Das Lächeln des Kouros oder worauf wir in der postkapitalistischen Kloake nicht mehr warten sollten / Eine Anklage von Serge Mangin

von kulturvollzug

Das Lächeln des Kouros im Atelier (hier einige von Mangins Arbeiten in den 70ern). Alle Fotos: Mangin

Vor genau einem Jahr erschien das Buch "Empört euch!"  von Stéphane Hessel auf Deutsch.  Es war ein Büchlein, das die westliche Welt aufschreckte und als eine Art Manifest der Occupy-Bewegung heftig diskutiert wurde:  Sind wir noch zu retten? Muss man dem Irrsinn der Banken, der Konzerne nicht endlich ein Ende machen? Der Franzose Hessel brachte viel Wut auf nur 30 Seiten unter. Wurde aber das, was Hessel begann, seitdem weitergedacht?  Hier gibt es einen Versuch: Woher kommt diese Krise, die offensichtlich nicht nur eine materielle ist? Sind Deformationen der Moral vielleicht sogar ästhetisch oder kulturell begründbar? Der in München lebende Bildhauer Serge Mangin denkt Hessel weiter. Er hat ein düsteres Pamphlet geschrieben, das hier exklusiv erscheint. (gr.)

von Serge Mangin

Die moderne Welt ähnelt einem Munitionszug, der mit erloschenen Lichtern in einer mondlosen Nacht in den Nebel rast. (Robert Ardrey)

Der Krake des globalen ökonomischen Denkens färbt jeden Augenblick unseres Lebens ein. Es ist ein algebraisches Denken, das sich mit Zahlen befasst, die keinen direkten Bezug zum Leben haben. Bereits aus diesem Grunde steht es außerhalb des abendländischen Denkens, das auf  konkreten Gegebenheiten beruht. So hat, ohne dass wir es merkten, der Niedergang des Okzidents begonnen.

Mit George Bush Senior. Foto: D. Biskup

Das Phänomen ist nicht neu: Das antike Griechenland, und später das Römische Reich gingen an der Unterwanderung durch die Stoa und später durch das Christentum zu Grunde.

 

Die Habgier des Homo Sapiens war zu allen Zeiten zwanghaft, aber die damalige Besessenheit hat niemals die Ausmaße der aktuellen Ideologie des Geldes angenommen. Sie ist zum religiösen Dogma geworden - genauso wie ihre Verbündete, die Digitalisierung, die das Verhältnis zur Technik neu definiert. Aus der Ideologie des Geldes im Verbund mit der Digitalisierung entsteht eine neue Form des Monotheismus.

Mit Michail Gorbatschow im Schwabinger Atelier.

Dieser absolutistische Glauben duldet keine andere Lebensgestaltung neben sich. Kommunismus und Kapitalismus waren dagegen nur miteinander rivalisierende wirtschaftliche Ideologien, die einen gemeinsamen Ursprung haben, im Grunde genommen Geschwister sind. Die Bibel, der Koran, der Talmud, die verschiedenen politischen Utopien des 20. Jahrhunderts und die aktuelle Ideologie des Geldes bestehen im Kern lediglich aus einigen einfältigen Dogmen. Sie bewirken einen Schiffbruch des Denkens, der alle Hochkulturen der Vergangenheit zum Lachen gebracht hätte.

Die siegreiche künstlerische Ausdrucksform dieses neuen allumfassenden Monotheismus des Geldes ist die Kunst ohne Form, sie sie jeder Monotheismus verlangt. Der Körper war bereits den ersten Christen fremd. Sie wollten sich seiner entledigen. Der ökonomische Künstler – denn das ist sein Name – von heute hasst ihn. Diese Verherrlichung der Nicht-Form ist aber längst wie die Berliner Mauer gefallen. Niemand will sie mehr haben.

