Spielart mit Spitzeln und Hausarrest: Das russische teatr.doc beeindruckt auf kleinem Raum

von Michael Weiser

Subtiler Kampf mit dem KGB: "Two in Your House". Foto: teatr.c

Ein Stück fesselndes Doku-Theater in der Black Box des Gasteigs: Beim Festival Spielart öffnet die russische Truppe teatr.doc mit ihrem Stück "Two in Your House" über Olga und Wladimir Nekljajew in der Regie von Talgat Batalov einen kurzen, bündigen und fesselnden Einblick in den Alltag der Diktatur in Weißrussland.

45 Quadratmeter, vier Zimmer, vier Bewohner. Das heißt, ursprünglich sindes nur zwei, Dichter Wladimir und seine Frau Olga, aber in jüngster Zeit haben sich zwei weitere hinzugesellt: Agenten des Geheimdienstes, die den Hausarrest für den Dissidenten Wladimir überwachen sollen und ihr Spitzelregime in den eigenen vier Wänden des Überwachten aufrichten. Ernsthaft Kontakt aufzunehmen mit den KGB-Leuten scheint unmöglich; wer weiß, was sie in ihre Berichte schreiben. Schließlich denunzieren sie noch die harmloseste Einladung auf ein Glas Wein als Bestechungsversuch. Zwischen den Bewohnern und den Bewachern beginnt ein zäh und subtil geführter Kampf um die Selbstbestimmung. Vor allem Olga setzt den Spitzeln gewaltig zu.

Von der Suche nach der Menschlichkeit noch in den scheinbar gefühllosen KGB-Zombies, von Widerstand und den Zwängen, denen sich auch die Agenten selber ausgesetzt sehen, erzählt teatr.doc in leisen, unkandidelt auf die Bühne gestellten Szenen. Bühnenbildner Vladimir Bagramov hat einen Grundriss der Wohnung an die Rückseite gehängt, ansonsten kommen die fünf Akteure mit Stühlen, einem Staubsauger, etwas Geschirr und Wischzeug aus. Die Wohnung wird sich nach und nach in ein Schlachtfeld verwandeln, und nicht immer scheint sicher, wer am Ende den Saustall aufräumen soll: die Nekljajews oder ihre Wärter?

Wladimir Nekljajew und seine Frau gibt es wirklich. Und ihr Schicksal wirft ein schlechtes Licht auf den laschen Umgang Europas mit Weißrusslands Diktator Lukaschenko und seinen Verbündeten im Kreml. Nekljajew hatte 2010 gegen Lukaschenko um das Präsidentenamt kandidiert. Am Tag der Wahl wurde Nekljajew zusammengeschlagen und schwer verletzt. Aus dem Krankenhaus entführten ihn Männer an einen unbekannten Ort. Nach seiner Freilassung wurde er unter Arrest gestellt. Im Mai dieses Jahres wurde Nekljajew zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt. Europas Proteste hielten sich insgesamt in einem engen Rahmen.

Für teatr.doc, die freie Theatergruppe aus Moskau, hat Elena Gremina ein Dokstück auf der Basis von Gesprächen mit dem Dichter, seiner Frau und Agenten geschrieben. Bei allen Fakten bleibt genug Spielraum, das Groteske der Situation herauszuarbeiten. Wenn die Agenten die Wachablösung als krudes, stummes Ballett der Wachautomaten zelebrieren, meint man einem Apparat zuzusehen, für den Menschen nur Störfaktoren sind. Das Trinkgelage der Wachen, die ihren Wodka in eine Teekanne umfüllen und sogar Zuckerwürfel in der Tasse scheppern lassen, um die Täuschung noch zu untermauern, zeigt die skurrilen Zwänge auch für die Wächter.

Schließlich ist der Tag des Prozesses gegen den Dichter da. Strafe auf Bewährung ausgesetzt heißt es schließlich. Im Triumph kehrt Nekljajew in seine Heimstatt zurück, die Agenten müssen abrücken, nicht ohne vorher noch zum Aufräumen vergattert worden zu sein. Als die KGB-Leute zu harten Technoklängen sich das Hemd von der Brust reißen und zur Schaumparty in der Wohnung tanzen, ist klar: Dieses Happy End ist ein Wunschbild, etwa so realistisch, als würde Lukaschenko seine Fehler einsehen und nach Bad Gastein in den Ruhestand gehen. Aber träumen wird man wohl noch dürfen.

teatr.doc ist in der Moskauer Szene für Stücke bekannt, die sich mit politischen Missständen beschäftigen und Verantwortliche beim Namen nennen. Von Repressionen seien sie bislang verschont geblieben, sagten die Theatermacher beim anschließenden Publikumsgespräch in der Black Box.

Veröffentlicht am: 03.12.2011

Über den Autor

Michael Weiser

Redakteur, Gründer

Michael Weiser (1966) ist seit 2010 beim Kulturvollzug.

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