Bayerisches Staatsballet zeigt "Steps and Times": Kalter Glamour statt Herzenswärme

von Isabel Winklbauer

Marlon Dino, Lucia Lacarra und Tigran Mikayelyan (hinten) tanzen die Ewigkeit vor, Foto: Wilfried Hösl

Im neuen, vierteiligen Programm „Steps & Times“ versammelt das Bayerische Staatsballett Stücke der zwei wichtigen englischen Choreografen Frederick Ashton und Kenneth Macmillan. Der große Wurf war jedoch nicht darunter.

Das Bayerische Staatsballett schafft es immer wieder, die Nase im Trendwind zu haben: Die Kostüme der Münchner Erstaufführung von „Scènes de Ballet“ repräsentieren das Art Deco auf genau jene glamouröse, moderne Art, wie die großen Modezeitschriften sie fürs nächste Jahr beschwören. Dabei sind sie nicht einmal neu kreiert, sondern mit viel Aufwand André Beaurepaires Originalentwürfen von 1948 nachgeschneidert. Ein gelungener Coup! Er tröstet ein bisschen darüber hinweg, dass das Stück an sich eher kalt und unmenschlich ist.

Daria Sukorukova und Maxim Chashchegorov in “Scènes de Ballet”, Foto: Wilfried Hösl

Frederick Ashtons „Scènes de Ballet“ ist eine Ode an die Form. Es ist reine Choreografie – das jedoch vom Feinsten. Daria Sukorukova und Maxim Chashchegorov bewältigen die schwierigen Kombinationen zu Strawinskys kompliziert strukturierter Musik mit aller Brillanz, ebenso wie die Solisten und das Corps. Trotzdem kann niemand dem eitlen Reigen Leben einhauchen. Er hat keine Geschichte zu erzählen, kein Gefühl zu vermitteln. Dass die Kompanie ihn zu neuem Leben erweckt, ist im musealen Sinne faszinierend. Aber auch nicht dringend notwendig gewesen, wie der verhaltene Applaus bewies. Die Münchner merken es, wenn man sie zwei Tage vor Weihnachten um ein Stück Herzenswärme betrügt.

Umso angenehmer fielen Ashtons Miniaturen „Five Waltzes in the Manner of Isadora Duncan“ und „Frühlingsstimmenwalzer“ auf. Stephanie Hancox treibt – statt der angekündigten Séverine Ferrolier – die Isadora-Walzer mittlerweile zur Perfektion, Lukas Slavicky und Katherina Markowskaja verbreiten neckischen Frohsinn. Die Stücke geben auch Zeit, ein wenig genauer auf das Orchester unter der Leitung von Ryusuke Numajiri zu lauschen. Der kleine Japaner ist der erste musikalische Leiter seit Myron Romanul, der wirklich für Tänzer dirigiert und nicht hochnäsig sein eigenes Süppchen kocht. Er verbreitet Eleganz und steigert dramatische Phrasen mit viel Gespür. Eine Wohltat.

Und schließlich das Lied von der Erde. Gustav Mahlers Gesangswerk, choreografiert von Kenneth Macmillan, ist lang und nicht gerade einfache Kost. Auch hier also kein Pätzchengefühl. Lucia Lacarra, Marlon Dino und Tigran Mikayelyan tanzen die Begegnungen zwischen Mann, Frau und dem Ewigen allerdings auf Weltklasseniveau, sowohl technisch wie emotional. Sie hinterlassen bei all jenen im Publikum, die nicht den Faden verlieren, ein Gefühl von lichter Transzendenz.

Ob sich „Steps and Times“ als Gesamtpaket lange im Programm hält, dürfte jedoch fraglich bleiben. Die Zusammenstellung reißt einfach niemanden so richtig vom Hocker. Vielleicht war es doch ein Ashton zu viel.

Veröffentlicht am: 24.12.2011

Über den Autor

Isabel Winklbauer

Redakteurin

Isabel Winklbauer ist seit 2011 Mitarbeiterin des Kulturvollzug.

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