Was Tanz auch kann - Rachid Ouramdane beim Dance 2010

von kulturvollzug

Rachid Ouramdane Foto: Patrick Imbert

Tanz, der die Geschichte eindrücklicher näher bringen kann als jede Schule und jede Universität. Wie das funktionieren kann, beweist der Franzose Rachid Ouramdane. Ausgehend von den Kriegserfahrungen seines Vaters setzt er den Indochinakrieg auf der Bühne um.

„Was kann Tanz, was Geschichtsbücher nicht können?“ Diese Frage spornt Rachid Ouramdane (L’A.) aus Frankreich seit Jahren an. In seinem Stück „Loin“ dringt er tief in die Geschichte des französischen Indochinakrieges und die Gewalt der Konflikte ein: Eine Auseinandersetzung mit der Vergangenheit und der eigenen Identität. Ouramdanes Vater kämpfte im Indochinakrieg für die Fanzosen. Wer jetzt aber ein Heer an Tänzern erwartet wird enttäuscht. Auf der Bühne ist nur Ouramdane selbst mit seinen Materialien. Es ist ein Spiel mit den Sinnen, das er bis zur Erschütterung ausreizt.

Es beginnt mit dem Ton. Die Stimmen von Kriegsopfern, die von ihren grausamen Erfahrungen berichten und die von Ouramdane, der selbst in die Geschichte eintaucht. Ein Dokumentarfilm auf das Wesentliche reduziert. Es ist auch die Musik, die der Künstler erschreckend wirksam einsetzt, um die Dynamik der Geschichte zu untermalen, kombiniert mit Lichtimpulsen. Dabei arbeitet Ouramdane mit den Mitteln des Körpers und der Medientechnik. Wie ein DJ bedient er die Anlage, steuert den Einsatz der Musik, spricht, singt, rappt Texte – es verschmelzen der konzeptionelle, abstrakte Tanz mit Technik und eigener Biographie.

Die Intensität, mit der Ouramdane sich selbst in den Prozess des Verarbeitens einbringt und Stimmung schafft, ist erstaunlich. Er spricht alle Sinne an – und überreizt sie bisweilen. Eigenwillig, befremdlich, aufwühlend. Neben den klaren Fakten der Geschichte, bringt er den Zuschauer dazu, ein eigenes Bewusstsein für die Geschehnisse zu entwickeln. Was würden Schüler in der Schule dafür geben, wenn ihnen die Geschichte statt anhand von Lehrbüchern von Ouramdane nähergebracht würde. Allerdings: ganz so einfach ist es nicht. Wer der französischen Sprache nicht mächtig ist, ist mit dem Lesen und Verstehen der vielen Übertitel überfordert. Zudem ist der Zuschauer einem intensiven Reizeinfluss ausgesetzt: Multitaskingfähigkeit und Stressresistenz sind von Vorteil.

Doch auch ohne immer den Sinn zu verstehen, spürt der Zuschauer die Wucht, mit der der Künstler seine Worte einsetzt. Zweifellos ist Ouramdane ein Wegbereiter für konzeptionelle Neuerungen des zeitgenössischen Tanzes. Dokumentation und Tanz laufen nicht nebeneinander her sondern bilden eine Einheit und entwickeln so eine enorme Kraft. Geschichtliche Fakten werden zu Bewegungen. Aufwühlend.

Ruth Hofmann

Veröffentlicht am: 30.10.2010

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