Mit Helmut Kohl. Foto: E. F. Gehnen

Diese ganzen Kapriolen der Kunst: zuerst Pissoirs, dann Kretins aus Eisendraht und schließlich, wie zur Zeit, einbalsamierte Ratten oder allerlei Puppen mit der seit nunmehr fast hundert Jahren immer gleichen revolutionären Attitüde, die jeden langweilt. Man versucht noch, die Kapriolen der Kunst als Objekte der Spekulation durchzudrücken, aber sie werden wie das nicht vorhandene Geld der Banken als Seifenblasen platzen. Eines nicht allzu fernen Tages wird die Welt sich wundern, wie man an solche Dummheiten glauben konnte.

Dieser Hass auf den Körper ist aber nicht ohne Fundament, denn – ich zitiere Gaston Bachelard – „einen Wert schützen heißt alle Werte schützen“. Mit der Abschaffung des Bildes des Körpers zerstörten der ökonomische Künstler oder vielmehr seine Auftraggeber das abendländische Denken.

Die Zerstörung der heidnischen Statuen war immer die erste Aufgabe jedweder Art von Missionaren. Man wird jetzt die Statuen in den Kathedralen gegen mich ins Felde führen, die ja christlich sind. Aber diese, von abendländischen Völkern hervorgebrachten Werke sind in ihrem Wesenskern heidnisch und stellen Heilige dar wie der Polytheismus der Antike die Götter.

 

Der Ausdruck "moderne Kunst" ist ein Propaganda-Coup

Eine gelungene Statue ist aber in Wirklichkeit niemals harmlos. Sogar eine bescheidene Flötenspielerin kann ein furchterregendes kulturelles Bollwerk sein. Der Beweis dafür findet sich darin, dass die erste Maßnahme, die ein Sieger gegenüber dem Besiegten ergreift, die Vernichtung seiner Statuen ist. Die Geschichte ist voller Beispiele dafür, von der Französischen Revolution über die Zerstörung der Buddha-Statuen durch die Taliban bis hin zur Statue Saddam Husseins, die die Amerikaner umstürzten. Der unglaublich schnelle Vormarsch der ökonomischen, abstrakt genannten Kunst seit dem „Dadaismus“ von 1918 war gleicher Natur.

Das Wort „abstrakt“ ist in diesem Kontext übrigens missverständlich. Jede Kunst ist zwangsläufig eine Abstrahierung der Realität, weil sie sonst Gefahr läuft, der Photographie Konkurrenz zu machen. Auch der Ausdruck „moderne Kunst“ ist ein großartiger Propaganda-Coup, wie man ihn nur in Kriegszeiten erfindet: Derjenige, der nicht „modern“ ist, ist natürlich verbraucht, was so viel heißen soll wie altmodisch, ein Dummkopf.

Die Dialektik des Sokrates ist hier auf ihrem Höhepunkt: Dass es historischen Fortschritt in der Kunst geben könnte ist eine ebenso absurde Vorstellung wie die Idee, dass es einen historischen Sinn geben könnte. Nein, hier hat man mit Absicht freie künstlerische Entwicklung mit politischem Fortschritt verwechselt.  Das ganze Szenario war Teil einer umfassenden, zugleich kaufmännischen und kommunistischen Operation: Befreiung aller Unterdrückten, Glück auf der ganzen Welt, Vereinigung der Arbeiter und andere Träumereien, die internationale Fusionen begünstigten und damit auch die der Konzerne.

Die Falle ist über uns allen zugeschnappt

Die Masse der Menschen wurde langsam „kauflustig“. Heute ist das Ziel der Operation erreicht: die gleichen Großmarkt-Ketten auf der ganzen Welt, der Uni-Sex und die selben Gesichter, die gleichen, von einem Nadelkopf gekrönten Muskelpakete und die immer gleichen rasierten Puppen vom Typus Gefrierschrank, die gleichen Massen an Jobsuchern mit austauschbaren Fertigkeiten (früher war ein Schuhmacher Schuhmacher und blieb Schuhmacher; er war jemand), dieselben Ghettos von Moskau bis Buenos Aires.

