Das Nils Petter Molvær Trio auf Schloss Elmau: Ein Trip mit dem Düstermann

von kulturvollzug

Norwegischer Düstermann und Jazzmusiker: Nils Petter Molvær, Foto: Ssirus Pakzad

Eigentlich ist das ein Ort der Entspannung, eine Oase der Ruhe. Hier wird die Seele genauso massiert wie der Körper, hier kann man dem Alltagsstress entfliehen, sich bei Yoga, Pilates, Tai Chi entspannen; hier kann man im luxuriösen Spa-Bereich Anwendungen aller Art und in den Restaurants Klassiker der Sterneküche genießen. Und all das vor imposanter Panorama-Kulisse, am Fuße des Wettersteinmassivs. An einem milden Spätherbsttag aber war´s für eineinhalb Stunden erst einmal aus mit dem Relaxen.

 

Sie gönnen sich und ihren Gästen was auf Schloss Elmau. Das ganze Jahr über zelebriert man dort die Kultur, hält Lesungen prominenter Literaten ab (jetzt etwa ehrt man den verstorbenen Thomas Bernhards ausführlich), veranstaltet politische Symposien sowie Festivals und Konzerte, für die Stars aus Klassik, Jazz und Weltmusik gerne anreisen. Wenn es um die Kunst geht, macht Hausherr Dietmar Müller-Elmau selten Kompromisse. Da opfert er schon mal den Frieden, der sonst im zwischen 1914 und 1916 erbauten Schloss herrscht, das im August 2005 zu zwei Dritteln abbrannte und dann in Rekordzeit wieder aufgebaut wurde. Dass sich seine kulturbeflissenen Hotelgäste ganz exklusiv auch mit radikaleren Ausdrucksformen auseinandersetzen, ist ihm ein Anliegen.

Kultur zwischen Spa und Sternerestaurant: Schloss Elmau, Foto: Ssirus Pakzad

Das Konzert des norwegischen Düstermanns Nils Petter Molvær ließ man wohlweißlich, entgegen sonstiger Gewohnheiten, erst um 21 Uhr beginnen – bei der Druckwelle, die der nordische Trompeter mit seinen Mannen erzeugte, wäre manch Dinierendem sonst vermutlich im unter dem Konzertraum liegenden Speisesaal auch das Soufflé zusammen gestürzt oder das Gelee vom Löffel gehüpft. Mit dem Gitarristen Stian Westerhus und dem Schlagzeuger Erland Dahlen nutzt der kultige Bandleader die Lautstärke als eines von vielen Gestaltungs- und Vertreibungsmitteln. Nach jedem Stück ergriffen entsetzte Konzertbesucher die Flucht und überließen die Begeisterung den ersten paar Stuhlreihen.

Wer sich auf Molvær und seine Spielgefährten wirklich einließ, wurde mit einer Musik belohnt, die eben nicht nur infernalisch dröhnte, sondern ihre Spannung aus vielen Kontrasten gewinnt. Auf das Brutale folgt das Lyrische, das Fragile, Verletzliche, auf mystische Anwandlungen knallharte Realität, auf jazzige Färbungen fast punkige Attitüde. Wer wollte, konnte wegtauchen in diesem postapokalyptischen Sound, dessen Wirkung auch sich noch durch Live-Projektionen verstärkte. Die von Kameras eingefangenen Bilder wurden vor Ort verarbeitet, zu Paintball-Orgien, zu unwirklichen und unheimlichen Sequenzen, zu psychedelischen Tapeten, die so in Bewegung gerieten, dass Anwesende meinten einen Trip in den Bergen eingeschmissen zu haben.

Ach, es ist tröstlich, dass die Gipfel und Almwiesen, die Hänge und Täler nicht nur den Hansi Hinterseers dieser Welt vorbehalten bleiben.

 

Ssirus W. Pakzad

 

Veröffentlicht am: 08.11.2011

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