Jonathan Nott und das Wunder von Bamberg: "Das ist ein Boden, auf dem schöne Musik gedeihen kann"

von kulturvollzug

Stern des Nordens: Die Bamberger Symphoniker (Foto: Peter Eberts)

Provinz? Was heißt hier Provinz? Fern der Metropole München hat sich in Bamberg ein Spitzenorchester etabliert. Einer der Väter des Erfolges ist der Brite Jonathan Nott (48), der in elf Jahren als Chefdirigent die Bamberger Symphoniker zu einem der führenden Orchester für Romantik und vor allem Gustav Mahler gemacht hat, ohne die zeitgenössische Musik zu vernachlässigen. Kürzlich verlängerte Nott seinen Vertrag bis 2016, und heute steht er zum 500. Mal am Pult der Bamberger. Noch vor der verdienten Feier mit einem Jubiläumskonzert sprach der Kulturvollzug mit dem sympathischen Briten.

Sie stehen nun zum fünfhundertsten Mal am Pult der Bamberger. Können Sie sich noch ans erste Mal erinnern?

Ich war damals Chef in Luzern und gleichzeitg vom Ensemble Intercontemporain in Paris. Und dann kam Mathias Weigmann zu mir, nach einem Konzert in Luzern, und stellt sich vor als Intendant der Bamberger Symphoniker und fragt mich, ob ich mir das vorstellen kann: Chefdirigent der Bamberger Symphoniker zu sein. Da bin ich aus allen Wolken gefallen. Ich sagte, ein sehr gutes Orchester, gewiss. Aber vielleicht sollten wir erstmal ein Konzert miteinander machen!? Ich kannte das Orchester natürlich von Schallplatten her. Aber ich hatte es nie live gehört. Sofort beim ersten gemeinsamen Konzert imponierte mir der Klang, diese Art, sich der Musik hinzugeben, die sehr hinreißend ist, mehr aber noch der Geist.

Jonathan Nott. Foto: Thomas Müller

Wie würden Sie den Geist beschreiben?

Ich glaube, es ist die Offenheit gegenüber der Musik, ja, die innere Notwendigkeit zu musizieren, über Musik zu kommunizieren. Das ist die Botschaft jedes Musikers, die Freude von jedem Einzelnen, dem Publikum zu zeigen, was für eine schöne Sache Musik ist, welche unglaubliche Macht Musik hat. Publikum sollte Musik nicht einfach konsumieren, denn es liegt eine unglaubliche Großzügigkeit in diesem Geben. Diese Großzügigkeit liegt in der Geschichte des Orchesters, sie kommt aber auch vom Ort selbst, seiner wunderschönen Umgebung. Das ist schon ein Boden, auf dem schöne Musik gedeihen kann. Wenn man sich mal anschaut, was für eine phantastische Landschaft das ist, dann die Stadt Bamberg selbst, mit ihrer Kontinuität, auch der Umstand, dass sich so viele Leute in der Stadt für Musik und das Orchester interessieren: Da fühlt man sich umarmt. Das findet man sehr, sehr selten. Man macht Musik nicht aus elitären Gründen, das ist Genuss!

Die Symphoniker sind eben kein Verein, sondern wichtiger Bestandteil der Stadt...

Ja, würde ich schon sagen, definitiv. Einerseits in der Stadt selbst, wegen dieser seelischen Verbindung, aber auch auf unseren vielen Reisen. Man trägt dann immer einen Teil der Stadt mit sich und trägt Bamberg in die Welt. Die Identität der Stadt mit diesem Orchester nehmen Menschen überall auf der Welt wahr. Wir sind eine Einheit.

Sie sind seit über zehn Jahren in Bamberg. In dieser Zeit ist das Orchester zu einem Spitzenorchester gerade für für Mahler geworden...

Ja, ja...

Kulturvollzug: Warum gerade Mahler?

Am Anfang war mir ein breites Repertoire wichtig, von Bach bis Boulez, um uns beide, Orchester und mich, so schnell wie möglich zusammenzuschweißen. Deutsche Romantik spielt eine sehr große Rolle, sie endet auf eine Art und Weisemit Mahler, und die Modernität beginnt auf eine Art und Weise mit Mahler. Wir hatten uns längere Zeit auf Schubert konzentriert, dann kamen die gesanglicheren Stücke von Mahler als Schwerpunkt. Sehr viel von dem, was bei Mahler verlangt ist, ist bei den Bambergern vorhanden. Zum Beispiel immer eine Kantilene. Das bedeutet ja nicht nur schönen Klang, sondern auch eine Spannung von Note zu Note. Mahler schreibt Melodien, immer und überall. Seine Derbheit aber erfordert vom Musiker Präzision und seelische Stärke zugleich, die Stärke der Aussage.Das ist der Vorteil von dem Klang dieses Orchesters, das nicht nur fokussiert ist auf Brillanz, sondern auch eine innere Dunkelheit besitzt. Die Emotionalität kommt nicht vom Äußerlichen, sondern vom inneren Musizieren, vom inneren Feuer. Und diese Glut, diese Sehnsucht verlangt Mahler. Man hat immer mit den komplexesten philosophischen Gedanken zu tun, dennoch ist es eine sehr menschliche Musik.