All die „modernen“ ökonomischen Künstler hatten bis dahin leichtes Spiel, die Gesellschaft anzupöbeln, da sie nichts anderes machten als sie zu repräsentieren. Aber die Falle ist über ihnen zugeschnappt wie übrigens über uns allen. Diese Künstler „protestieren“ nicht mal mehr wie es die gegenwärtigen Studenten tun – kleine disziplinierte Phantome -, sie tauchen in aller Stille in der großen Leere unter, die uns verschluckt.

Die Architektur, deren wichtigste Funktion es ist, die Struktur einer Gesellschaft zu definieren, hat schon seit langem jenen universellen Charakter wie die römische Architektur am Ende der antiken Welt. Man sehe sich diese anonymen, schwindelerregenden Glastürme der Banken und heutigen Versicherungen an, wie sie feixen in ihrer Unsichtbarkeit steinerner Staatspaläste!

Man sehe sich zum Vergleich den griechischen Tempel an, wie er zugleich niedrig und stark ist. Man spürt in ihm nicht diese Zerbrechlichkeit einer Glaskonstruktion wirtschaftlichen Wachstums.

Wir behandeln die Körper von Mensch und Tier wie „Produkte“ auf einem „Markt“

Diese Mentalität des wirtschaftlichen Wachstums ist so allgegenwärtig geworden, dass sogar die moderne Medizin nach „Produktion“ von Gesundheit strebt. Bei aller Bewunderung für die Fortschritte der abendländischen Medizin: Es steht fest, dass wir, ohne uns dessen bewusst zu werden, zur Zeit die Körper von Mensch und Tier wie „Produkte“ auf einem „Markt“ behandeln, den es zu verbessern, ja rentabler zu machen gilt. Das Ergebnis ist ebenso trügerisch wie die Börsengewinne: Der Okzident „lebt“ länger, aber die chronische Schwäche steigt proportional zum Wahnsinn der demographischen Dezimierung, die sehr wohl eine andere Form von Krankheit ist.

Die über-alt gewordenen, aber entseelten Körper schleppen sich wie alte, gut genährte Tiere dahin, so wie jene Rentner, die seit einigen Jahren während der Sommermonate die Welt überfluten. Sie flößen keinen Respekt ein, sondern nerven ihre Umgebung, und enden so wie sie es verdienen: Man behandelt sie wie finanzielle Bürden. Ihre Selbstgefälligkeit, ihre 50 Jahre Fernsehen, ihre Ignoranz werden die Blitze der Götter auf sich ziehen, denn sie dürften das Tragwerk des folgenschweren Wohllebens gewesen sein.

Man darf sie nicht mit jenen einfachen Leuten verwechseln, die hart gearbeitet haben, um sparen zu können; die sind zu Hause geblieben. Nein, es handelt sich vielmehr um Nutztiere, die es akzeptierten, sich acht Stunden pro Tag einsperren zu lassen, und die sich dabei in Sicherheit wiegen. Aber die Haustiere bezahlen ihren Komfort beim Menschen immer sehr teuer und das Schlachthaus ist für sie nie weit entfernt.

"Schnell ins Büro, oder: Little Apocalypse"

Die Jüngsten hat die Technik und die Ignoranz so hochnäsig gemacht, dass sie bereits in jungen Jahren unerträglicher sind als ihre traurigen Eltern. Schon eine simple Reise im Zug oder im Flugzeug genügt, um diese bemitleidenswerte Herde, die schon kein menschliches Schicksal mehr hat, beobachten zu können. Es würde überraschen, bei den Kindern nicht das gleiche Phänomen zu beobachten: Sobald sie nur „Mama“ sagen, lässt ihr rabiater Egoismus und ihre hysterische Hyperaktivität sämtliche Werbeslogans und alle anderen Idiotien des Fernsehens in den Ohren erschallen. Sie haben gar keine Zeit mehr, große Augen zu machen um zu staunen, nein: Alles und Jeder hat sich nur um sie zu kümmern. Es ist, als sehe man den Typus des „Boni-Bankers“ im Alter von fünf Jahren.

