In anderer Dimension, aber zu nah dem Museum: Kraftwerk inszenieren sich live in der Alten Kongresshalle

von Michael Grill

Ein Bild der Band aus der Ausstellung im Kunstbau. Foto: Stefan M. Prager

Kraftwerk sind einer der größten deutschen Beiträge zur modernen Musik, wenn nicht gar der Größte. Entsprechend gewaltig sind die Erwartungen, noch dazu, wenn die Düsseldorfer Elektronik-Pioniere erstmals ein 3D-Konzert ankündigen und das auch noch mit einer weltexklusiven Ausstellung im Lenbachhaus-Kunstbau verknüpfen. Die Live-Show findet in der Alten Kongresshalle statt, also unmittelbar gegenüber der Dependance des Deutschen Museums. Eine sinnige Nachbarschaft, wie sich herausstellt.

 

Die Schlange vor dem Eingang ist jedenfalls wegen der schikanösen Kontrollen der personalisierten Tickets mehr als hundert Meter lang, außerdem bekommt jeder ein schickes Kraftwerk-3D-Brillchen. Auf der Empore stehen ehrfurchtgebietend vier raketenwerfergroße High-Tech-Beamer und signalisieren: Hier geht’s gleich ab in eine neue Dimension.

Dann fällt der Vorhang und vier Männer in schwarzer Funktionskleidung starten die „Mensch-Maschine“. Exakt zwei Stunden lang werden sie vor ihren vier Konsolen stehen, höchstens ein wenig im Takt mitwippen und dabei kein einziges Wort direkt ans Publikum richten. Denn die Puppen tanzen hinter ihnen, im virtuellen 3D-Raum. Ralf Hütter, der letzte verbliebene Ur-Kraftwerker, ist links außen und erkennbar der Chef.

Was von der Show übrig blieb: ein schickes Brillchen. Foto: gr.

„Wir sind die Roboter“ wummert es durch den Saal, und allmählich wird klar: Die Visualisierungen stammen durchweg aus den bekannten Videos oder von früheren Shows – nur sind sie eben jetzt in 3D. Das ist manchmal beeindruckend. Es folgt „Electric Café“, bei Kraftwerk wohl eine echte Live-Rarität, ganz in Schwarz-weiß-Optik, wie eine Raum-Lichtinstallation von James Turrell. Große Kunst! Dann munter weiter im Best-of-Programm, „Numbers“, „Vitamin“, „Schaufensterpuppen“, „Trans Europa Express“... Da fliegt einem mal Matrix-artiges Zahlengeflimmer ins Gesicht, mal Riesenpillen und Sprudelbläschen. Meistens werden Text-Slogans in einzelne Wörter zerlegt und dreidimensional zum Schweben gebracht.

Das ist schön und sehr ästhetisch. Aber es ist doch auch erstaunlich, dass hier so viel Aufhebens darum gemacht wird, wo das Kino längst ganz andere Effektkaliber auffährt, und die Hardrocker von Kiss (!) schon vor mehr als zehn Jahren mit teilweise spektakuläreren 3D-Live-Effekten auf Tour waren. Ganz böse gesagt: Auf der Wiesn heißt eine Show dieser Art Sensorium.

Bei dem legendären Song „Autobahn“ hat der VW-Käfer im stilisierten 70er-Design nun unsinnigerweise eine ASU-Plakette, und auch sonst hätte man sich bei der 3D-Umarbeitung etwas mehr handwerkliche Mühe geben können. Aber, hey!, hier wird sogar mal ein paar Takte auf den Tasten improvisiert, das ist bei Kraftwerk echt revolutionär. Diese Musik möchte man gerne genießen, doch sie leidet erheblich darunter, dass der Sound zu leise ist und ihm Bassvolumen fehlt.

Bei „Tour de France“ und bei „Das Model“ sieht man die bekannten Schwarz-weiß-Videos mit den historischen Aufnahmen aus der realen Welt – erstaunlicherweise entwickeln sie in der dezenten Verfremdung zusammen mit der Musik den stärksten Sog, die größte Magie. Die Kraftwerker verabschieden sich mit „Musique Non Stop“, einer nach dem anderen verschwindet von der Bühne, die Musik-Maschine läuft noch ein bisschen nach. Man durfte eine Legende erleben und dafür ist man dankbar. Aber es war doch: sehr nahe dem Museum.

 

Ein lohenswerter Ersatz für alle, die kein Ticket mehr bekamen: die 3D-Ausstellung. Foto: Stefan M. Prager

Zu Kraftwerks Gesamtauftritt in München gehört auch eine Installation im Kunstbau des Lenbachhauses.  „Kraftwerk – 3D Videoinstallation“ wird am Freitag (14. Oktober 2011, 19 Uhr, dann Di. – So. 10 bis 22 Uhr) eröffnet und ist bis zum 13. November zu sehen. Schon im Vorfeld weist das Lenbachhaus darauf hin, dass nur eine begrenzte Besucherzahl eingelassen werden kann und deshalb Wartezeiten beim Einlass möglich sind. Das Rahmenprogramm : Am Eröffnungsfreitag (14.10.) steigt im Pacha am Maximiliansplatz die After Show Party, präsentiert von DJ Hell, ab 22 Uhr. Ausstellungs-Kurator Matthias Mühling hält einen einführenden Vortrag am  7. November um 19 Uhr. Und am 28. Oktober gibt es eine „Nachtöffnung für Studenten“ mit Barbetrieb von 22.30 bis 2 Uhr  - Erstsemester haben dann freien Eintritt.

Veröffentlicht am: 13.10.2011

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