Golum spielt Jazz: Cecil Taylor und Tony Oxley im Birdland in Neuburg an der Donau

von kulturvollzug

Cecil Taylor (Foto: Ssirus W. Pakzad)

Ein Jazz-Lokal, das „Birdland“ heißt, gibt es in New York, in Paris, in Hamburg und bestimmt noch in ein paar Dutzend anderen Städten dieser Welt – dabei handelt es sich nicht etwa um die Ableger eines Franchise-Unternehmens. Keines dieser Lokale, glaubt man denn weitgereisten Eingeweihten, besitzt das Flair des Birdland in Neuburg an der Donau.

Nirgends sonst sei das Publikum so aufmerksam und enthusiastisch, heißt es. Kein Wunder, dass sich in dem unter der alten Hofapotheke gelegenen, gemütlichen Gewölbekeller-Club schon manches Mal hoher Besuch ansagte. Der Legende nach sollen Stars wie Gerry Mulligan selbst zum Telefon gegriffen und förmlich um Auftritte in Neuburg gebettelt haben. Um einen Gast aber musste sich Manfred Rehm, die Seele des Clubs und Vereins, lange selbst bemühen. Nach Jahren ist es ihm nun endlich gelungen, den kauzigen Free Jazz-Gott Cecil Taylor an den Bösendorfer-Flügel des Birdland zu locken. Der 82jährige Tasten-Berserker brachte den englischen Schlagzeuger Tony Oxley mit.

Ein Notenblatt Taylors (foto: Ssirus W. Pakzad)

Für reichlich Gezicke soll die Entourage der beiden Freitöner im Vorfeld des Konzerts gesorgt haben. Und Taylor selbst schiss die Techniker des Bayerischen Rundfunks beim Soundcheck unflätigst zusammen. Keine schönen Voraussetzungen also für eine gelungenen Abend - aber das Publikum, das von überall her angereist war, um eine Legende zu hören, wusste von all dem nichts und konnte somit unbelastet ein Konzert verfolgen, wie es im Birdland wohl noch keines gab.

Bevor der Flügel die gefürchteten Ellenbogen und Handflächen des Pianisten zu spüren bekam, wurden die Tasten fast behutsam herunter gedrückt – begleitet vom durchaus sensiblen Geprassel Tony Oxlys. Ohne Pedal spielte Taylor zunächst zarte Stakkati – übrigens nicht aus der Hüfte, wie man bei einem Improvisator vermuten sollte, sondern vom Blatt. Aus der Kladde-Sammlung zog er manchen Zettel, der vollgeschmiert war mit geometrisch angeordneten, seltsamen Buchstaben-Symbolen - die aber erschließen sich wohl nur dem Künstler selbst.

Birdland02_20x13_300dpi_Pakzad zeigt ein Gemälde im Eingangsbereich des Birdlands Neuburg Ein Gemälde im Eingangsbereich des Birdlands Neuburg (Foto: Ssirus W. Pakzad

 

Der brauchte eine Weile, bevor er diese eine mächtig auseinanderdriftende Figur ertönen ließ, die seit Jahrzehnten und in immer neuen Abwandlungen seinen musikalischen Mikrokosmos bestimmen. Wollte man böse sein, könnte man behaupten, dass der knorrige Mann, der beim Musizieren so schamanenhaft grunzt, immer wieder dasselbe Konzert spielt – spannend ist es seltsamerweise trotzdem immer.

Nach einer Dreiviertelstunde sprang Taylor vom Flügel auf, zückte eine Mappe, ging zum Mikrofon herüber und brachte den etwa hundert Konzertbesuchern etwas dar, das, nun ja, wie soll man es nennen, eine Art Lyrik war. Er zitierte aus seiner Zettelsammlung: Wortsalven, repetitive Satzfetzen, durchzogen von Geknurre und seltsamen Geräuschen, die den vitalen alten Mann zu einer Art Golum des Jazz werden ließen – als Herr der Ringbuchsammlung amüsierte er die Zuhörer mit seinem Schatz, seinem Wortschatz.

Zurück am Flügel wieder diese auseinanderdriftende Figur zum filigranen Geprassel von Herrn Oxley. Dann war unvermittelt Schluss und schon während das faszinierte wie irritierte Publikum noch einen Nachschlag forderte, saß der der Golum des Jazz bereits beim Champagner.

Ssirus W. Pakzad

Veröffentlicht am: 23.11.2011

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