Die Kompanie ist reif für die Insel: Ivan Liska und sein Staatsballett blicken mit einem Potpourri auf die aktuelle Spielzeit voraus

von Isabel Winklbauer

Briaxis und Chloé (hier Tigran Mikayelyan und Mai Kono) treffen sich wieder im Februar in "Mein Ravel". Foto: Bayerisches Staatsballett

Von Theaterkrise kann in München keine Rede sein. Wie käme es sonst, dass das Bayerische Staatsballett mit einer simplen Spielzeitvorschau namens „Vorhang auf!“ das Prinzregententheater füllt?

Das Trio Ivan Liska, Bettina Wagner-Bergelt und Wolfgang Oberender plaudert, auf einer Leinwand werden ein paar witzige, alte Fotos gezeigt, die Solisten in Trainingshosen tanzen einige Stücke an – dieses Format macht riesigen Spaß, weil es so ungezwungen und persönlich ist. Aber deswegen nicht banal.

Auch zum Ballettkränzchen rund um die aktuelle Spielzeit lädt die Kompanie Gaststars auf die Bühne! Zum Beispiel ist es kein geringerer als Wolf Wondratschek, der mit einer Lesung Appetit auf die einzige Uraufführung der Saison macht. „Das Mädchen und der Messerwerfer“, choreografiert von Simone Sandroni, feiert am 30. Januar 2012 Premiere. Der Dichter rezitierte passend dazu aus seinem Gedichtzyklus „Chucks Zimmer“, wodurch die Zuschauer eine Vorahnung von der leicht morbiden Zirkusatmosphäre der Vorlage für das Stück bekamen. Hoffentlich bringt Sandroni sie packend auf die Bühne.

Ansonsten lautet das Motto der Saisaon aber „Very british?“. Sie bringt gutes Altes: „La fille mal gardée“ wird am 5. Juli 2012 wieder aufgenommen. Und Uraltes: Frederick Ashtons Kästchenzählerei „Scènes de Ballet“ erfreut die Zuschauer schon am 22. Dezember 2011 im Rahmen eines neuen, gemischten Abends. An dem gibt es dann auch Ashtons charmanten „Frühlingsstimmenwalzer“ wieder zu sehen, den vor einigen Jahren Alina Cojocaru und Johan Kobborg mit großem Erfolg in München zeigten. Fast genau so eindrucksvoll tanzten ihn an diesem Vorschau-Abend Lukas Slavicky und Ekaterina Markovskaya an – letztere ein neues, sympathisches Gesicht. Die ehemalige erste Solistin aus Dresden ist derzeit auf der Suche nach einem künstlerischen Zuhause und trainiert so lange in München.

"Illusionen wie Schwanensee" (hier: Lucia Lacarra u. Tigran Mikayelyan) steht schon im Dezember 2011 wieder auf dem Plan (Foto: Bayer. Staatsballett)
In der Wiederaufnahme von Neumeiers „Nussknacker“ (16. Oktober) wird sie die Marie übernehmen. Vielleicht findet sich im Laufe der Zeit ja ein Posten für sie, sie bringt nämlich viel Schwung auf die Bühne. Man kommt hier nicht umhin, an die aus rätselhaften Gründen inaktive erste Solistin Natalia Kalinitchenko zu denken, die die Kompanie schon seit Jahren immer weiter bezahlt. Doch zurück zur Weihnachtspremiere. Die übrigen Stücke daraus wären Ashtons „Five Waltzes in the Manner of Isadora Duncan“ sowie Kenneth MacMillans „Lied von der Erde“. Letzteres präsentierten in einem Ausschnitt Lucia Lacarra und Cyril Pierre. Das Paar fährt einem immer wieder durch Mark und Bein, so gut ist es auf einander eingespielt, und so intensiv lässt es sich auf Musik und Stimmungen ein.

Alleine wegen dieser beiden Weltklassekünstler muss man das teils verstaubte Programm ansehen. Doch es gibt auch echte Highlights. Am 22. April eröffnet das Staatsballett die Ballettfestwoche 2012 mit Jerome Robbins’ „Goldberg Variationen“ und Jirí Kyliáns „Gods and Dogs“. Zudem gastiert am 24. und 25. April das Birmingham Royal Ballet mit Stücken seines Chefs David Bintley, Ninette de Valois und Frederick Ashton. Bintley war in den 80ern schon einmal mit „Still Life at the Penguin Café“ zu sehen, ein sehr farbenfrohes, gefühl- und fantasievolles Stück. Von Bintley und seiner Truppe darf man sich sicherlich einige Qualität versprechen. Und schließlich gibt es noch eine Überraschung: Choreograf Terence Kohler - er kommt nicht weg aus München, scheints - studierte mit dem Staatsballett II, Konstanze Vernons Juniorkompanie, ein neues Stück ein.

Was die jungen Tänzer daraus zeigten, war verblüffend witzig, dynamisch und lebensfroh, ja eigentlich so, wie man sich Kohlers vergangene Schöpfungen fürs große Haus etwas mehr ersehnt hätte. Wer den Choreografen von seiner Glanzseite sehen will, sollte sich daher die Matinee der Ballettakademie / Heinz-Bosl-Stiftung am 16. oder 20. Oktober nicht entgehen lassen.

Mehr zum Programm des Staatsballetts, unter anderem auch zur bevor stehenden „Don Quijote“-Serie, gibt es unter www.bayerischesstaatsballett.de

Veröffentlicht am: 23.09.2011

Über den Autor

Isabel Winklbauer

Redakteurin

Isabel Winklbauer ist seit 2011 Mitarbeiterin des Kulturvollzug.

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