Beschreiben Sie doch mal den Bamberger Klang.

Der Klang ändert sich von Stück zu Stück. Bei den Streichern höre ich mal einen sehr klaren, diamantenen, fast schon zwischen die Augen dringenden Klang, aber sie können ebenso einen größeren, dunkleren, kochenderen Klang erzeugen. Dieses Orchester eine große innere Kraft, diese Kraft, einen vom Herzen stammenden Klang, und nicht den an den Augen orientierten Klang.

Mit ihrem Mahler-Zyklus und seinen neun Symphonien sind Sie schon fast fertig. Was kommt nun?

Der Zyklus ist noch nicht ganz abgeschlossen, auch die Aufnahmen nicht. Die Resonanz ist sehr positiv, aber nicht nur bei Mahler, sondern auch bei Bruckner, Boulez oder Lachemann. Die Bamberger genießen ein hohes Renommee mit einem breiten Repertoire. Aber Mahler wird sehr stark nachgefragt. Es gibt also weiterhin ein Bedürfnis, diese Werke zu hören. Keines dieser Werke ist eindeutig, und man kommt ständig zu neuen Aussagen. Man findet keinen eindeutigen Inhalt, das kann ein Leben lang dauern. So lange man gegenseitig diese symbiotische Beziehung pflegen kann, kann man weitermachen. Sehen Sie, in meiner persönlichen Lebensperspektive haben sich in jüngster Zeit einige Sachen geändert. Und das wird auch bei einigen Musikern geschehen sein. Die Fähigkeit des Orchesters steigt von Jahr zu Jahr. In den vergangenen sechs Monaten hat sich das Verhätlnis zwischen Chefdirigent und Orchester nochmals weiterentwickelt, und ich denke, das bietet phantastische Perspektiven. Ich habe immer Angst gehabt vor Plateaus: Man ist hoch droben, aber schnell verliert man den Halt, und dann geht’s bergab. Unsere Möglichkeiten sind aber noch lange nicht erschöpft.

Was hat sich verändert?

Ich bin in der älteren Hälfte des Orchesters angelangt (lacht). Ich habe immer gesehen, dass durch Musik jeder die Gelegenheit hat, sich besser kennenzulernen oder herauszufinden, was das Leben bedeuten könnte. Man entdeckt durch Musik viele Sachen über sich selbst, die man nicht geahnt hat…

Zum Beispiel?

Was ist der Sinn des Lebens? Und wenn man sich diese Frage einmal gestellt hat, dann braucht man irgendwann eine Antwort, dann kann man nicht einfach so weitermachen wie gehabt. Das ist das Potenzial von Musik. Wenn Dirigent und Orchester so lange zusammenarbeiten, dann entwickelt sich eine unglaubliche intensive Beziehung. Ich höre ältere Aufnahmen, und ich sehe das Personal des Orchesters vor meinem inneren Auge. Die Aufnahme, aber auch das Personal dieses Orchesters sind Teil meines Lebens, und das wird so bleiben, bis ich sterbe. Die gemeinsamen Erlebnisse sind Teil eines jeden Lebens. Das ist ein beeindruckendes Phänomen. Da ist es, was man bekommt nach elf Jahren Zusammenarbeit. Fünf weitere Jahre sind eigentlich viel zu wenig.

 

Das Jubiläumskonzert der Bamberger Symphoniker mit Schuberts 7. Symphonie und Mahlers 4.  ist ausverkauft. Doch dank einer Premiere im Konzertbetrieb des Orchesters kann man das Konzert im Internet verfolgen - erstmals stellt die Staatsphilharmonie Bamberg einen Audio-Stream kostenlos zur Verfügung: http://www.bamberger-symphoniker.de/mithoeren_online.html (heute, 20. 10. 2011, ab 20 Uhr).

Die weltweit gefeierten Einspielungen der Bamberger Symphoniker sind beim Schweizer Label Tudor zu bestellen: www.tudor.ch

Anmerkung der Redaktion: Wir haben den Jubilar älter gemacht, als er ist: Jonathan Nott ist 48 und nicht 51 Jahre alt, wie zunächst gemeldet.

Veröffentlicht am: 20.10.2011

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