Auf Kreta. Kunst, bezahlt mit Honig und Olivenöl.

Die durchaus zahlreichen Ausnahmen, die man noch für einige Zeit wird finden können, ändern daran nichts. Das Ende dieses traurigen Spektakels steht unmittelbar bevor, wir wissen nur nicht genau wann und wie. Der Mensch spürt wie alle Tiere instinktiv die Katastrophe nahen.

Die „Jogger“, die man wie Flüchtige durch die ganze Welt rennen sieht, die Wortlawinen, die uns über die Medien ersticken - das alles drückt die Angst der Herde aus. Es erinnert an das Blöcken der Schafe, die, anstatt zu reden, sich hilflos vor dem Erdbeben zusammendrängen.

Brunnenfigur.

Apropos reden: Der griechische Philosoph Aristipp schrieb: „Den Nutzen, den ich aus der Philosophie gezogen habe, besteht darin, frei zu jedermann zu sprechen.“ Das sind allerdings die Worte eines Mannes, der in einer Gesellschaft freier Bürger lebte. Die Lust darauf würde ihm heute schnell vergehen, ganz nebenbei bemerkt.

Die banale Reaktion der heutigen Konservativen auf all den Missbrauch und die Unzulänglichkeiten dieser postkapitalistischen Kloake ist der langweilige Versuch, unsere sogenannten Werte zu verteidigen. Es wäre das gleiche, in der Kunst zu

Ein Hirte.

glauben, die Rückkehr zur figürlichen Kunst löse alle Probleme. Diese Kunst gibt es sogar bereits in Form der Gipskadaver oder in Form von aufgeblasenem Schwachsinn à la Mickey Mouse in kolossaler Größe. Genauso wenig glorreich ist der aktuelle Naturalismus, der auf abstoßende Weise mit der Realität toten Fleisches rivalisiert.

Zum Glück fahren noch einige andere Künstler in dieser Welt damit fort, bescheiden ihre Aufgaben zu erfüllen, wie jene Helden, die ihren Posten selbst dann nicht verlassen, wenn alle anderen schon geflohen sind.

Zunächst spreche ich es jedem ab, die europäischen „Werte“ zu definieren, und zwar aus dem einfachen Grund, weil es niemals welche gegeben hat. Vom Wirtschaftskolonialismus und der industriellen Sklaverei über die Massaker an den Indianern und Inkas, die beschämenden Verdikten der Missionare, nicht zu vergessen die vorhergegangenen Hexenjagden und die Gräuel der Religionskriege, die Gas- und Bombenkriege jeder Art: Ich sehe nicht, wie sich das durch unsere herrlichen Kathedralen oder unsere Kunst und Musik aufwiegen ließe.

Arbeit im Atelier, um das Jahr 2000.

Auch viele andere Völker haben herrliche Kunstwerke geschaffen. Aber es gibt nicht nur unsere Massaker, denn darauf haben wir nun wirklich kein Monopol! Ich denke vor allem an unsere mit Schweiß getränkten Kleider, unsere verstümmelnden Schuhe und ihren Gestank, unsere engstirnige Monogamie, unsere kriminellen Schulen. Und das alles nur, um mit Korsetts aufzuräumen und geschlossenen Krägen, bedeckt von Melonenhüten und Schnauzbärten bevor der Große Krieg erklärt wurde … Etwas Bescheidenheit war es, was uns immer gefehlt hat.

Mit Brahms-Kopf, zirka 1992.

