Allegro-Stimmung an der Wilhelmstraße: Jan Broeckx, Leiter der Ballettakademie über die neue Ära an der HMT München

von Isabel Winklbauer

Die Schülerinnen der Akademie beim "Developpé en avant". Foto: Ida Zenna

Inzwischen ist er angekommen. Jan Broeckx (50) leitet seit einem Jahr die Ballettakademie der Musikhochschule München. Für die Ausbildungsstätte, deren Geschicke zuvor Jahrzehntelang in der Hand von Konstanze Vernon lagen, beginnt eine neue Ära – die einerseits unter dem Stern eines neuen Bachelor-Studiengangs steht, andererseits mehr Tanzaufführungen verspricht.

Der Belgier Broeckx stammt aus Antwerpen und war von 1984 bis 1986 erster Solist an der Bayerischen Staatsoper. Davon abgesehen tanzte er unter anderem an der Deutschen Oper Berlin und seit 1986 am Ballet National de Marseille unter Roland Petit, seinem großen Mentor und Vorbild. „Ein Vorteil bei der Bewerbung war sicher, dass ich erstens München kenne und zweitens Deutsch spreche“, sagt Broeckx, der, ausgerüstet mit MacBook und iPhone, eindeutig eine jüngere Generation verkörpert. Noch immer wirkt er federleicht, ist ständig in Bewegung, Qualitäten für die man ihn in den 80ern an der Seite von Kiki Lammersen bewunderte. Doch natürlich ist das nicht alles.

Ausschlaggebend für seine Berufung war sicherlich sein Stil und sein umfassendes Können. „Ich bin selbst nach der klassischen Waganowa-Schule ausgbildet“, sagt er, „und genau deren Stundenplan folgt  nun auch der seit diesem Herbst eingeführte Bachelor-Studiengang Tanz. Natürlich gehört heute aber auch Modern Dance zur Ausbildung, sonst kommt man in keiner Kompanie unter. Broeckx’ Bekenntnis zum reinen Tanz fußt auf der Zusammenarbeit mit den Größten unserer Zeit. Er hat an der Seite von Altinay Asylmuratowa und Alessandra Ferri getanzt, neben Lucia Lacarra und Dominique Khalfouni. Er kennt die Ballette Crankos, Kylians, Forsythes und van Manens alle aus der Sicht verschiedener Rollen, nicht zu sprechen vom klassischen Petersburger Repertoire.

Nur logisch, dass er die Fächer Bühnenpraxis und Repertoire unterrichtet. Neben klassischer Technik nimmt Broeckx aber auch die neuen Zusatzfächer des Tanz-Bachelors wichtig. „Tanzgeschichte und Tanzmedizin stehen seit diesem Semester ebenfallsauf dem Plan“, erläutert er. „Heute muss man schließlich Allround-Tänzer sein. Was, wenn man als Kind aufgenommen wird, der Körper oder die Gesundheit sich nicht wunschgemäß in Richtung Ballett entwickeln? Unsere Schüler sollen dann einen gute Basis haben, um sich in andere Richtungen umzuorientieren.“ Sein größtes Ziel ist daher ein Tanzinternat mit einer offenen Schule dabei, in dem die Eleven den ganzen Tag bleiben können, statt sich mühsam und nach Diskussionen mit ihren jeweiligen Rektoren von abgehetzten Eltern zum Unterricht fahren und betreuen lassen zu müssen. Eine Mittags- und Nachmittagsbetreuung hat er jetzt schon mit der Stiftung ‚Sport trifft Kunst’ auf die Beine gestellt, darauf ist er stolz. „Ich habe gesehen, dass zwei Räume gegenüber den Trainingssälen frei stehen“, sagt er zufrieden, „und habe sofort zugegriffen.“Dem Vorwurf vieler Münchner Ballettmütter, dass die Schüler der Akademie in aller Regel vor der Pubertät aussortiert werden, um dann durch auf Wettbewerben requirierte asiatische und osteuropäische Schüler ersetzt zu werden, begegnet Broeckx zurückhaltend.

