Marlon Dino ist der Grand Ballerino am Bayerischen Staatsballett: Tanz ist sein Wille

von Isabel Winklbauer

Während einer Probe wie dieser verliebte sich Lucia Lacarra in Marlon Dino. Nicht nur auf der Bühne sind sie seither ein Paar (Foto: Wilfried Hösl)

Marlon Dino ist auf dem Höhepunkt seines Ruhms angelangt. Der Lebensweg des Tänzers am Staatsballett zeigt, dass das Schicksal keine abgemachte Sache des Himmels ist: Man kann es bezwingen und trotz vertrackter Voraussetzungen den eigenen Traum leben. Ein Portrait.

Glückspilz! Das ist das Erste, das Vielen einfällt, wenn ihnen Marlon Dino über den Weg läuft. Der 30-jährige Prinzipal des Bayerischen Staatsballetts ist nicht nur mit Schönheit gesegnet, er hat auch eine Traumkarriere hingelegt. Seit 2002 tanzt er sich an der Isar unaufhaltsam an die Spitze, heute gibt es keine Rolle mehr, nach der er sich sehnt. Er hatte sie alle, von Siegfried über Onegin und Romeo bis hin zu Giselles Albrecht - und das ist selten. Spätestens seit er in Nacho Duatos "Vielfältigkeit" Johann Sebastian Bach tanzte, liebt ihn das Publikum. Darüber hinaus gehört ihm seit 2007 auch noch das Herz von Weltstar und Ausnahmetalent Lucia Lacarra. Mit der Primaballerina, mit der er verheiratet ist, gastiert er an den größten Opernhäusern der Welt.

Dabei hat es nichts mit Glück zu tun, was den gebürtigen Albaner voran brachte. Eher mit Hartnäckigkeit. "Als ich mit zehn zur Aufnahmeprüfung an der Ballettschule in Tirana antrat, sagte der Pädagoge meiner Mutter, wir sollten das mit dem Tanzen bloß sein lassen. 'Er hat nichts, was ihn zum Tanzen befähigt', hieß es, 'der ist viel zu steif'. Klar, wem Gott von Anfang an die körperlichen Möglichkeiten gibt, der hat es leicht. Aber den Willen gibt Gott nicht. Mit einem starken Willen kannst du machen, was du willst." Dino gab nicht auf, und so ließ ihn die Jury beim dritten Versuch aus Genervtheit endlich an die Akademie. Die Eltern, eine Biologin und ein Veterinär mit einer Vorliebe für Marlon Brando, waren nicht dagegen. In Tirana gammelte es sich schließlich genau so leicht auf der Straße herum wie in München, wenn man nur Musik im Kopf hat und auf alles andere keinen Bock.

Wer Marlon Dino als übermächtigen Mann im Schatten von John Neumeiers "Illusionen - wie Schwanensee" sieht oder als Armand in der "Kameliendame", kann sich kaum vorstellen, dass jeand mit solch dramatischem Talent so hart um die tänzerische Technik kämpfen musste. Nicht nur den albanischen Tanzlehrern, auch Dino selbst war klar, dass er mit seiner großen, kräftigen Statur ein ausgefeiltes Training brauchen würde. Nach einer vermasselten Schul-Volkstanz-Reise durch Europa griff er deshalb das Glück beim Schopf: Man hattte ihn wegen eines fehlenden Stempels im Reisepass nicht nach Frankreich einreisen lassen, also war ihm der albanische Kultusminister theoretisch einen Gefallen schuldig. Nach einem persönlichen Gespräch setzte sich Dino unter 3000 Bewerbern für ein Ballettstipendium in Genf durch, "ob wegen meines Könnens oder durch den Willen anderer, das weiß ich bis heute nicht sicher".

Depression in ihrer schönsten Erscheinung: Marlon Dino als Mann im Schatten (Foto: Wilfried Hösl)

Die Wahrheit ist auch nicht überragend wichtig, denn am Geneve Dance Center traf der junge Ballerino endlich auf den wichtigsten Lehrer seiner Karriere: David Allen. Der befand, dass sein Neuzugang einen hervorragenden Sprung hat, aber viel zu langsam sei. "Mit ihm trainierte ich drei Mal täglich zweieinvielrtel Stunden", erinnert sich Dino, "das hat mir wirklich geholfen, Tempo zu kriegen." Noch eine weitere Erkenntnis hat der Tänzer aus dieser Zeit mitgenommen. "Eine starke Technik ist gut. Doch was viel wichtiger ist, ist, ein guter Partner zu sein. Viele wollen etwa die Variation in 'Don Quijote' tanzen, mit Sprüngen Brillieren. Dabei könne wir Tänzer die Kunstturner doch nie einholen! Was wirklich zählt, ist die Kunst des Pas-de Deux und der Ausdruck. Für mich ist Tanz viel mehr mit dem Stummfilm verwandt als mit der Artistik."

Nache einem ersten Engagement an der Wiener Staatsoper wechselte Marlon Dino achon bald ans Bayerische Staatsballett - und wurde schnell ein beliebter Partner unter den Damen der Kompanie. Ob er ein Händchen für Frauen habe? Immerhin war ja auch die langjährig gebundene Lucia Lacarra Feuer und Flamme für ihn? Die Frage beantwortet mit Unschuldblick und der Erklärung, dass ihm die Erklärung icht geläufig sei. "Dabei spreche ich sieben Sprachen", fügt er an, "sie sind mein eigentliches Talent. Nur leider ist Tanzen eben mein Wille. Hätte ich dieselbe Begabung, die ich für Sprachen habe, dann wäre ich der beste Tänzer der Welt."

So viel Selbstbewußtsein weckt Neid. Als Dino 2009 neben der Lacarra den Goldenen Sklaven in "Sheherezade" gab, gifteten seine Gegner, er habe die unpassende Rolle - Vaslav Nijinsky, der sie kreierte, war klein und fedrig - doch nur als "Freund von ..." bekommen. Ein Prädikat, das seither immer dan kursiert, wenn ihm ein Charakter - Romeo war so ein Fall - nicht 100-prozentig passt. Dass er aber immer wieder Lügen straft wie zuletzt, als er neben Robert Fernandes einen herzerfrischenden Petrucchio in John Crankos "Widerspenstigen Zähmung" gab und den Erfolg anschließend mit dem Mann im Schatten im neoklassischen "Schwanensee" übertraf. Da man ihn in Paris, Mailand, New York und Sankt Petersburg ebenfalls gerne auf der Bühne sehe, sagt er, sei er auch ich beunruhigt, sondern glücklich, "mit Lucia in München ein Zuhause zu haben, in das wir gerne von Reisen zurückkommen." Ob bis ans Lebensende, das steht freilich in der Sternen. "Denn Tänzerverträge auf Lebenszeit gibt es doch heute kaum mehr", so Dino. "Ich bilde mich in meiner Freizeit jedenfalls jetzt schon viel am Computer, lese über Hardware und Software." Tänzerkarrieren enden mit 35 - Zielstrebigkeit nie.

In diesem Jahr gibt es Marlon Dino noch in zwei seiner besten Rollen zu sehen: am heutigen 6. Dezember 2011 tanzt er den Mann im Schatten in "Illusionen - wie Schwanensee", ab 22.12.2011 steht er als Mann im "Lied von der Erde" und ab dem 11.12.2011 aus als König in "Illusionen - wie Schwanensee" auf der Bühne.

 

 

 

 

 

Veröffentlicht am: 06.12.2011

Über den Autor

Isabel Winklbauer

Redakteurin

Isabel Winklbauer ist seit 2011 Mitarbeiterin des Kulturvollzug.

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