Das Schwert, die deutsche Prothese

von kulturvollzug

 

Denkt man an Deutschland an der Macht, ist man um den Schlaf gebracht: Armin Petras macht an den Kammerspielen aus Kleists „Hermannsschlacht“ seine Abrechnung mit Nationalismus und Kriegshetzern. 

 

Der Teutoburger Wald ist ein Gebirge aus Schaumstoffblöcken. Darin turnen umher die einheimischen Germanen, nachlässig gekleidete Autochthonen mit wirren Frisuren (Bühne Katrin Brack). Auf den festen Bühnenboden dagegen beschränken sich die in Anzüge gekleideten Römer, dargestellt von den Musikern des Modern String Quartet. Wacker musizieren sie und geben dem Zivilisationsgefälle zwischen Rom und Germanen klangvollen Ausdruck, bis sie der Untergang des Varus’schen Heeres verstummen lässt.

So sieht es aus, wenn Armin Petras an den Münchner Kammerspielen Heinrich von Kleist inszeniert und damit etwas unfassbar Gestriges in die heutige Zeit transportiert. Die „Herrmannsschlacht“, basierend auf den Geschehnissen der Schlacht im Teutoburger Wald, ist ganz klar ein Kind einer wirren, gewalttätigen Zeit. Man schrieb das Jahr 1808, Napoleon herrschte über weite Teile Europas, und in den deutschen Ländern gärte der Hass auf den Eroberer. Seit dem Barock war es guter Brauch gewesen, Franzosen in Römer zu verwandeln und in Erinnerung an die Schlacht im Teutoburger Wald so etwas wie eine zweite Gründung Deutschlands herbeizuträumen. Nichts anderes tat Kleist, als er seine Franzosenrömer im weglosen Wald Germaniens untergehen und den Cheruskerfürsten Hermann die deutschen Stämme einigen lässt.

Derlei Deutschtümelei gefiel den Nazis besonders gut, und schon damit ist ganz klar, dass man heute anders rangehen muss. Armin Petras werkelt also etwas Neues aus dem alten Hurra-Stück. Etwas, was oft gut aussieht und doch nicht hundertprozentig funktioniert: Weil der Stoff so sperrig ist, gibt Petras der Versuchung zum Albern nach. Solche kleinen Lach-Lichtungen erleichtern den Weg durch den Teutoburger Forst. Hinterher jedoch ist man sich nicht sicher, ob man sich nicht auch ohne diese Ablenkungen durch den Assoziationsdschungel hätte schlagen können.

In dieser „Hermannsschlacht“ (angereichert durch Grabbes gleichnamiges Drama) wird dumpfer Nationalismus seziert. Petras zeigt auf, wie Kriege herbeigehetzt werden und wie nebenbei die Männerwelt die Frauen sexuell missbraucht und für Politik instrumentalisiert. Zu diesem Zweck hat Petras einige gute Ideen und einige sehr gute Schauspieler aufgeboten. Wenn Thusnelda (mal frivol, mal zerbrechlich – einfach gut: Wiebke Puls) mit dem Römer Ventidius (aalglatt und souverän Edmund Telgenkämper) flirtet und Kammermusik macht, wenn Peter Kurth den Hermann mit geradezu schlafwandlerischer Brutalität spielt, dann ist man ganz drin im Geschehen. Und wenn Ventidius ein Schäferstündchen im Park Revue passieren lässt, dann bekommt man auch eine Ahnung davon, wie es dieses Ensemble oftmals schafft, auch zähe Passagen mit Ironie verdaulich zu machen. Mit einem Lächeln bläst Telgenkämper den Staub vom Historiendrama.

Nicht weniger eindrucksvoll ist es, wie sich unversehens Brutalität Bahn bricht: Da wird eine Frau (Ensemble-Neumitglied Katharina Hackhausen hat einen harten Einstand) missbraucht, um den Kriegswillen der Germanen anzufachen: Den Römern will man die Untat in die Sandalen schieben. Die grässlichen Männer erheben sich von ihrem Opfer, nur leicht verlegen, und spucken auf den geschändeten Körper. Und Arminius hat seinen Kriegsgrund: Gleich einer "Emser Depsche"  kann er die falsche Nachricht verbreiten lassen und die Deutschen einen.  Am Krieg an sich scheint er nur am Rande interessiert zu sein. Die Stichworte zum Streit zu geben, überlässt er den anderen Großen: So verstricken sie sich in die Vorbereitungen. Arminius, dieser bauernschlaue grässliche Mensch, muss den Dingen nur noch ihren Lauf lassen.

Es schaudert einen, weil man erahnt, wie viel Abscheulichkeit hinter manch großer Tat steckt. Hier ist es eine Tat, deren Fluch sich fortschreibt. Das „Tötet ihn“, das die von Mädchen gespielten Söhne des Arminius rufen, hallt lange nach. Und am Ende stützen sich all die Kämpfer als schäbige Könige auf ihre Riesenschwerter, die sie dem Arminius in den Hosenbund stecken: Kaum rühren kann sich der massige Held, klirrend schleppt er sich von der Bühne, gehemmt und gleichzeitig gestützt vom Erz: Das Schwert als deutsche Prothese.

Fast schon nett kommen die römischen Gäste rüber. Lasse Myhr, der zuvor den Verlobten der geschändeten Hally sehr eindrucksvoll in innigem Schmerz darstellt, ist am Ende wieder ein Opfer: der arme Quintilius Varus. Vergeblich appelliert der Römer an so etwas wie Völkerrecht und Gnade.

Das tut Myhr sehr überzeugend und berührend: Varus als Opferlamm. Und damit deckt er eine Schwachstelle auf. Denn in der eher weichen Zeichnung der römischen Kriegsmaschine kommt der Abend einseitig daher. Die Römer sind, da ist Petras näher an Grabbe als an Kleist,  Technokraten und Schnösel, sie schmieden Ränke gegen Arminius. Aber viel Schlimmeres als ein bisserl Zivilisation und Konsumterror scheinen sie diesem Sumpf-Prekariat westlich der Elbe ja auch nicht antun zu wollen. Wo also ist der Anlass für den Hass der Germanen? War‘s am Ende nur Arminius Ehrgeiz, seine Verschlagenheit, sein dumpfer Zerstörungswille, der ihn den Varus zur Strecke bringen lässt? Man mag‘s nicht ganz glauben, so tumb kommt dieser Anti-Siegfried rüber.

Veröffentlicht am: 28.10.2010

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