Was die Technik oder die sogenannte Maschinenzivilisation betrifft, die Oswald Spengler beifällig beschrieben hat, so war sie nur eine Ansammlung manchmal genialer Erfindungen, die es, sich dabei von Generation auf Generation übertragend, Gruppen organisierter Primaten erlaubte, Ozeandampfer zu bauen und Wolkenkratzer oder Spielzeuge vom Typ der Interkontinentalraketen. So war es dem Spanier Cortez, einem vormaligen katholischen Kuhhirten, gelungen, Dank der Faustfeuerwaffen seiner Soldaten eine Zivilisation von Herren im heutigen Peru zu vernichten, die seiner eigenen Kultur eigentlich überlegen war. Auch die Erfüllung des Wunsches des Ikaros, mit Flugzeugen zu fliegen, hat innerhalb von nur zwei Jahrzehnten zur Bombardierung der meisten europäischen Hauptstädte geführt.

 

Auf Löwenschwanz, zirka 1990.

All diese Einschränkungen dürfen uns aber auf keinen Fall eine Art allen gemeinsame Sensibilität und Identität vergessen lassen, die man Kultur nennt und die stets unser unveräußerliches Gut blieb.

Wir wären wohl oder übel dazu verdammt, dies zu erkennen und zu akzeptieren um nicht zu verschwinden. Wir haben es nicht getan. Jetzt ist unsere einzige Kultur die einer infantilen Freizeit und übervoller Strände. Also werden wir verschwinden.

Der einzige wirkliche „Wert“ europäischen Ursprungs, vornehm, unsere Unzulänglichkeiten überdeckend und allen gemeinsam war der Sinn für Hierarchie, Disziplin und Gehorsam. Ein Wert, den auch die Griechen und unsere Vorväter, die Römer, hatten.

"Freies Europa und müder Bildhauer".

Heute setzen sich unsere Armeen aus immer weniger Spezialisten zusammen, die bezahlt werden, um weltweit die wirtschaftlichen Interessen der Konzerne zu schützen. Jeder beliebige gute Schachspieler weiß, dass jede Form der systematischen Verteidigung dazu verurteilt ist, zusammenzubrechen oder außerhalb der großen Schlachten zu bleiben. Die Verteidigung unserer Werte ist vom Typ „Maginot-Linie“.

Wenn es denn europäische Traditionen gegeben hat, dann sind sie an Altersschwäche gestorben. Die Partie ist zu Ende und das Schachbrett ist leer. Man muss eine neue Partie beginnen. Wir sitzen da und verfolgen den Kurs des Euros und des Dollars im Viertelstundentakt. Anstatt konstruktiv zu denken. „Oh, wie man die großen Dinge verächtlich macht, wenn man den kleinen Bedeutung beimisst“ schrieb Marquis de Sade mit der Präzision der französischen Aristokraten. Das ist genau der Fehler, der dazu führte, dass diese Aristokraten sich eines traurigen aber unabwendbaren Morgens so gut wie alle einen Kopf kürzer machen ließen. Uns werden eines nicht allzu fernen Tages zwangsweise die gleichen Erschütterungen ereilen. Wir werden nur das erhalten, was wir verdienen und das ist auch der einzige Trost.

Der Absturz der römischen Währung ging dem Fall des Reiches voraus. Sein Fall war das Signal eines Zusammenbruchs, der weit zuvor begonnen hatte. Das spielt sich seit einigen Jahrzehnten in der westlichen Welt in Form von monströsen Crashs ab. Die künftigen Crashs werden die letzte und grandiose Geschossgarbe dieses apokalyptischen Feuerwerkes in der allgemeinen Euphorie bilden. Dann wird eine lange schwarze Nacht anbrechen, die einem vorkommen wird wie wenn man heute von der Schwarzen Pest des Mittelalters spricht. Diese markierte nach Egon Friedell den Beginn der Moderne. Das Große Chaos und seine lange Nacht werden ihr Ende bezeichnen, gleichzeitig aber auch die Chance bringen, irgendwann eine neue Welt zu errichten.

***

Dieser Text ist der Text eines Mannes, der nicht nur seine eigene Freiheit verteidigt hat, sondern auch seine Vision der Freiheit - in Form von Skulpturen. Meine Kunst hat sich von Anfang an der körperlichen Schönheit und den Mysterien des menschlichen Antlitzes gewidmet. In dieser Welt, die nur von Kontrollen spricht, von Tests, von Standards und von Experten, war unsere Generation völlig verwaist, denn die Jugend braucht Helden als Vorbild.

