Zak Oberzan mit wenig Theater, aber trotzdem stark bei Spielart: Wer ist der Hüter seines Bruders?

von Michael Weiser

Anrührend und sympathisch, traurig und witzig: "Your Brother. Remember?" Foto: Spielart

Anrührendes Brüderdrama bei Spielart: Zachary Oberzan spielt in "Your Brother. Remember?" die Geschichte einer Heldenverehrung nach, mit vielen Videos und sparsamer Aktion, mit lauten Prügelszenen und subtil geschilderten Gefühlen.

Brüder haben ein naturgegeben spezielles Verhältnis zueinander. Wenn sie einander nicht erschlagen, wie Kain den Abel und Romulus den Remus, dann sind sie - zumindest in Film oder Comic - Pech und Schwefel. Oder Versprechen und Erfüllung. Wie beim Jean Claude Van Damme-Film "Der Kickboxer". Der eine bezieht im Ring gegen einen Thai-Fiesling eine schlimme Tracht Prügel und bleibt gelähmt, der andere verschreibt sich der Rache und trainiert. Als er schlappzumachen droht, redet ihm der weise Kampfkunstmeister ins Gewissen: "Your Brother. Remember?"

Die drei Wörter sind Titel und roter Faden des Theaterprojekts von Zachary Oberzan aus New York. Er und sein Bruder hatten sich als Teenager eben jenen Van Damme zum Helden erkoren und prompt die packendsten Szenen aus "Der Kickboxer" vor laufender Kamera nachgedreht, mit heiligem schauspielerischem Ernst und Liebe zum Detail - jedenfalls, was den Kampf betrifft. Die Wohnungsumgebung mit Vorhängen und Klavier wirkt schon drollig, und wo Vandamme im mörderischen Training so lange gegen eine Palme tritt, bis die Beine bluten, holen die Brüder gegen ein Zimmergewächs aus - sorgsam darauf bedacht, das Pflänzchen nicht zu verletzen.

Danach entwickelten sich die Lebenswege der Brüder auseinander. Der eine, Gator, baute Mist und landete wegen Drogenvergehen im Gefängnis. Der andere startete durch, an des älteren Bruders statt: Zachary Oberzan ist heute erfolgreicher Schauspieler und Theatermacher. Und er erinnerte sich seines Bruders. Fast genau zwanzig Jahre später drehte er mit ihm die Szenen von damals nach - und machte ein Stück aus der Wiederbegegnung des ungleichen Paares, eine Collage mit Songs, Vandamme-Filmausschnitten, der Oberzan-Action damals und heute.

Gator Oberzans Bruder ist korpulent geworden, doch die Jahre im Knast haben ihn nicht bitter werden lassen, er ist sympathisch, einer, bei dem man sich fragt, was da falsch gelaufen ist. Als sein Bruder ihm verrät, dass er ihm den Entschluss verdankt, Schauspieler zu werden, hat der starke Mann Tränen in den Augen.

Vor der Leinwand sitzt Zak Oberzan und blickt ins Publikum. Manche Szenen spricht er synchron mit, dann spielt er wieder auf der Gitarre, mit umgedichteten Texten, die den Lebensweg seines Bruders beschreiben. Ganz am Ende, Jean Claude Van Damme hat den fiesen Thai vermöbelt und auch die Oberzan-Brüder haben obsiegt,  singt er vom Stolz auf einen Bruder, in einer sehr melancholischen, sehr schönen Fassung von "Video killed the Radiostar".

Oberzans Solo enttäuscht die Erwartungen an gewöhnliches Theater: zu viel Video, zu wenig Aktion auf der Bühne. Dennoch ist es ein starker Abend: Man lacht mit den Oberzans, über ihren Slapstick, man lässt sich anrühren von der Geschichte der unterschiedlichen Brüder. Und man denkt über seine eigenen Helden nach und an Wegverzweigungen, an denen die Filmheroen schlafwandlerisch sicher die richtige Entscheidung fällen. Uns Sterblichen fällt das nicht ganz so leicht. Davon erzählt dieses Stück im wesentlichen, anrührend und sympathisch, traurig und witzig zugleich.

Veröffentlicht am: 04.12.2011

Über den Autor

Michael Weiser

Redakteur, Gründer

Michael Weiser (1966) ist seit 2010 beim Kulturvollzug.

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