In den Startlöchern - Nachwuchstänzer bei Dance 2010

von kulturvollzug

IWANSON DANCE steht für zeitgenössische Tanzausbildung in München. Gerade erst hat ihre Gründerin Jessica Iwanson den Münchner Tanzpreis 2010 erhalten. Wofür, zeigen ihre Schützlinge im Rahmen des Dance Festivals.

Zweieinhalb Wochen. So lange hatten Choreograph Hannes Langolf und die Schüler der Iwanson Abschlussklasse Zeit, etwas auf die Beine zu stellen; durch einen Prozess der Interpretation, der Entwicklung und der Verinnerlichung. Die dreißigminütige Aufführung war dann quasi die Belohnung.

Die intensive gemeinsame Arbeit hat ein ergreifendes Werk hervorgebracht, entstanden aus dem ruhelosen Leben des in London arbeitenden Choreographen Langolf. Hin und her gerissen zwischen vorwärts, rückwärts, Pause, zwischen Gemeinschaft und Einsamkeit. Wie in einem Kampf ums Überleben stellen die Tänzer diesen Konflikt dar. Sie kriechen am Boden, winden sich wie Würmer, springen dann auf, bilden eine Gemeinschaft, trennen sich wieder und lassen einen von ihnen alleine zurück. Auf Auftrieb folgt Ernüchterung, auf Aufbäumen Leblosigkeit. Spärliches Licht und ernste Mienen lassen die Bühne beinahe gespenstisch wirken. Aber dann ist da ein Schiff aus gefaltetem Zeitungspapier, das wie aus Geisterhand über den Boden schwebt - die Hoffnung, das Neue. Dann ist da Dynamik und Kraft.

Die Darbietung der Iwanson Abschlussklasse berührt. Nicht nur durch ihr hohes tänzerisches Niveau. Sie berührt emotional in solchem Maβe, dass man als Zuschauer der hilflosen Tänzerin aufhelfen will, die sich am Boden räkelt wie ein verletztes Insekt. Ob das Ende ein hoffnungsloses ist, musst der Zuschauer selbst entscheiden.

Die Studenten und Studentinnen des zweiten und dritten Ausbildungsjahres von Iwanson Dance bilden den zweiten Teil der i-dance Vorstellung. Entsprechend der unterschiedlichen Tanzstile in der Ausbildung, reicht das Spektrum von abstraktem und ausdrucksorientiertem Tanz bis hin zum modernen Hip Hop. Ironisch-witzige Tipps gegen lästiges emotionales „Bagguage“, oder die Hip-Hop-Darbietung „Remote Control“ bringen Power in die Bude. Die Eltern tippen beschwingt mit dem Fuβ, Freunde und Jugendliche jubeln und werden augenblicklich in Partystimmung versetzt. Das Besondere: Die Tänzerinnen und Tänzer präsentieren ihre eigenen Choreographien. Im Rahmen der Projektreihe „Young Professionals“ werden Nachwuchstalente auf dem Weg von Ausbildung zur Professionalität unterstützt. Zwei, die den Sprung geschafft haben, sind Ivonne Kalter und Corneliu Ganea. Engagiert sind sie am Theater Kempten. Das sympathische Paar brachte einen Vorgeschmack auf die Produktion MATCHPOINT mit nach München. Mal liebevoll harmonisch, mal bestimmt machtorientiert, aber immer fließend und sanft drücken die beiden die Beziehung von Mann und Frau aus. Partnertanz auf hohem Niveau, der berührt! Um männliche und weibliche Energien geht es auch in der Choreographie von Minka-Marie Heiß. Entgegen der sinnlichen Note in „Match1“ nutzt sie allerdings die Körperlichkeit als Materialität.

Mit i-dance hat die Tänzerin und Ausbildungsleiterin Jessica Iwanson ein weiteres Mal eindrücklich bestätigt, warum Iwanson Dance zu den führenden Ausbildungsinstitutionen für zeitgenössischen Tanz in Europa zählt. Seit Jahren bereichert sie die Theaterbühnen in der ganzen Welt mit hochwertigen Nachwuchskräften. Sogar der Lehrstil der Schwedin ist weltweit als „Iwanson-Technik“ bekannt. Ein nachhaltiger Prozess.

Ruth Hofmann

Veröffentlicht am: 29.10.2010

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