Zukunft ist ein Puppenspiel: Der Autor, Physiker, Philosoph und Multi-Pionier Herbert W. Franke hat ein Theaterstück geschrieben

von Michael Grill

Herbert W. Franke. Alle Fotos: Archiv HWF

Wer diesen Mann kennenlernt, der fühlt sich wie eine Figur aus einem seiner Bücher: Neue Dimensionen tun sich auf, faszinierend und oft auch ein wenig beängstigend. Und dann steht man da und staunt: Wie hat er es geschafft, all das in einem einzigen Leben unterzubringen? Gewiss, Herbert W. Franke ist 84 Jahre alt und auch nur ein Mensch. Doch schon am Anfang eines Porträts über diesen Mann keimt die Ahnung, dass man ihm nicht gerecht werden kann, nicht der Fülle, nicht der Vielfalt und nicht der Tiefe, mit der er buchstäblich mehrere Welten erforscht hat.

Das klingt jetzt übertrieben? Ist es aber nicht. Herbert W. Franke ist unser Mann in der Zukunft, irgendwie. Dabei war es nur die Neugierde, die ihn stets angetrieben hat, sagt er. In die Höhen der Wissenschaft, der Kunst und in all die dunklen Ecken an den Rändern der Disziplinen.

Der kleine Mann mit dem breiten und kräftigen Kreuz schlurft durchs Foyer des schnuckeligen Tölzer Marionettentheaters, wie nur echte Nerds herumschlurfen können. Besucher beobachten ihn aus den Augenwinkeln und das ist ihm unangenehm. Sein kantiges Gesicht ist eine Landschaft für sich: majestätische Nase, messerscharfe Falten, Denkerstirn wie die Eigernordwand. Er ist hier in Tölz an der Isar, weil an diesem Tag sein Stück aufgeführt wird: „Der Kristallplanet“, ein Spiel fürs Marionettentheater. Herbert W. Franke schreibt eine Puppengeschichte – das ist ungefähr so, als ob die Münchner Philharmoniker mit Kamm und Blockflöte Weihnachtslieder aufführen würden.

Analogggrafik aus der Serie "Oszillogramme" (1954 – 1959).

In dem winzigen Saal vor einigen Dutzend Besuchern sagt Franke dann in einer Art Prolog zum Puppenspiel, es sei ihm immer wichtig gewesen zu erfahren, wie seine Texte und Stücke im Kopf der Leser ankommen, welche Bilder da entstehen.

Aus der Versuchsreihe Science Art (1980 – 1995).

Deswegen habe er „immer alle Möglichkeiten wahrgenommen, um Science Fiction mit Bildern zu verbinden“. Hier, im Marionettentheater, könne er gut damit experimentieren. Und dann beginnt wieder eine Reise in die Welten des „HWF“.

Bilder aus dem Programm Space Loop (2003).

Herbert W. Franke wird 1927 in Wien geboren und studiert nach Kriegsende Physik, Mathematik, Chemie, Psychologie und Philosophie. Schon als Kind war er als unermüdlicher Bastler und Erforscher seiner Umwelt aufgefallen, im Studium nimmt er spielerisch alle Hürden von der Wellenmechanik bis zur Relativitätstheorie. Dass er zum Beispiel bei den Übungen zur Stoffanalyse eher nebenbei eine besonders genaue Methode für den Nachweis von Brom findet, ist ihm heute in Erinnerungsschriften gerade mal einen Satz wert. Jedenfalls, nach der Promotion in der Physik muss er feststellen, dass er damit in ganz Österreich keine Chance auf eine berufliche Existenz hat.

1956 am Analogrechner.

Bei Siemens in Erlangen, wohin es ihn zunächst verschlägt, arbeitet er im Marketing, bevor er ab Mitte der 50er Jahre sein heutiges Berufsbild findet: freier Publizist und Künstler. Er experimentiert in Rechenzentren mit den frühesten Computern, ist freier Dozent in der theoretischen Forschung und schreibt „utopische Geschichten“, wie man es damals nennt, also Storys über die Zukunft mit fantastischen Szenarien – Science Fiction. „Es hat sich schnell herumgesprochen, dass ich keine Fantasy schreibe, sondern dass ich bei allen Geschichten erklären kann, wie eine Realisierung aussähe“, sagt er. „Ich bin Naturwissenschaftler, ich suche nach begründbarem Wissen und Erkenntnis. Irrationales interessiert mich wenig.“ 1973 bekommt Franke einen Lehrauftrag für „Kybernetische Ästhetik“ an der Münchner Universität, 1979 gehört er zu den Mitbegründern des heute noch maßgeblichen Festivals Ars Electronica in Linz. Er forscht an Kakteen und mit Mineralien, legt sich stattliche Sammlungen zu und wird obendrein noch einer der bekanntesten deutschen Höhlenforscher. Selbst das Abenteuer Unterwelt ist für Franke „auch ein Werkzeug für die Zukunftsforschung, vor allem für die Themen Klima und Wasserhaushalt“. Auch heute noch geht er bei Expeditionen mit, „wenn auch nicht mehr bei den besonders langen“.

1985 bei der Schreibarbeit.

