Forschungsreise wider das Vergessen (2): Von Theresienstadt nach Auschwitz

von kulturvollzug

Ernst Grube vor dem Haus in Theresienstadt, in dem er gelebt hat. Foto: Paul Huf

Der Künstler Paul Huf tritt mit dem Zeitzeugen Ernst Grube, seiner Frau Helga Hanusa und der Autorin Renate Eichmeier die "Forschungsreise wider das Vergessen" an. Die Texte, die die Reisenden Tagebuchartig verfassen, erscheinen hier in ihrer Originalfassung.

 

7. 11. 20011

Renate Eichmeier: Heute ab 8.00 Uhr Führung durch die kleine Festung, die außerhalb der Theresienstädter Altstadt liegt und bereits zu Zeiten der Habsburger ein Gefängnis war. Ab 1940 war hier ein Gestapogefängnis vorwiegend für politische Gefangene. Unsere Führerin Zusanna spricht hervorragend Deutsch, ihre Mutter stammt aus einer jüdischen Familie in Heidelberg.

Eine Rose. Zeichnung von Paul Huf.

Sie führt uns durch die Backsteinbauten: BLOCK A, Gefängniszellen und eine Strafzelle für Juden aus dem Ghetto, eingesperrt wurden sie für Vergehen wie Schmuggel von Lebensmitteln.Zum Schluss sehen wir noch die Hinrichtungsstätte, nicht weit davon das Haus der SS-Kommandanten mit Swimming-Pool. Die Sonne scheint, aber es ist kalt heute. Wir frieren. In einem kleinen Lokal auf dem Festungsgelände trinken wir Tee. Es war damals das SS Kasino.

Swimmingpool der Lagerleitung vor dem Tor des Exekutionsplatzes. Foto: Paul Huf

Wieder in der Altstadt erzählt uns Ernst von seiner Zeit in Theresienstadt, die Familie war getrennt, Hunger,  Angst, Massen an Menschen auf engen Raum. Theresienstadt wurde ursprünglich für etwa 7000 Einwohner erbaut. Zwischen November 1941 und der Befreiung im Mai 1945 waren hier zeitweise 60000 Menschen zusammengepfercht, insgesamt wurden mehr als 140000 Menschen hierher deportiert, 33000 kamen um,  ca. 87000 wurden in die Vernichtungslager in den Osten weitertransportiert.

Unvorstellbare Dimensionen.

Heute wirkt Terezin bedrückend still, verfallene Häuser, leere Straßen, wenig Geschäfte.

1500 Menschen leben noch hier.

Ernst Grube: Meine Erinnerungen gehen heute vor allem zu meiner Mutter, die als Krankenschwester hier in Theresienstadt gearbeitet hat. Was ging in ihr vor, als sie die Deportationsanordnung erhalten hatte? „Sind wir jetzt dran?“

Ihre drei Schwestern Selma, Erna und Rosa waren bereits 1942 nach Piaski, Izbica und Riga deportiert worden, zusammen mit ihren Ehemännern und Kindern.

„Wir kommen auf Transport“, hieß es. Dann gab es keine Nachricht mehr.

Mich beschäftigt zunehmend, dass ich als Kind die Gefühle meiner Mutter oft nicht verstanden habe.

 

Zeichnung von Paul Huf zur Zugfahrt nach Auschwitz.

8. 11. 2011:

Renate Eichmeier: Heute morgen früher Aufbruch in Terezin. Mit dem Taxi nach Bohušovice. Durch eine neblige Herbstlandschaft  mit dem Zug über Prag nach Auschwitz.  Je näher wir der polnischen Grenze kommen, um so sonniger wird es. Bequemes ICE-Abteil, Verpflegung mit dabei und Zeit für ein Resümee.

Paul sitzt mit seinem Block auf den Knien am Fenster und zeichnet. Er hat eine kleine Tochter. Der Besuch im Ghetto-Museum ist ihm unter die Haut gegangen, die Ausstellung zu all den ermordeten Kindern. In den farbenfrohen Zeichnungen der Kinder, ihrer selbstgemachten Zeitschrift und ihren Gedichten prallen Lebenskraft und Todesbestimmung aufeinander – so Ernst und Helga.