Inspiration, Rückhalt und Bestärkung, die mich und andere all die langen Jahren in unserem Widerstand durchhalten ließen, fand ich im „Griechischen Menschen“, der vor ungefähr 2800 Jahren an den Küsten und in den Bergen Griechenlands geboren wurde, der ein aufrechter Mensch war, ein Säulen-Mensch, ein Freier-Bürger-Mensch, ein Mensch im Licht.

Der wesentliche Ausdruck dieses Griechischen Menschen waren jene nackten, aufrechten Statuen mit dem feinen Lächeln im Gesicht, die man „Kouroi“ nennt. Sie sind wie der gesamte Griechische Mensch die adäquate Antwort auf den ökonomischen Künstler.

Es ist heilsam, sich vom Kouros inspirieren zu lassen: Die Nacktheit des griechischen Menschen drückt nach Oswald Spengler vor allem die reine Gegenwart aus. Ein entscheidendes Detail, wenn man bedenkt, dass unsere Gesellschaft (verdient sie noch diesen Namen?) auf die Vorhersehbarkeit der Zukunft und das Bereuen gegründet ist. Nun war der gegenwärtige Augenblick bei den Griechen notwendigerweise an das „Hier-sein“ gebunden. Das heißt „Da-Sein“ im Heidegger’schen Sinne - wie auch die griechische Säule den Himmel trug, der auf ihr ruhte.

Das Fieber der gegenwärtigen hysterischen Ruhelosigkeit hätte nicht nur die alten Griechen entsetzt, sondern noch jede vernünftige Person vor wenigen Jahrzehnten. Die Griechen waren entschieden von der „Welt“ getrennt und haben sich so als Antipoden zu diesem für alle geöffneten Wirtschaftseuropa positioniert. Sie waren vor allem anti-historisch und sie behaupteten sich gegen die Welt.

Das wird nicht nur nach der dunklen Nacht des Großen Chaos, sondern heute schon wieder die Aufgabe der Kunst sein, und nicht etwa die bloße Nachahmung des Kouros, denn Nachahmung ist immer der Tod jeder Kunst. Diese Kunst wird keine neue Renaissance sein, welche ohnehin eher aus Naturkopisten bestand. Sondern die Kunst einer neuen Welt und für uns die eines völlig erneuerten Abendlandes.

 

Serge Mangin in seinem Atelier heute. Foto Michael Grill

Serge Mangin, Jahrgang 1947, ist Bildhauer. Der gebürtige Franzose lebt seit Jahrzehnten in München und hat die Stadt zu seiner eigentlichen Heimat gemacht. Als Künstler porträtierte er unter anderem Luciano Pavarotti und Ernst Jünger. In Berlin steht an der ehemaligen Zonengrenze in Kreuzberg sein Denkmal der Deutschen Einheit, für das er Büsten von Helmut Kohl, George Bush Senior und Michail Gorbatschow schuf.

Der Text ist die Einleitung zu den „Tagebüchern 1971 – 2012“, an deren Erscheinen Serge Mangin derzeit arbeitet. Er wurde aus dem Französischen übersetzt von Dr. Hertha Schwarz, und mit dem Künstler gemeinsam redigiert von Michael Grill.

Der Kulturvollzug berichtete über Serge Mangin im Januar 2011: „Der Einzelgänger: Der gebürtige Pariser Serge Mangin porträtierte Kohl, Bush und Gorbatschow – er ist Münchens unbekanntester weltberühmter Künstler“.

Von Serge Mangin ist unter anderem erschienen "Erwachen in Sparta. Ein griechisches Tagebuch" und "Annäherungen an Ernst Jünger 1990 - 1998", erhältlich unter anderem hier oder hier.

 

Veröffentlicht am: 08.02.2012

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volker langer
13.02.2012 11:34 Uhr

toll!!!

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