Von der Residenz zum neuen Konzertsaal: Beim Rekord-Neujahrsempfang von Horst Seehofer ist nicht nur der Gast Christian Ude neu

von Michael Grill

Im Kaisersaal nach der Rede. Foto: M. Grill

Der Neujahrsempfang des Bayerischen Ministerpräsidenten in der Residenz ist ein Ritual wie das Anzapfen auf der Wiesn: Scheinbar immer gleich, doch aus den Abweichungen im Kleinen entspinnen sich Geschichten. Außerdem bekräftigte Horst Seehofer sein Versprechen für einen neuen Konzertsaal in München und duellierte sich ein bisschen mit seinem Herausforderer, dem Münchner OB Christian Ude.

Mit jeder Menge Familien- und Gruppenfotos auf dem roten Teppich gab Seehofer den professionellen Beobachtern Zucker: Als sich das Kabinett zusammenstellte und einer der Fotografen rief, alle sollten mit dem Blick bitte mal nach links, knurrte es aus dem Ministerpulk (mutmaßlich Innenminister Joachim Herrmann oder Kultusminister Ludwig Spaenle): „Mit dem Blick schon.“

Herrlich auch, wie sich Finanzminister Markus Söder und Sozialministerin Christine Haderthauer Arm in Arm als intakte Kleingruppe präsentierten: Ein solcher Abend erzählt auch absurde Geschichten.

Die Stipendiaten der Maximilianeusms-Stiftung durften ein besonders großes Gruppenbild stellen. Seehofer erzählte später, er habe den jungen Menschen gesagt, sie seien die Zukunft und die Elite – „und die haben noch nicht mal widersprochen“.

1500 Gäste sind geladen, über mehrere hundert Meter stand das Volk beim Defilee. Seehofer ist deutlich langsamer als seine Amtsvorgänger im Händeschütteln, sagte einer aus seiner Entourage. Er bringt es insgesamt auf zwei Stunden und 35 Minuten – so lange wie noch nie. Seehofer verkaufte es so: „Eine neue Bestleistung, die der Freistaat erbringt.“

Dass Seehofer viel zu tun hatte kam auch daher, dass Gäste kamen, die noch nie da waren. OB Christian Ude (SPD) etwa, der als künftiger Herausforderer für Seehofer um das höchste Amt im Freistaat seit einiger Zeit auch gesellschaftlich deutlich erkennbar auf Bayern-Kurs ist. Ude entschuldigte zunächst seine Frau für ihr Fernbleiben wegen Rückenproblemen, und zierte sich dann etwas bei der Aufstellung fürs gemeinsame Foto. Anschließend sagte der OB zum Kulturvollzug, er würde als Ministerpräsident das Defilee versuchen zu vermeiden, denn er bevorzuge es, Gäste in einem Raum zu versammeln und dann gemeinsam zu begrüßen. Dass er bei Seehofers Warteschlange abkürzen durfte, sei richtig, und das verstehe er als „ein Upgrading, für das ich sehr dankbar bin“.

Auch sonst verlief der Abend in gelöster Stimmung. Die Roben waren eher bürgerlich als höfisch, was ja nichts Schlechtes bedeuten muss. Gesellschaftskolumnist Michael Graeter, der sich beim Defilee nicht im Journalistenbereich hatte einsperren lassen, maulte allerdings, das Erscheinungsbild dieser Gesellschaft sei bieder. Ein typischer Dialog im Gang vor dem Vierschimmelsaal lautete etwa so: „Hallo, ich bin Chrissi.“ – „Barbara!“ – „Und was bist Du?“ – „Bierkönigin.“

Mit den Stipendiaten aus dem Maximilianeum. Foto: M. Grill

Seehofers Rede hatte etwas mehr zu bieten, auch wenn er zunächst frei nach Johann Gottfried Herder sich gefühlig über den „Tyrannen Zeit“ warmschwurbelte: „Ich bitte Sie, dem Tyrannen Zeit die Stirn zu bieten. Das ist gut für ihr Wohlbefinden.“

Doch irgendwie muss man ja hineinkommen in so eine Rede. Dann zog Seehofer an: „Was ich heute am häufigsten gehört habe, ist der Satz: Herr Ministerpräsident, sorgen Sie dafür, dass es in Bayern so bleibt wie es ist.“ Da war klar, in welche Ude-Richtung das zielte, und für alle denen es nicht klar war, wurde Seehofer noch ganz deutlich: „Der Münchner Oberbürgermeister hat mich hier zum ersten Mal heimgesucht. Mein Wunsch ist: Dass die Heimsuchung in dieser Form noch viele Jahre so erhalten bleibt.“ – Dass er also Gastgeber beim Staatsempfang bleibt und Ude Gast. Denn schließlich soll „Bayern ein Land blieben für leistungswillige junge Menschen.“ Nun ist nicht bekannt, dass Ude Bayern in Land für faule Alte umarbeiten will, aber man ahnt, wie Seehofer offenkundig auf die gegensätzlichen Lebensphilosophien „konservativ vs. sozialdemokratisch“ hinauswill.

Schließlich kam die Kultur an die Reihe, die ja derzeit in Stadt und Land als Konzertsaaldebatte reüssiert. Seehofer setzte so an: „Ich habe die Augsburger Symphoniker gefragt, ob sie denn in Augsburg einen ordentlichen Konzertsaal haben. Sie haben unvorsichtigerweise Ja gesagt. Also muss ich Ihnen nichts Neues versprechen.“

Beim Neujahrsempfang in Berlin wenige Tage zuvor hatte Seehofer fest zugesagt, er werde ein Konzerthaus der Weltklasse in München errichten lassen. Nun bekräftigte er: „Für München bleibt es bei dem Versprechen: Wir sind für Kultur in der Spitze und in der Breite, in der Stadt und in den ländlichen Regionen. Das darf man nicht gegeneinander ausspielen. Das eine kommt und das andere auch.“ Dies zielte auf die zunehmende Kritik von nordbayerischen Politikern, mit einem  Konzertsaalbau würde Münchner wieder einmal gegenüber dem Rest von Bayern bevorzugt.

Kunstminister Wolfgang Heubisch (FDP) sagte anschließend zum Kulturvollzug: „Damit ist alles gesagt. Ich kann dem Ministerpräsidenten nur zustimmen. Für ein Flächenland wie Bayern ist es essenziell, dass es kein Entweder-oder gibt, sondern nur ein Sowohl-als-auch.“ Konkret werde er als nächsten Schritt hin zu einem neuen Konzertsaal eine Machbarkeitsstudie für den möglichen Standort auf der Münchner Museumsinsel in Auftrag geben.

Derweil war auf den in der Residenz verteilten Bildschirmen, die zuvor das große Händeschütteln live übertragen hatten, ein Best-of des Defilees zu sehen. Man konnte fast den Eindruck haben, Seehofer fing noch einmal ganz von vorne an.

Veröffentlicht am: 15.01.2012

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