Dann zappelt mal schön - Anmerkungen zum Auftakt von Dance 2010

von kulturvollzug

Größer hätte der Eröffnungs-Spagat zum DANCE-Festival kaum ausfallen können. Unter dem Überthema „Time Codes“ setzte Kuratorin Bettina Wagner-Bergelt auf totale Konfrontation.

Mit einem Retro-Blick auf die 80/90er Jahre zeigte die kanadische Startänzerin Louise Lecavalier Maßstäbe des zeitgenössischen Tanzes von damals. Dann bewies Richard Siegal mit der Party-Uraufführung „CoPirates“, was Tanz heute alles nicht mehr sein will.

Als wir Édouard Locks kanadische Truppe Lalala Human Steps Anfang der 80er erstmals in München sahen, verschlug uns deren artistische Brillanz die Sprache. Vor allem die Protagonistin Louise Lecavalier flog wie ein lebender Pfeil quer durch über die Bühne, dabei Schrauben und waagrechte Pirouetten drehend. Diese unglaubliche Körperbeherrschung zeigt die 52-Jährige immer noch. Nigel Charnock, längst salonfähiges Ex-Enfant-terrible der britischen Tanzszene, hat für sie und Partner Patrick Lamothe „Children“ choreografiert: Ein Paar am Bruchpunkt seiner Beziehung. Cohens Song „Dance Me to the End of Love“ setzt Akzente. Kindergeschrei, Kissenkämpfe, Zärtlichkeit und Abstoßung - der Reichtum der 50 Minuten scheint unerschöpflich. Auch im kurzen zweiten Teil „A Few Minutes of Lock“ verblüfft Lecavalier wieder mit ihrer Sprung-Schraub-Technik und ihrer emotionalen, explosionsbereiten Präsenz. Diese konzentrierte Klarheit brennt sich in die Erinnerung ein.

Richard Siegals „CoPirates“-Party dagegen vergisst man lieber. Der als Artist in Residence in München lebende Amerikaner holte als Querschnitt der Müncher Gesellschaft verschiedenste Gruppen zusammen: Piraten-Partei, Green-City, Schuhplattler, Attac und andere. Zunächst veranstalten die 150 Mitwirkenden eine dröhnende Mitmach-Party mit „Nun zappelt mal schön“-Twitters auf dem Rundhorizont. Ringelpiez mit Anfassen quer durchs Publikum, zur Popmusik röhrt Alexeij Sagerer Unverständliches. Nach der Club-Med-Animation präsentiert sich jede Gruppe für „DSDS“ in einer billigen Nummernshow ohne inhaltlichen Zusammenhalt.

Am zweiten Abend setzte sich das Choreografen-Duo Déjà donné anregend unprätentiös mit der Schwerkraft und Tanztendenzen auseinander. Der Mensch ist „Not Made for Flying“: Das beweisen Simone Sandroni und Lenka Flory mit sieben Tänzern auf einer witzigen Experimentier-Ebene.

Gabriella Lorenz

DANCE 2010 bis 6. November. Info unter www.dance2010.de, Karten Tel. 0180 54 81 81 81

Zum Projekt von Richard Siegal in der Muffathalle ist auf dem Kulturvollzug bereits eine gesonderte Besprechung erschienen, die inhaltlich einen anderen Ansatz verfolgt und deshalb auch zu einer anderen Beurteilung kommt. Auf die auf dem Kulturvollzug bereits besprochenen Veranstaltungen verweisen die Links im Text (Anm. d. Red.)

Veröffentlicht am: 26.10.2010

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