Ein Leuchtturm etablierten Tanzes beim Dance 2010

von kulturvollzug

Foto: Bayerisches Staatsballett

Großes Tanzkino beim Staatsballett: Der Choreograph und Tänzer William Forsythe analysiert in „Artifact“ das Ballett, baut es auseinander – und setzt es neu zusammen, zu einem Tanzmechanismus mit schier unbegrenzten Möglichkeiten.

Ein Fundstück, das Spuren menschlicher Bearbeitung trägt, nennt man in der Archäologie ein Artefakt. Ähnlich lässt sich William Forsythes Tanz-Vierakter „Artifact“ sehen: Aus den Tiefen des Gedächtnisses und der Tradition schöpfte der Choreograph bei diesem seinem Klassiker (1984 in Frankfurt uraufgeführt). Raum, Licht und Bewegung sind die Grundstoffe, geformt werden sie zu einem echten Fundstück der jüngeren Tanzgeschichte, das von größeren Zusammenhängen erzählt. In diesem Falle davon: was Ballett und Tanz im allgemeinen leisten können und möglicherweise noch leisten werden.

Mit seiner Fähigkeit, großzügige Räume souverän zu durchmessen, bereitet Forsythe alles für einen opulenten Abend vor. Die Bühne der Staatsoper erinnert an die Oberfläche eines dunklen Teichs. Gleich werden Steine hineingeworfen; kreisförmig werden sich Wellen ausbreiten, überschneiden, den Wasserspiegel rhythmisieren...

Eine silberne Gestalt (Emma Barrowman) schreitet durch Dunkelheit und Lichtpfützen, bald gesellen sich ihr weitere Akteure hinzu: Eine Frau, die in barock anmutender Kleidung (Dana Caspersen) exaltiert über die Bühne marschiert, dann ein Mann mit Megaphon (Nicholas Champion). Was sucht er nur? Und wie ist sein Verhältnis zu der barocken Frau, mit der er in den kommenden Akten immer wieder zusammetreffen wird: Streitend, nie wirklich kommunizierend. Wie denn auch. Die beiden liefern Wortschleifen ab, immer wieder neu kombiniert, bis die Worte jeglicher Bedeutung entkleidet sind und nur noch als Rhythmuszeichen dienen. Gleichzeitig weist der Wortsalat auf das Konzept Forsythes hin: Auch den Tanz nimmt er auseinander, kombiniert ihn neu, bis er zum Lachen reizt oder auf neue Möglichkeiten deutet. Die Musik, kombiniert aus Werken Bachs, Busonis und Eva Crossmann-Hechts sowie einer Soundcollage von Forsythe, markiert die Schichten, aus denen das Ensemble seine Funde fördert.

Foto: Bayerisches Staatsballett

Handlung? Nur in kleinsten Spuren. Die silberne Gestalt könnte ein Geist des Tanzes sein, der durch Epochen und Ausdrucksmöglichkeiten führt. „The other Person“ heißt sie im Stück, als die Gestalt, die auf eine Beziehung wirkt, ohne direkt anwesend zu sein, als Fluchtpunkt und Projektionsfläche, als Metapher aber auch dafür, was sein könnte. Megaphonmann und barocke Frau sind ein streitendes Paar (ohne dass der Inhalt des Streites von irgendeinem Belang wäre). Gleichzeitig weisen sie als Paar auf den Ursprung des Balletts als Teil des Zeremoniells bei fürstlichen Hochzeiten.

Augen- und Ohrenfutter bietet jeder der vier Teile reichlich. Fast durchgehend zitiert Forsythe aus dem klassischen Ballett. In seiner Choreographie aber ergibt dies einen neuen Text. Vor allem der zweite Teil entfaltet über die ohnehin beeindruckende Geschlossenheit hinaus anrührende Wirkung, mit einer Schönheit, die den Zuschauer nur noch Tanz und nichts mehr als Tanz wahrnehmen lässt. Lucia Lacarra und Tigran Mikayelyan sowie Ekaterina Petina und Maxim Chashchegorov präsentieren einen furiosen doppelten Pas de Deux vor den sich immer wieder neu formierenden Linien und Gruppen des Staatsballetts. Jede Szene wird von Vorhang abgeschnitten, dessen Kante hart auf der Bühne aufsetzt – wie ein „Cut!“ beim Film. Rhythmisierte Bilder, oszillierende Linien – man kann Forsysthes Abend auch als Raumgemälde und Musik der Bewegung genießen.

Gehört „Artifact“ zum den Höhepunkten der Münchner Tanzbiennale? Als Ereignis an sich ganz gewiss. Über seine Stellung im internationalen Festival des zeitgenössischen Tanzes kann man dennoch diskutieren. International ist das Werk sicherlich. Aber mit über 25 Jahren auf den durchtrainierten Schultern, bewundert auf der ganzen Welt, wird man „Artifact“ kaum als Beispiel zeitgenössischen Tanzes und schon gar nicht als Experiment bezeichnen. Auch in München laufen Teile des Forsythe-Abends schon seit 1998. Als Vierakter hatte das Münchner Publikum „Artifact“ erstmals heuer bei den Ballettfestwochen erlebt. Offenbar benötigt das Münchner Publikum Leuchttürme etablierter Kultur, um sich den Weg in die aufregenden Hinterhöfe weisen zu lassen. Sei's drum, schierer Genuss ist ein Argument, das wir auf jeden Fall zählen lassen.

Jan Stöpel

Veröffentlicht am: 31.10.2010

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