Heinrich Campendonk in Penzberg: Farbrausch und Einsamkeit

von Michael Weiser

Rausch der Farbe, Schatten der Melancholie: Campendonks Selbstbildnis von 1909. Bild: Stadtmuseum Penzberg/VG Bild

Das Bernrieder Buchheim-Museum, das Schlossmuseum in Murnau und das Franz-Marc-Museum in Kochel: Gegen die großen Drei in der näheren Umgebung hatte es das Penzberger Stadtmuseum bislang schwer. Mit dem Erwerb eines großen Teiles des Nachlasses von Heinrich Campendonk (1889 bis 1957) durch die Unternehmerfamilie Mast - die das Konvolut von 89 Gemälden, Aquarellen und Grafiken der Stadt Penzberg für 15 Jahre gratis leiht - schärft sich das Profil: Derzeit präsentiert Penzberg "seinen" Maler des "Blauen Reiter" mit einer Ausstellung mit dem Titel "Licht, Farbe, Einsamkeit".

Die Dielen in den lauschig kleinen Räumen knarzen unter den Schritten der Besucher, der Weg in den ersten und zweiten Stock führt über steile Stiegen. Im kleinen Penzberger Stadtmuseum begegnet man nicht nur der großen Kunst, sondern auch lokaler Geschichte - das Museum ist in einem ehemaligen Bergarbeiterhaus untergebracht, das die beengte und schlichte Atmosphäre eines Arbeiterhauses vermittelt.

"Das gelbe Tier", um 1914. Bild: Gemeentemuseum Den Haag/VG Bild

Also kein reines Kunstmuseum, dieses Penzberger Haus. Und doch eines, das zu Campendonk passt. Der Krefelder war 1909 mit der neuen Künstlervereinigung München in Kontakt gekommen. 1911 lud ihn Franz Marc nach Sindelsdorf ein - und Campendonk blieb in der ländlichen Gemeinde. Wesentliche Inspiration aber erhielt er in dem nur wenige Kilometer entfernten Penzberg, als einziger Künstler aus  dem Kreis des "Blauen Reiters", dessen Angehörige sich sonst lieber in Murnau und auf den Hügeln, Wiesen und Spazierwegen des "blauen Lands" drumherum aufhielten. Mit Bildern wie "Barbara-Zeche" und "Penzberger Reiter" verewigte Campendonk die Arbeiterstadt.

Mit ihrer nunmehr schon zweiten Campendonk-Ausstellung dieses Jahr stellen die Penzberger den späteren Vater des rheinischen Expressionismus als zugleich typischen und doch wieder ganz eigenständigen Maler des "Blauen Reiter" vor. So weit gedieh die durchaus nicht feindselige und durch sein Exil während der NS-Zeit mitbedingte Emanzipation Campendonks, dass er sich während der Wiederentdeckung des Expressionismus nach dem Zweiten Weltkrieg abseits hielt: Seine Bilder wollte er nicht in Ausstellungen mit den Werken der meist schon toten einstigen Weggefährten zeigen. Diese Zurückhaltung und nicht der Mangel an Klasse ist, davon kann man sich in Penzberg überzeugen, ein Grund, warum Campendonk bis heute nicht zur ersten Garde zählt.

"Frauen am Kreuz", um 1947. Bild: Stadtmuseum Penzberg

In seinen früheren Arbeiten kurz nach der Ankunft im bayerischen Oberland entdeckt man viele Einflüsse. Man meint in den Bildern vor dem Ersten Weltkrieg die gedämpft-bunte Farbpalette Mackes zu sehen, die Dynamik Kandinskys, die Heiligung von Tier und Natur, wie sie Franz Marc auszeichnete. Manchmal huscht ein feines Gestrichel durch die Farbflächen, Türmchen und Giebel, als hätte Paul  Klee einen Gruss hinterlassen, manchmal lässt die prismatische Brechung der Lichtflut an Lyonel Feininger denken. Oskar Kokoschka beflügelte Campendonk zu spontan anmutenden, expressiven Graphiken und  Tuschezeichnungen, und auch die Mode des Japonismus hallte in Graphiken und Aquarellen nach. Franz Marc kritisierte seine Holzschnitte - prompt ließ Campendonk für die nächsten Jahre die Finger vom Schneidemesser. Erst nachdem Marc 1916 vor Verdun gefallen war, wagte sich Campendonk in einem deutlich gebremsten Duktus wieder an Holzgraphik.

Stärker als jeder andere Expressionist stellt Campendonk den Menschen in seiner Vereinzelung in den Mittelpunkt. Oft sind es zwei Gestalten, puppenhaft starr, die den Menschen darstellen: Eine bekleidete Figur mit ihrer Außenwirkung, eine nackte für das unverhüllt gezeigte innere Wesen. Auf einem kleinen Bild blickt eine schöne Frau fast schon hoffärtig in den Spiegel. Das wahre Bild der Dame zeigt allerdings eine kleine verstümmelte Frauenfigur im Hintergrund. Nicht selten malt Campendonk den einsamsten aller Menschensöhne: den ans Kreuz genagelten Jesus, in dessen ergebenem Antzlitz man die vor Staunen großen Augen des Malers wiederzuerkennen glaubt. Bei aller Extase und Rauschhaftigkeit seiner Bilder dringen immer wieder kühle Grün- oder gar Blautöne durch, Wiederschein eines seltsam verschatteten Wesens, das seine Einsamkeit lastend spürte.

Später klären sich seine Linien, zu einer Strenge, die unschattiert Gesichter und Glieder, Felder und Wälder, Farben und Linien voneinander scheidet. Die Verwandschaft zum bunten, durch Bleigrate geteilten Glas von Kirchenfenstern liegt nahe: Campendonk war auch auf diesem Gebiet ein Könner. Das ansonsten eher nüchterne Penzberg überrascht da ein weiteres Mal: Wenige hundert Meter vom Stadtmuseum entfernt sind in der Stadtpfarrkirche Christkönig mehrere Fenster Campendonks zu bewundern. Weitere Fenster präsentieren die Ausstellungsmacher dort in Lichtkästen. Ein eindrucksvoller Wandel lässt sich da ablesen: Nach dem Rausch des "Blauen Reiter" entfaltet sich die Meisterschaft Campendonks in der Reduktion, die Form und Inhalt in vollendeter Graphik verbindet. Penzberg ist mit dieser Ausstellung wieder mal einen Ausritt wert.

Licht. Farbe. Einsamkeit. Heinrich Campendonk - ein blaues Leben. Bis 23. Oktober im Penzberger Stadtmuseum (Mittwoch, Freitag, Samstag und Sonntag 10 bis 18 Uhr, Donnerstag bis 20 Uhr) und in der Stadtpfarrkirche Christkönig. Übrigens ist das Stadtmuseum das erste nicht staatlich getragene Museum in Bayern, das mit einer App aufwartet. www.museum-penzberg.de

 

Das Bernrieder Buchheim-Museum, das Schlossmuseum in Murnau und das Franz-Marc-Museum in Kochel -

gegen die großen Drei hatte es das Penzberger Stadtmuseum bislang schwer, sich als Haus

Veröffentlicht am: 30.08.2011

Über den Autor

Michael Weiser

Redakteur, Gründer

Michael Weiser (1966) ist seit 2010 beim Kulturvollzug.

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