Mit Weißwürsten im SM-Studio: Nach dem zwiespältigen Auftritt vor zwei Jahren erschüttern Rammstein mit einer Weltklasse-Show die Olympiahalle

von Michael Grill

Dies ist, wie man sieht, die Eintrittskarte für das Ereignis gewesen. Fotos vom Konzert würden wir Ihnen gerne zeigen. Allein die immer restriktiveren, teilweise inzwischen pressefeindlichen Vertragskonditionen, die von Veranstaltern und Agenturen den Fotografen aufgezwungen werden, hindern uns daran. Foto: gr.

Es ist schon ein Wunder, dass die Olympiahalle noch steht. Rammstein, das dunkle Gespenst des deutschen Metal-Rocks, legten vor selbstverständlich ausverkauftem Hause einen Auftritt hin, der in Bezug auf Schalldruck und Pyrotechnik neue Maßstäbe setzte. Ganz großes Theater mit allen Abgründen der Seele, ganz große Oper mit viel Untergang und Erlösung.

Das wird vor allem dann deutlich, wenn man an die Unterschiede zu Rammsteins Konzert an gleicher Stelle vor zwei Jahren denkt: Programm und Repertoire waren ähnlich, doch damals litt die Wirkung unter massiven Soundproblemen und dem vorhergegangen Hype um ein neues Album samt einem Porno-Video zum Song „Pussy“. Seitdem haben sie offenkundig gefeilt und perfektioniert: Jetzt sind Licht, Sound und Show ein zweistündiges Gesamtkunstwerk.

Zu Beginn schwebt von der Decke eine Art Landungssteg herab, den die Band durch ein Seitentor in die Arena mit Fackel und Bayernfahne erreicht – eine echte Überraschung. Es sollten noch viele folgen.

Diesmal sind sie wuchtig und  präzise vom ersten Donnerschlag an: „Sonne“, „Wollt ihr das Bett in Flammen sehen“, „Keine Lust“. Und so weiter, quer durch die Bandgeschichte. Immer wieder knallt und blitzt es, dass einem buchstäblich Hören und Sehen vergeht. Es brennt alles, was brennen kann.

Zunächst tragen sie Militärmäntel, nur Keyboarder Christian Lorenz schaut aus wie eine galvanisierte Weißwurst in seiner Haut aus Glitzer-Alu. Es ist ein Spiel mal mit und mal ohne Ironie, am lustigsten bei „Mein Teil“, wo Sänger Till Lindemann den Tastenmann in den Wurstkessel steckt und Kochversuche mit dem Flammenwerfer macht.

Bei „Bück dich“ robbt die Band auf allen Vieren als Lustsklaven zu einer Art SM-Studio in der Mitte des Publikums, spielt dort auch „Mann gegen Mann“. Gegen Ende „Ich will“ - nie zuvor hörte man Gitarren, die so sehr nach  Kettensäge klingen, also wunderschön. Es war, Entschuldigung, wirklich eine Orgie, aus Metaldonner und Phantasie.

Zum Schluss nochmal das Porno-Ding mit einer schaumspritzenden Penis-Kanone (und einer dem Ort geschuldeten Abwandlung der Textzeile "Steck Bratwurst in dein Sauerkraut" zu "Steck Weißwurst in dein Sauerkraut", die aber nur die härtesten Fans bemerkten). Ist das doof? Ist das genial? Darüber werden sicher noch einige Seminararbeiten geschrieben. Die Band, die im Guten wie im Schlechten der männlichste aller deutschen Welterfolge ist, verschwand in ihren selbsterzeugten dichten Rauchschwaden, ein glückliches und erschöpftes Publikum hinterlassend.

Veröffentlicht am: 24.11.2011

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