Kulturvollzug lernt tanzen (Teil 4 und Schluss): Make love, not War

von Isabel Winklbauer

Gibt es was Schöneres, als dem Publikum in die Augen zu schauen? Diese Menschen wissen die Antwort. Foto: Thorsten Paetzold

Bei der Abschlussvorstellung der Workshops drängt sich die Tanzwerkstatt Europa ein letztes Mal in der Muffathalle. Wer rein kommt, kriegt keine Profiqualität geboten - dafür aber einen wertvollen Dienst erwiesen, meint unsere Autorin im Selbstversuch.

Dann ging es doch um die Wurst am Samstagabend. Kapelas Hiphop-Jünger auf der Bühne! Beginn des Abends wie jedes Jahr: Um halb neun ist die Muffathalle voll, draußen stehen aber immer noch 20 Leute, die aus feuerpolizeilichen Gründen nicht mehr herein dürfen. Selbstverständlich sind mein Mann und meine Tochter darunter. "Die beiden dürfen auf keinen Fall rein", kreischt die Dame am Einlass und zeigt auf mein Kind. "Die Mutter hat vorhin einen Riesenärger gemacht!" Toll, ausgerechnet jetzt werden wir mit fremden Chaoten verwechselt. Zuvor hat keiner von uns die Einlass-Dame überhaupt gesehen. Doch Rettung naht. "Acht können noch rein", meint jemand Wichtiges, und die beiden einzigen Zuschauer, die meinetwegen gekommen sind, dürfen am Rand der Tribünentreppe sitzen.

Dann heißt es Zuschauen. Hiphop  kommt weger der guten Laune ja immer zuletzt. Wir sehen zum Beispiel den Workshop von Cédric Andrieux, dem Ex-Cunnigham-Tänzer. In seinem Solo letztes Wochenende schockierte er die Zuschauer mit der Erzählung, wie eintönig und langweilig das tägliche Training in der berühmten Companie war. Doch nun, man staune, zeigen seine Münchner Schüler genau dieses Training! Anscheinend leidet Andrieux unter einer Art Kriegsveteranen-Syndrom: Er kommt nicht darüber hinweg, wie grausam es damals war; aber er kommt auch nicht darum herum, es für den Rest seines Lebens weiter zu geben.

Bemerkenswert tritt der Kurs von Stephan Herwig auf. Seine Contemporary-Anfänger haben in zehn Tagen irre viel gelernt, dazu sind sie erstaunlich synchron. Noch besser schneiden aber die Improvisationsschüler von Goran Bogdanovski ab. Die einen zeigen zu 20st (!) eine sich frei ergebende Choreografie  in Form von Wasserströmungen. Mal treffen sich drei, dann vier, fünf Tänzer, dann lösen sich die Gruppen wieder auf und bilden neue Läufe. Einfach schön!

Und dann der Abschluss: Zu Bogdanovskis zweiter Gruppe gehört eine junge Mutter, deren zweijährige Tochter sich partout nicht lösen will. Also tanzt das Kind eben mit. Wollte man die Szene inszenieren, man würde keine Darsteller finden. Das Stück, eine sehr freie, gefühlvolle Interpretation eines Schwanensee-Themas, wäre an sich schon großartig gewesen. Mit zwei tanzenden Babys zwishen den Protagonistinnen - oh ja, es schloss sich ein weiteres an! - wurde die Darbietung der letzte Schrei. Wendy Houstouns Duett mit einer ihrer Schülerinnen, in dem sie die Jüngere mit Gerümpel belud, reicht da nicht mehr ganz heran, obwohl es sehr fantasievoll ist.

Tja, und dann ist die Autorin des Kulturvollzugs an der Reihe. Herzklopfen, zappelige Füsse, Umarmung mit Kapela - Auftritt! Müsste ich eine Kritik über unsere Show schreiben, würde sie wahrscheinlich so lauten: Der international angesehene Hiphop-Profi Kapela Marna gab seinen Schülern alle Gelegenheit, sich innerhalb einer unterhaltsamen Choreografie einzubringen. Eine Battle zwischen zwei rivalisierenden Gangs, die sich im Tanz versöhnen, war das Thema. Groß gedacht - aber von den Anfängern nicht sehr gekonnt ausgeführt. Sie ließen es an Pantomime, an Ausdruck und Spannkraft verständlicherweise mangeln. Es fehlte Tempo. Nur einige unter ihnen, etwa die junge Terri Modern, die erfahrenen Tänzer Gabrielle Seraia  und Freestyler Toast sowie die souveräne Hanna Everdance - ein paar von uns haben sich inzwischen Künstlernamen zugelegt und sind Ihnen schon einmal begegnet -, brachten die Lebensfreude so direkt zum Ausdruck, wie Hiphop und House Dance es verlangen. Zehn Tage sind eben doch zu kurz.

Ganz persönlich sage ich aber: Es hat saumäßig Spass gemacht. Wir waren phänomenial! Gibt es was Schöneres, als dem Publikum in die Augen zu schauen? Wie viele Menschen verzichten nicht freiwillig oder unfreiwillig aufs Tanzen, und wir haben's für sie getan. Das wird in einer anderen Welt in irgendeinem goldenen Buch stehen, ganz bestimmt.

Tanz ist Liebe und Gebet! Das ist mein Schluss! Und für den braucht es nur zehn gemeinsame Minuten.

Und hier das Ergebnis als Video:

Veröffentlicht am: 17.08.2011

Über den Autor

Isabel Winklbauer

Redakteurin

Isabel Winklbauer ist seit 2011 Mitarbeiterin des Kulturvollzug.

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