Jan Broeckx im Probensaal. Foto: Ida Zenna

„Die Praxis, talentierte Schüler als Absolventen zu gewinnen, existiert auf der ganzen Welt“, sagt er. „Es werden aber sicher in Zukunft Pädagogen gehen und neue kommen, sowohl bei den Kleinen als auch bei den großen Schülern.“ Vor allem die Ausbildung der Kleinsten hat in München keinen gloriosen Ruf. Für die Ballettwelt bedeutet der Neuanfang immer noch eine Umstellung. Denn mit dem Abschied von Konstanze Vernon aus dem Ballettzentrum an der Wilhelmstraße endet auchdie Personalunion von Ballettakademie und Heinz-Bosl-Stiftung. Sich das aus dem Kopf zuschlagen, wo doch bisher Ballettausbildung,  Förderung und Bühnenpraxis immer nur „Bosl“ hieß, ist nicht ganz einfach. Um es zu erklären: Die Ballettakademie ist die tänzerische Ausbildungsstätte der Münchner Hochschule für Musik und Theater.

Ihre wichtigste Professur hatte bis 2007 Konstanze Vernon inne, von 2007-2010 Robert North und seit Herbst 2010 Jan Broeckx. Die Heinz-Bosl-Stiftung ist dagegen eine persönliche Initiative der Vorsitzenden Konstanze Vernon. Sie fördert junge Tänzer, etwa durch Stipendien für die Ballettakademie, Unterkünfte im Wohnheim an der Herzogstraße, Auftritte in der Bosl-Matinee im Nationaltheater – oder, seit Kurzem, durch ein Engagement in der Juniorkompanie Staatsballett II. Früher leitete Vernon beides, nun steht sie nur noch der Heinz-Bosl-Stiftungvor. „Und zwar deshalb, weil die Amtszeit einer Professorin beamtenrechtlich altersmäßig begrenzt ist“, erklärt Dorothee Göbel, Sprecherin der Musikhochschule. Die Beteiligten müssen sich mit Bauchweh daran gewöhnen. Vernon, weil sie keinen direkten Einfluss mehr auf die Ausbildung der Schüler hat, die Akademie, weil ihr die Gelder der Bosl-Stiftung nicht mehr automatisch zufließen. Positiv am Aufzwirbeln des Knotens ist, dass es künftig mehr Ballettvorstellungen geben wird.

Per Grand Jeté in die Zukunft. Noch ist die eigene Identität der Ballettakademie unscharf. Foto: Ida Zenna

Da Vernon und ihre Stiftung weiterhin die Matineen im Nationaltheater veranstalten (an denen auch die Schüler der Ballettakademie teilnehmen), möchte Broeckx zusätzlich seine eigene Vorstellungsreihe im Prinzregententheater begründen. „Sozusagen der Corporate Identity wegen“. Am 29. März 2012 ist es so weit, seine Schüler zeigen dann unter demMotto „25 Jahre Ballettakademie“ Choreografien zu Prokofieffs „Symphonie No. 1 in D-Dur“, Mendelssohn-Bartholdys „Sommernachtstraum“ sowie ein Werk zu einer ganz neuen Komposition von Henrik Ajax. „Mit Live-Orchester, nicht zu Musik vom Band“, betont Broeckx. Ballettinternat, Bachelor, neue Corporate Identity – „manchmal laufe ich schneller als mein eigener Schatten“, sagt Broeckx. „Doch Änderungen brauchen Zeit. Leute die meckern gibt es immer. Aber ich habe auch schon Viele sagen gehört: Na endlich. Sieh an.“

Am Sonntag, den 16.10., 11.00 Uhr, findet die nächste Matinee der Heinz-Bosl-Stiftung statt. Die kleinen Schüler der Ballettakademie treten dabei im Grand Pas Hongroisaus „Raymonda“ auf; Ältere geben mit der Junior-Kompanie unter anderem Terence Kohlers „Intermezzo“. Auch Norbert Graf und Wlademir Faccioni, Solisten am Staatsballett, tanzen ein Duett.

Veröffentlicht am: 15.10.2011

Über den Autor

Isabel Winklbauer

Redakteurin

Isabel Winklbauer ist seit 2011 Mitarbeiterin des Kulturvollzug.

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