Starker Start für Spielart mit "Before Your Very Eyes": Sieben Leben im Zeitraffer - "Oh Gott, werde ich auch mal so sein?"

von kulturvollzug

Eben noch Kinder, jetzt schon erwachsen. Von links nach rechts: Faustjin, Martha, Ineke, Spencer, Gust, Zoe, Jeanne (Foto: Phile Deprez)

Gob Squad und Campo lassen in dem Stück "Before Your Very Eyes" sieben Kinder in 80 Minuten um 60 Jahre altern - ein fulminanter Auftakt des Spielart-Festivals im Carl-Orff-Saal des Gasteigs.

Die Kulisse sieht ein bisschen aus wie ein Terrarium, ein großer Kasten, die Rückwand verspiegelt, vorne Glas. Die Szenerie erinnert an den Biologie-Unterricht in der Schule, in dem man Ameisenpopulationen beobachtet hat oder andere Insekten. Im Forschungsterrarium eine Szene wie aus einem Hort: Kinder laufen auf Socken über den bunten Teppich, liegen bäuchlings auf dem Boden und blättern in einer Zeitschrift, schauen Cartoons im Fernsehen, spielen Uno. Überall liegen Klamottenberge herum. Mehr und mehr Zuschauer nehmen Platz. Die Kinder bemerken sie nicht, nehmen keine Notiz davon, wie sie in ihrem gläsernen Kubus beobachtet werden - sie sind völlig vertieft ins Kindsein.

"In letzter Zeit haben wir viel  über den Tod nachgedacht. Am Ende stirbt ja doch jeder so, wie er es nicht möchte." Martha ist 13, vielleicht 14 Jahre alt. Sie tanzt gerne, das kann man sehen, und ist ein richtiger Wildfang. Diese Worte aus ihrem Mund läuten einen Abend ein, der zutiefst bewegt, nicht zuletzt deshalb, weil er einer mutigen Idee entstammt: Zum ersten Mal seit 17 Jahren steht die deutsch-englische Performance-Gruppe Gob Squad nämlich nicht selbst auf der Bühne. Den Blickwinkel auf alltägliche Dinge ändern ist das vorrangige Ziel der Künstler aus Berlin und Nottingham. Häuser, Hotels, U-Bahn-Stationen und ganze Stadtteile wurden schon bespielt, und auf diese Weise Theater und reale Welt auf Kollosionskurs gesetzt. Manchmal improvisiert, manchmal choreografiert schwankt Gob Squads Arbeit dabei immer zwischen Provokation, Unterhaltung und Emotion.

Mit "Before Your Very Eyes" überraschen die Pop-Performer das Publikum einmal mehr. Auf der Bühne stehen Kinder. Die Darsteller sind zwischen acht und 14 Jahre alt. Sieben Kinder, deren Leben im Zeitraffer passiert, eine ganze Biografie in 80 Minuten. Eben sind sie noch laut unhd chaotisch, lieben Kissenschlacht und Jonglieren. Plötzlich erleben sie Wut und Revolte der Teenie-Zeit - mit schwarzgeschminkten Lippen und Grufti-Outfit. Dann endlich dürfen sie feiern gehen, rauschen, sich aufbrezeln, tanzen wie auf Droge, umfallen nach einer durchzechten Nacht und komatös einschlafen.

Im Dialog mit dem jüngeren Ich. So glücklich ist keiner mit dem jeweils anderen (Foto: Phile Deprez)

Die alternden Darsteller treten dabei immer wieder in den Dialog mit ihrem jungen, kindlichen Ich. Rechts und links von der Kulisse wird dieses auf Leinwänden eingeblendet. Und so können die Jungs aufgemalte Bärte und eine Wohlstands-Wampe haben, die Mädchen Oma-Schürzen und spießige Brillen tragen, und sie können Dinge sagen wie "Ich kann mir ein Motorrad kaufen und leugnen, dass ich eine Midlife-Crisis habe".

Was Martha und die anderen aber wirklich erwachsen macht, ist ihre Mimik. Die Art und Weise, wie sie mit sich selbst reden. "Schau dich an, das bis doch gar nicht du!?", schreit die Martha aus der Vergangenheit empört. Spencer ist sein jüngeres Ich peinlich, will, dass es aufhört zu reden. Die Stirn in Falten gelegt ärgert er sich über so viel Kindlichkeit. Ineke diskutiert genervt mit der Ineke von vor zwei Jahren und versucht ihr zu erklären, dass sie ihren Stoff-Eisbären nicht mehr zum Einschlafen braucht. Da ist eine Traurigkeit in allen Blicken, etwas sehr reifes, gelebtes, das man in Kinderaugen einfach nicht sehen möchte, und die junge Ineke auf der Videoleinwand fragt schließlich schlicht "Bist du glücklich?"

Typische Szenen aus dem Lebenslauf einer Wohlstandsgesellschaft: Die Gastgeberin ist 40 geworden, hat Sushi selbst gemacht, man plaudert über den Wein, das Wetter, die Gentrifizierung des Viertels. So richtig Spaß hat eigentlich keiner. Die Absurdität im Alltag wird hier bittersüß in ihre Einzelheiten zerlegt und der Zuschauer beginnt unweigerlich, sich in diesen jungen Kindern zu spiegeln und sich zu fragen: "Oh Gott, werde ich auch mal so sein? Bin ich vielleicht schon so?"

Einen Weg zurück zum Kindsein finden die Sieben erst wieder im Sterben: Jeanne, die jüngste von allen, schreit glücklich: "Können wir jetzt endlich das Sterben machen?!". Alle jubeln: "Ja, das Sterben machen!!" Es sind diese Momente, wenn kindliche Naivität auf erwachsene Realität trifft, Momente, die so grotesk sind und gleichzeitig so wahr, dass sie gerührt und ein wenig kurzatmig zurück lassen. Dafür ist aber keine Zeit, denn  sterben ist bei "Before Your Very Eyes" wie lachend Tanzen und dann einfach umfallen.

Es war ein fulminanter Auftakt für das Spielart Festival. Ein Abend, bei dem Timing, Dramaturgie, großartige Darsteller und Text auf den Punkt stimmen. Umrahmt wird das von Musik, die so ist wie das Stück: wuchtig und sanft zugleich, unschuldig und knallhart. Letztendlich ist es eine geniale Idee: Nur Kinder können so grausam, wahr und absurd sachlich die Dinge zwische Leben und Tod erfassen.

Eveline Kubitz

Veröffentlicht am: 20.11.2011

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