geradezu anmaßende, riesenhafte Theater von Wagner entgegen?

Na ja, für mich sind die Maschinerien auch immer Möglichkeiten, Figuren zu präsentieren und Geschichten zu erzählen. Für mich ist ganz oft wichtig, dass sich die Bühne als eigene Welt präsentiert, die sich nach vorne fast abschließt. Die man anschauen kann, die man miterleben kann, die aber ihre eigenen Gesetze hat. Es geht nicht um die Maschinen an sich, die sind nur Vehikel. Man kann Wagner auch fast ohne Bühnenbild, ohne Aufwand inszenieren, weil er an sich schon ungeheuer theatral erzählt, allein in seiner Musik. Insofern hat das nichts miteinander zu tun, es geht eher darum zu entschlüsseln, was das gestische Geheimnis in der Musik ist, als dass man seine Partitur oder seinen Erzählansatz als große Maschine begreift.

Sie wollen Wagner zu seinem Recht als Erzähler kommen lassen...

Für ihn war die Technik des Leitmotivs wichtig. Für ihn war wichtig, mit einer fortlaufenden Erzählung den Zuschauer in den Bann zu ziehen und nicht mehr loszulassen. Und wir versuchen, das nacherlebbar zu machen. Wir versuchen nicht, ihn über eine überbordende Dekoration zu inszenieren, ihn mit einem visuellen Bombardement zu belegen, ihn einem visuellen Overkill auszusetzen, sondern tatsächliche, liebende und lebende Figuren auf der Bühne zu zeigen, die nicht nur Staffage eines Bühnenbilds sind.

Wagner erzählt im "Ring" von der zerstörerischen Kraft des Goldes.Vom Untergang. Wenn man sich die Finanzkrise anschaut, den drohenden Kollaps der Weltwirtschaft - da wird der eine oder andere Zuschauer aktuelle Bezüge erwarten. Hemmen diese Erwartungen einen Regisseur?

Wir sind unbedingt aktuell, weil unsere Arbeit gerade entsteht und weil wir das, was uns umgibt, auch wahrnehmen. Aktuell heißt ja nicht, dass man abbilden muss, dass man eine News-Alltäglichkeit eins zu eins adaptiert. Ich würde auch widersprechen, dass der "Ring" die Macht des Goldes behandelt. Es geht um die Macht des Verrates, des Misstrauens, die Unmöglichkeit, starre, geordnete Systeme zu kreieren - weil sie dem Wesen des Menschen widersprechen. Natürlich ist da auch Kapitalismuskritik drin. Wenn wir Szenen sehen, in denen Menschenkraft verschlissen wird, wo Produktionsprozesse darauf aufbauen, dass Menschen verheizt werden, dann ist das natürlich auch als Kapitalismuskritik zu sehen. Wir sehen aber keinen Börsianer auf der Bühne, keinen Spekulanten, keinen Großfabrikanten - diesen Vereinfachungen versuchen wir zu entgehen.

Man kennt Sie als Bühnenbildner, als Regisseur, als Autor, und mittlerweile auch als Opernregisseur, jetzt sogar beim "Ring". Was kann da noch groß kommen?

Ich mache danach "Orlando" von Händel in Dresden, das ist unglaublich reizvoll. Es gibt für mich auch nicht diese Kategorien des "höher, schneller, weiter, und mit Wagner bin ich am Höchsten, Weitesten und Größten angekommen". Ich kann mir durchaus vorstellen, eine Inszenierung mit zwanzig Darstellern zu machen, einen Monolog, oder etwas mit zwei, drei Darstellern, etwas in der Art eines Kammerspiels. Ich funktioniere nicht in der Kategorie des immer Größeren, Spektakuläreren.

Sie haben mal gesagt, dass Sie mit Wagner bis vor drei Jahren nicht viel anfangen konnten. Wie haben Sie es in Angriff genommen, diese Kluft zu überbrücken? Hören. Hören, hören, hören. Man muss eben auch das Fremde so tief in das Leben integrieren, dass man nicht nur sich daran gewöhnt, dass sich die Wahrnehmung nicht nur schärft, sondern dass sie sich grundsätzlich ändert. Dass ich mit Wagner nicht viel anfangen konnte, dass ich ihn sogar vermieden habe, hat nicht nur mit Charakterzügen zu tun, sondern auch mit der Herkunft. Ich bin mit Telemann groß geworden. Magdeburg ist Telemann-Stadt. Ich bin aber für den langen Weg, Wagner für mich von Klischees befreien zu können, sehr dankbar, weil ich tatsächlich verstehe, mit welcher Hingabe und Rafinesse er schreibt. Am Anfang war das für mich Wirkungsmusik. Es hat eine ganze Weile gebraucht, bis ich verstanden habe, wie subtil er ist in der Erzählung und in der Szenenführung durch Musik.

Sie hatten zu Wagner ein schwieriges Verhältnis...

Gar keins.

Wenn man sich so zwingen muss - entsteht da eine spezielle kreative Reibung? Haben Sie den Eindruck, dass sich Ihre Regiesprache verändert hat?

Also, wenn man eine Klangwelt wie die von Wagner über so lange Zeit in sein Leben einbaut, dann verändert einen das natürlich. Ich würde nicht beschreiben können, in welche Richtung, ob ich opernhafter geworden bin oder in größeren Bildern inszeniere. Aber es ist Teil meines Lebens geworden. Und dadurch Teil meines Filters, durch den ich die Welt wahrnehme.

Warum ist Wagner so großartig, warum wird er heute noch so gehört?

Ich weiß es nicht, ich kann es gar nicht sagen. Wagner sammelt Urängste und Urlust, er erweckt sie in uns. Es gibt, glaube ich, keinen Menschen auf dem Planeten, den das "Rheingold"-Vorspiel nicht ergreift, oder der beim Walküren-Ritt auf eine für ihn irritierende Weise angefasst wird. Er greift uns auf sehr subtile Weise in die Eingeweide.

Werden Sie 2013 doch mal in Bayreuth vorbeischauen, um sich den "Ring" von Castorf anzusehen?

Das weiß ich nicht. Also, ich werde mich da sicher nicht in eine Schlange stellen und gucken, dass ich eine Karte kriege. Ich habe keinerlei Beziehungen in Bayreuth, ich weiß es also nicht. Ich bin sehr gespannt drauf, was er macht - das auf jeden Fall.

Veröffentlicht am: 26.01.2012

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