Maria Farantouri und Charles Lloyd im Stadttheater Landsberg: Die Ägäis mündet im Mississippi

von kulturvollzug

Charles Lloyd und Maria Farantouri, Foto: Yannis Falkonis/ECM Records

Zwischendurch war hier mal ein Kino untergebracht. Doch in den 90er Jahren besann man sich auf die ursprüngliche Bestimmung des prachtvollen Gebäudes, das eines der ältesten Bürgertheater Bayerns beherbergte. Heute: die Bühne und das Auditorium – ganz klassisch. Der Eingangsbereich – neu geschaffen und hoch modern – vor einigen Jahren wurde er zum schönsten Theaterfoyer des Freistaats ausgerufen. Wer sich als Auswärtiger an der Garderobe vorbei auf an die Bar macht, wird in diesem zeitgemäßen Ambiente von einem Stück Geschichte überrascht. Hinter Glas ruht ein Teil der Mauer des einst zum Spital gehörenden Wasch- und Badehauses – ein prächtiges Stück Mittelalter.

Kein Wunder, dass sich Charles Lloyd und Maria Farantouri hier so wohl fühlten und ein großartiges Konzert gaben, sind doch beide stets parallel auf verschiedenen Zeitebenen unterwegs.

Aber passen diese Größen überhaupt zusammen? Mancher Skeptiker hätte da zuvor keine Drachme drauf gewettet. Ein kürzlich erschienenes Doppelalbum („Athens Concert“/ ECM) konnte aber bereits alle Bedenken hinweg wischen. Da hatten sich ganz offensichtlich zwei gefunden, die sich auf wundersame Weise ergänzten. Im Stadttheater Landsberg bestätigte sich der Eindruck des Tonträgers.

Lloyd, 73, war einer der ersten Millionenseller des modernen Jazz, einer, der seine Musik auch einem Publikum erschloss, das vornehmlich mit Rockmusik aufwuchs. Der hochspirituelle Amerikaner zog sich lange Zeit zum Meditieren zurück, bis ihn der Pianist Michel Petrucciani wieder in die Öffentlichkeit holte. Farantouri, 64, war einst Muse des großen Mikis Theodorakis, sang gegen die Militärdiktatur ihres Landes an, war Pasok-Abgeordnete und Eignerin „der größten Stimme Griechenlands“. In ihrem dunklen Timbre schwingt soviel mit: endlose Liebe, Sanftmut, Stärke, Tragik, Freude, Stolz, Mystik, Geschichte. Charles Lloyds entrücktes Tenorsaxofon schmiegte sich an diese Stimme, die soviel erzählt, ohne je geschwätzig zu sein.

Das gemeinsame Material besteht aus frühen byzantinischen Hymnen, aus überliefertem Liedgut verschiedenster Regionen, aus Stücken von Theodorakis, Eleni Karaindrou und Lloyd selbst. Plötzlich mündet die Ägäis im Mississippi und im Hudson, verschwimmen die Grenzen zwischen heute und damals. Dass das so ist, mag zum Einen an den beiden höchst aufgeschlossenen Hauptprotagonisten liegen – sicher aber auch an ihren Begleitern. Maria Farantouri hatte den Lyra-Virtuosen Socrates Sinopoulos dabei. Er stand für ein Stück Antike, aber man spürte förmlich, wie ihn die Synkopen der Gegenwart in Schwingung brachten. Charles Lloyd weiß in seinem erprobten Quartett drei der besten jungen Musiker ihrer Generation um sich. Sie hatten in diesem Kontext nicht so viel Auslauf wie sonst, nutzten ihre Freiräume aber brillant. Pianist Jason Moran durchsetzt alte Schule mit frischem Geist – er wischt grandiose Glissandi über die Tastatur, meißelt so forsch melodische Fragmente und verblüffende Akkordfolgen ins Elfenbein, dass man nur noch jauchzen möchte. Der Bassist Reuben Rogers und der grandiose Schlagzeuger Eric Harland setzen ihre Akzente so, dass sie Sicherheiten vortäuschen und das Geschehen doch immer mit Unvorhersehbarem antreiben.

So wurde in diesem Konzert für den Zuhörer einfach alles angesprochen - die unschuldige Seele und der wache, kundige Geist, die Neugier, die Erwartungshaltung, der Sinn für das Vertraute und das Neue. Das war vielen im Saal einen langen, tiefen Seufzer wert.

Ssirus W. Pakzad

 

Veröffentlicht am: 12.11.2011

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