Zugreisen. Foto: Paul Huf

Für mich bleibt Terezin unbegreifbar. In zehn Minuten läuft man quer durch die Stadt von einem Ende zum anderen. Zehntausende Menschen haben hier den Tod durch Hunger und Misshandlung gefunden, Zehntausende wurden in die Vernichtungslager im Osten geschickt.

16 Uhr 30: Wir kommen in Auschwitz an.

Ernst Grube und Helga Hanusa: Während der Fahrt nach Oswiecim sprechen wir über unsere Eindrücke vom Gedenksaal der Kinder im Ghetto-Museum Theresienstadt. Fast 8000 Namen und Geburtsdaten von ermordeten Kindern bedecken die Wände des Saals. Eine Auswahl von Kinderzeichnungen zeigt frohe Erinnerungen an zuhause und farbige Zukunftsträume. Im Gedicht „Der Garten“ spüren wir das Potential und die Sehnsucht nach Leben bei gleichzeitiger Gewissheit des Todes.

Das kleine Rosengärtlein

duftet heut so sehr

es geht auf schmalem Wege

ein Knabe hin und her.

Ein Knäblein, ach so schön und hold,

ein Knösplein, das g’rad blühen wollt’,

erblüht einmal das Knösplein klein,

so wird das Knäblein nicht mehr sein.

Der vierzehnjährige Verfasser Frantisek Bass wurde am 28. Oktober 1944 in Auschwitz ermordet. Nur 245 Kinder haben den Transport in den Osten überlebt.

 

Früher Herbstmorgen in Auschwitz. Foto: Huf

9. 11. 2011:

Renate Eichmeier: Frühstück im Sonnenschein. Wir sind in der Internationalen Jugendbegegnungsstätte untergebracht, Mitte der 80er Jahre gebaut, große Fensterfronten, Blick ins Grüne. Außer uns sind momentan 100 Jugendliche aus Dresden und Leipzig hier. Hin und wieder kommen einige in die Cafeteria, die meiste Zeit jedoch sind sie mit Workshops, Gesprächen, Vorträgen von Zeitzeugen und Besichtigungen beschäftigt.

Auch wir machen uns auf den Weg. Zu Fuß gehen wir Richtung Museum Auschwitz-Birkenau. 20 Minuten später stehen wir vor dem Wohnhaus von Rudolf Höss, dem ersten Kommandanten des KZs. Es steht unmittelbar am Lager. Höchstens 150 Meter dahinter ist das Krematorium mit Gaskammer zu erkennen.

Frühstückssaal der Jugendbegegnungsstätte in Auschwitz. Foto: Paul Huf

Vor dem Eingang des Museums schwirren Reisegruppen herum. Führungen in verschiedenen Sprachen werden angeboten. Wir entscheiden uns, das Gelände des ehemaligen „KL Auschwitz I“ allein zu besichtigen. Ein Tourist lässt sich unter dem Tor  „Arbeit macht frei“ fotografieren. Dahinter Backsteinbauten. Das sind die Blocks, in denen die Häftlinge eingesperrt waren. Zwischen Block 10 und 11 war ein Innenhof – damals wurden hier Tausende hingerichtet.

„Auschwitz 1“ war ein Teil eines riesigen Komplexes von Konzentrationslagern.

 

Ernst Grube: In der Gedenkstätte. Wir begegnen fast ausschließlich jugendlichen Besuchern, die sich in Gruppen durch die Hauptausstellung bewegen. Aufmerksam hören sie zu und betrachten wie wir die Dokumente der systematisch organisierten „Endlösung der Judenfrage“ u.a. großflächige Fotografien „vor der Selektion“: Menschen um Menschen, vorne die SS – dann die Fotografie „nach der Selektion“: Menschenleere, nur noch Waggons und einige SS Angehörige, die scheinbar zufrieden den Platz verlassen. Arbeit erledigt!

Ich hoffe, dass die jungen Leute sich immer wieder erinnern und fühlen werden, was sie hier wahrgenommen haben, und dass dieses Erinnern und Wissen um die NS-Verbrechen als Barriere gegen rassistische und neonazistische Ideologie und Politik wirkt.

Veröffentlicht am: 13.11.2011

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