Spielart: Bruno Vanden Broecke auf faszinierender Mission

von Michael Weiser

Warten auf den Regen: Bruno Vanden Broecke. Foto: Koen Broos

Blick ins Innere eines Menschen ebenso wie große Weltschau: Der Erzählabend "Mission" geht nicht nur den großen Fragen der Menschheit nach, sondern zeichnet auch das Porträt eines liebenswerten  Überzeugten, der fernab von Fanatismus für sich nach Wahrheit strebt. Bruno Vanden Broeckes Monolog (Regie: Raven Ruëll) ist ein echter Höhepunkt bei Spielart 2011.

Fleischfarbenes Hemd, unmögliche bunte Krawatte, bräunlicher Anzug, schütteres Resthaar, an den kantigen Schädel geklatscht, linkisches Auftreten: Der Mann am Rednerpult schafft es spielend, uns auf die Trostlosigkeit eines typischen Gemeindesaalauftritts einzustimmen. Etwas für Hardcore-Gutmenschen, die garantiert spannungsfreie zwei Stunden mit Nachrichten aus der christlichen Welt mühelos auf der linken Pobacke abreiten.

Bruno Vanden Broecke spielt den Mann, der aus einer anderen Welt berichten möchte. Ein Missionar, seit über 50 Jahren im Kongo, wie wir bald erfahren, im Detail nicht immer vom Sinn seines Tuns überzeugt, im großen und ganzen dennoch nicht willens, seine grundsätzliche Weichenstellung in Frage zu stellen: die frühe Entscheidung, Priester zu werden, keine Familie zu gründen, nach Afrika zu ziehen.

Schon nach einer Viertelstunde stellt man überrascht fest, dass seine sonderbare Geschichte tatsächlich fesselt. Dabei erzählt Vanden Broecke leise, unaufgeregt nur etwas, das zunächst wie seine persönliche Geschichte klingt (die Grundlage bilden dokumentarische Aufzeichnungen von Gesprächen mit wirklichen Missionaren).

Wir erfahren, wann er sich für den Beruf des Priesters entschied, wie seine Eltern darüber dachten, wie das Leben im Priesterseminar verlief. Er berichtet über seine Familie, von seinen Gefühlen beim Heimaturlaub alle drei Jahre, er berichtet vom Leben der Kongolesen. Ein seltsam mäandernder Erzählfluss ist das, oft stockend, als ob der Missionar um Worte ränge oder in der Erinnerung nach Details suchte - oder als ob ihn der Wiederhall eines fernen Schreckens bannte. Dann sinkt der Blick Vanden Broeckes auf das Rednerpult und mit fahrigen Fingern richtet er die Brille vor seinen Augen, bevor es weitergeht im Text. Immer wieder ordnet er die Seiten seines Redemanuskripts, so, als nehme er nur Anlauf zu einem wirklich finalen Statement. Nicht nur in solchen Momenten ahnt man, wie tief der Respekt des Schauspielers vor dem Text ist: Nie benutzt er ihn als Steinbruch für seine Darstellung, nie spielt er sich in den Vordergund.

Mehr und mehr schälen sich andere Motive heraus: Die Frage nach der Unbehaustheit unserer Gesellschaft, die sich in Sprache, Gewohnheiten und Verzicht auf Spiritualität ihrer selbst begeben hat; nach der Freiheit des Menschen, die auch im Verzicht, in der Parteinahme - eben in der Entscheidung liegen muss; die Frage nach der Zukunft einer afrikanischen Gesellschaft, die so archaisch wirkt; die Frage danach, was Europa der dritten Welt zu geben hat: Straßen, Missionare? Der Einfluss des Westens reicht, so ahnen wir bald, nicht tief. Und gleich unter dem Schotter der staubigen Pisten und unter den Wellen der großen Seen lauert Ungeheuerliches. Die Welt ist ein unsicherer, chaotischer, vielleicht sogar vom Bösen beherrschter Ort, in dem der Glaube bestenfalls Oasen schaffen kann.

Der furiose Monolog steigert sich in ein verzweifeltes Gebet, in dem der Missionar mit Gott ringt: "Schicke uns einige deiner Tränen!" Es gipfelt in einem Schrei, gegen den sich das "Mein Gott, warum hast du mich verlassen?" von Golgatha wie ein sachlich-kühler Einwand ausnimmt. Dass man diesen Schrei überhaupt so verstörend und dröhnend wahrnimmt, dazu bedarf es als Einstimmung und Kontrastmittel der zwei Stunden langen ruhigen Reise auf Vanden Broeckes Erzählfluss. Es fällt der Regenvorhand, es verschwindet die Trennwand zur anderen Welt, erhellt von einem tropischen Licht.  Der durchnässte Missionar lässt sich in einen Plastikstuhl fallen, betrachtet das Chaos. Er ist längst schon wieder woanders, tausende von Kilometern entfernt vom Gemeindesaal.

"Mission" wird nachhallen, noch lange über Spielart 2011 hinaus.

 

Veröffentlicht am: 29.11.2011

Über den Autor

Michael Weiser

Redakteur, Gründer

Michael Weiser (1966) ist seit 2010 beim Kulturvollzug.

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