Ein Philosoph, der Unterhosen aufreißt: Zum neuen Programm des Kabarettisten Christian Überschall

von Michael Grill

Experte im Kimono: Christian Überschall. Foto: Agentur Ernst

Als er vor 20 Jahren anfing, auf den Bühnen seine Identitätsfindung und sein Geschlechtsleben auszubreiten, konnte sich der damalige Steuerberater Christian Überschall im zarten Alter von fast 50 „ältester Nachwuchskabarettist Bayerns“ nennen. Seitdem ist der gebürtige Schweizer nur nach Jahren älter geworden. Sein neues Programm „Wenn Treue Spaß macht ist es Liebe (Ich war meiner Frau schon oft treu)“ ist so jung und lustig, dass man es uneingeschränkt empfehlen kann.

Überschall fällt als Kabarettist durch alle Raster: zu unpolitisch für die Hildebrandt-Fraktion, zu sperrig für die Comedy, zu deftig für die Lesebühnen. In der Tat ist es nicht einfach zu beschreiben, wie sein Witz funktioniert, ohne dass der falsche Eindruck entsteht, hier ginge es nur um ein spätpubertäres Herumgezote. Überschall redet (nicht nur in diesem Programm) eigentlich fast immer über Sex. Aber er tut es auf eine so niedliche und letztlich auch lebensweise Art, dass keine Gefahr eines Männerabends besteht.

Bei der München-Premiere seines neuen Programms vor einigen Tagen im Fraunhofer spielt Überschall mit seinem sorgsam gepflegten Schweizer Restdialekt und streut dabei reichlich Sprüche aus seinen anderen Shows ein – er ist ein wahrer Meister des eleganten Selbstzitats. Er kann es sich leisten, dezent zu improvisieren, und er stützt sich auf sein Alter Ego Dr. Wilhelm G. Sprüngli („Cunnilingus ist kein Honigschlecken“).

Es referiert also ein Arzt und Sexualforscher, der Ehe- wie Single-Leben aus eigener Erfahrung kennt, aber „beides nicht wirklich empfehlen“ kann. Immerhin kann er sich in seinem Beruf „abends noch Arbeit mit nach Hause nehmen“. Und er hat einen Klienten, der es „mal geschafft hat, während eines One-Night-Stands fremdzugehen“.

Selbst die Sexualaufklärung der Kinder gestaltet sich heutzutage schwierig, da „der Wissenstransfer in die andere Richtung geht“. Genauso trocken stellt er fest: "Der Blickkontakt bei der Missionarsstellung muss kein Vorteil sein.“ Überschall fragt uns: „Kann man mit dem Namen Strauss-Kahn überhaupt treu sein?“ und analysiert, dass man „früher einer Frau die Unterhose aufreißen musste um ihre Pobacken zu sehen. Heute ist es umgekehrt.“

Es ist ein Witz, der peinlich wirken kann, sobald man ihn aufschreibt, und der sehr gut funktioniert, wenn sein Erfinder ihn vorträgt.

Letztendlich ist es ein bisschen viel Beziehungs-Blues: „Zwei Menschen sind für eine Beziehung einfach zu viel.“ Andererseits: Ist das nicht doch genau das Problem? Und kann man nicht vielleicht über dieses Thema am besten nachdenken, wenn es so locker und lakonisch hingeknallt wird wie bei Überschall?

Das lohnt sich auszuprobieren. Denn Überschall ist in Wirklichkeit ein großer Philosoph, auch wenn das manche nicht wahrhaben wollen. Um das herauszufinden, muss man ihn nehmen wir er ist. Und plötzlich klafft ein Abgrund auch in einem solchen Satz: „Es gibt nichts, was einen Ehemann mehr irritiert, als wenn seine Ehefrau plötzlich glücklicher aussieht als seine Geliebte.“

 

Christian Überschall ist heute Abend (11.12.2011, 20 Uhr) im Dornacher Wirtshaus mit dem Programm "Die Zuzibilität der Weisswurscht" und dem Stimmimitator Gösta B. Am 31.12.2011 (21 Uhr) spielt er ein Silvester Special im Münchner Restaurant Kranz, und am 5.1.2012 (20 Uhr) im Eglinger Gasthof Widmann das Programm "Saupreiß Schweizerischer!", wieder mit Stimmimitator Gösta B. Am 8.1.2012 (11 Uhr) ist er im Münchner „Mehlfelds“ mit „Überschall besorgt es (Euch)“. Das neue Programm „Wenn Treue Spaß macht ist es Liebe“ ist wieder am 14.1.2012 (20.30 Uhr) im Freisinger Lindenkeller zu sehen. Weitere Termine finden Sie hier.

Veröffentlicht am: 11.12.2011

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