Als das Zentrum für Kunst und Medientechnologie in Karlsruhe vor einem Jahr einen ersten Versuch machte, dieses geradezu monströse Lebenswerk in einer Ausstellung zusammenzufassen und zu würdigen, wirkte es fast schon wie ein Notbehelf, dabei zwei Hauptverdienste von Franke als zentral herauszustellen: nämlich die „zentrale Figur der Computerkunst im deutschsprachigen Raum" und der erfolgreichste deutsche Science-Fiction-Schriftsteller. Dass er zum Beispiel auch als Erster Höhlen auf dem Mars wissenschaftlich nachgewiesen hat oder eine Methode zur Altersbestimmung von Tropfsteinen definierte – das hat da keinen Platz. Diese Neugierde! „Ja gut“, sagt er, „aber es ging mir weniger darum, viel zu wissen, sondern das, mit dem ich zu tun habe, zu verstehen.“

Szenenwechsel: Ein Haus im Wald, nicht weit von der Isar, in Egling bei Wolfratshausen. Der idyllische Flecken, seit Ende der 60er Jahre Heimat von Franke, liegt so gut versteckt, dass sich einmal ein befreundeter Professor bei der Suche nach der Adresse bis nach Garmisch verirrte. Selbstverständlich ist das Haus von unten bis oben voll mit Büchern, Bildern und Datenträgern. Aber es ist nicht übervoll, alles hat seinen Platz. Der Hausherr ist entspannt in jeder Hinsicht, nur beim Nachmittagskaffee verweigert er das zweite Kuchenstück: „Muss auf die Figur achten.“

Die frühen 70er Jahre: Meine Schlaghose, mein Kakteenhaus.

Man redet über Kunst, Wahrnehmung, Ästhetik und die Suche nach den Zusammenhängen. Seine Wege, seine Suche. Plötzlich fällt auf, dass Franke zwar ein Multi-Pionier ist, aber doch auch immer wieder zwischen den Stühlen saß. „Das ist doch klar“, sagt er, „denn viele sagen immer noch: Wer mit Maschinen in der Kunst arbeitet, ist ein Banause. Wer in Höhlen klettert, ist kein Wissenschaftler, höchstens ein Sportler.“ Und wer Science-Fiction schreibt, ist kein Schriftsteller, sondern ein Märchen-Erfinder. „Das ist immer noch das gängige Vorurteil“, sagt Franke, „dabei ist die Verantwortung der Science-Fiction-Autoren viel größer als man denkt: Sie prägen das Bild von der Zukunft.“ Die ist nicht immer besonders freundlich: Frankes Bücher sind voller totalitärer Systeme, in denen der Mensch ums Überleben kämpft, materiell wie emotional – er versteht es auch als Warnung.

Kein Weg zu weit, kein Loch zu tief: 2006 in Ägypten.

Zurück ins Tölzer Marionettentheater. Die Puppen fliegen über ungewöhnlich realistische Bilder einer fremden Planetenoberfläche – es sind Mikroskop-Aufnahmen von Kristallen und Mineralien. Das Stück hat Franke schon „im zarten Alter von 70“ geschrieben, wie seine Frau Susanne Päch sagt. Sie ist Geschäftsfrau in der Filmbranche und hat ihrem Herbert die inzwischen zum Dauerbrenner im Spielplan gewordene Inszenierung vor einigen Jahren zum Geburtstag geschenkt. Im Stück gibt es den Astronauten Melanchton, der eine Reise zu einer fremden Intelligenz antritt. Und es gibt die Astronautin Elena, deren Liebe noch über den Gesetzen des Weltalls steht. Nach dem Stück dürfen die Zuschauer hinter die Kulissen gucken. Susanne Päch lächelt nur auf die Frage, ob es Melanchton und Elena auch in Wirklichkeit gibt.

Im Gespräch mit dem Kulturvollzug. Foto: gr.

Vor dem Theater ist für die Zuschauer ein Teleskop aufgebaut. Nach der Vorstellung darf jeder durchgucken, der Saturn leuchtet gerade besonders schön am Nachthimmel. Die Ringe des Planeten glimmen wie Heiligenscheine. Ein Satz aus dem Puppenstück aus der Zukunft schwirrt noch durch den Kopf: „Am Ende lösen wir uns von der Materie. So ist es bestimmt.“ Auch Herbert W. Franke schaut durchs Teleskop, aber nur kurz. Er kennt das ja alles schon.

Experiment mit Planetenoberfläche aus Mikroskopaufnahmen, im Puppenspiel "Kristallplanet".

Am Samstag (15.10.11) wird „Der Kristallplanet“ im Bad Tölzer Marionettentheater aufgeführt (19.30 Uhr, Tel. 08041/74176) . Am selben Tag spricht Herbert W. Franke auf der Messe für Digital-Kultur „decoded“ in der Münchner Freiheizhalle (ab 15.15 Uhr) über „Bildkultur gegen Sprachkultur“. Ab dem 29. Oktober wird er auch wieder im Zentrum für Kunst und Medientechnologie (ZKM) Karlsruhe zu sehen sein, im Rahmen der Ausstellung „Digital Art Conservation“.

Veröffentlicht am: 15.10.2011

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