Kulturvollzug lernt tanzen (Teil 3): München eine Tanzstadt? Nein!

von Isabel Winklbauer

Kim tanzt und lacht (Foto: Isabel Winklbauer)

Der große Auftritt der Tanzwerkstatt-Workshops rückt näher. Unsere Autorin im Selbstversuch probt fleißig weiter - und hört plötzlich alle meckern.

Es ist nicht alles wunderbar in der Tanzwerkstatt Europa. Meine Mittänzer aus dem Hiphop-Kurs sind zum Beispiel verärgert, weil "unser" Tanzstil auf dem offiziellen Plakat ganz unten unter "Sonstiges" rangiert, beim Kinderprogramm. "Weder der Workshop noch die Show werden ordentlich beworben", regt sich Ronan auf, der sonst so schweigsame Franzose. "Deshalb will auch kein internationaler Profi mehr mit den Tanzwerkstatt-Veranstaltern zusammen arbeiten. Und schau dir doch den Raum hier an: Für mein Geld erwarte ich wenigstens Spiegel an den Wänden!"

Weil alles so popelig ist, geht Ronan auch am Samstag nicht mit auf die Bühne. Dabei hatte ich doch mit meinem kleinen Sohn zu Hause "Beim Tanzen in die Augen gucken" geübt! Der strahlt wenigstens, egal wie ich stolpere. Jetzt ist also Kim mein gegenüber beim Freestylen. "Ich hab heut Muskelkater in allen Organen", verkündet die Gernrednerin. Dann lacht sie sich schlapp über unsere Einstiegsszene: Dozent Kapela und unsere Älteste, Hanna, ein Tanzwerkstatt-Urgestein, mimen Chefs rivalisierender Gangs. Sie stehen sich mit verschränkten Armen gegenüber, um einen heißen Battle einzuleiten.

Was Kapela betrifft, so ist er gar nicht so unzufrieden mit seinen Kursen. "Ein bisschen gewundert habe ich mich natürlich schon über den Rang, den Hiphop hier hat. Aber die Leute sind toll, mit ganzem Engagement dabei. Ich komme wieder, wenn ich darf." Auf die Frage allerdings, ob er München für eine Tanzstadt hält, kommt sein "Nein" wie aus der Pistole geschossen. Klar, er stammt aus dem Pariser Vorort Monte La Jolie, dem gefährlichsten Ort Frankreichs. Da brennen täglich 50 Autos, und bei Battles schneiden sie dem Verlierer die Ohren ab. Heute wohnt Kapela in Paris, im Viertel Porte d'Italie - aber Kims Gelächter nimmt er immer noch mit leiser Entrüstung zur Kenntnis.

Gang (Foto: Isabel Winklbauer)

Mit seiner Meinung über München steht Kapela nicht alleine da. Jedes Jahr maulen die Tanzkritiker nicht nur über die einfallslose Münchner Tanzszene, sondern obendrein, dass die Tanzwerkstatt nur lokales Mittelmaß präsentiere. Gut, Jonathan Burrows hat mit "Counting to One Hundred" eine Uraufführung abgehalten. Heimlich. Aber sonst? München ist keine Tanzfläche, die europäische Choreografen mit einberechnen.

Auch die Workshops mag nicht jeder. "Meistens reden die Leute darin doch nicht mit einander", weiß Thorsten, der ehrgeizige Tanzlehrer. "Viele Teilnehmer tragen die Nase zu hoch. Wir haben hier bei Kapela echt Glück, so ein nettes Team zu haben." Aus Stephan Herwigs Kurs "Contemprary Dance for Beginners" kommt mir zu Ohren, dass die Teilnehmer zu alt sind: zwischen 35 und 65 in etwa; die einzige 16-jährige hat sich tapfer mit einer Tanzpädagogin angefreundet. Laurent Chétouanes Kurs "Ehik der Bewegung" hingegen ist streng geheim - Zuschauer verboten. Der Choreograf setzte vorher sogar ein Auswahlverfahren an, das nur erfahrene Bühnenkünstler überstanden. "Sobald jemand sieht, woran die Teilnehmer bei Chétouane arbeiten, wäre das Ergebnis ja praktisch vorzeitig veröffentlicht", erklärt Festivalchef Walter Heun. "Es geht hier aber um ethische Überlegungen, die vor dem Auftritt stattfinden." Wie gehabt: Die freie Szene des Weltdorfs schnarcht in Selbstreflexionen vor sich hin, tut aber so, als wäre sie der Apfelbutzen von New York.

Auch unser Auftritt rückt näher. Ich für meinen Teil bin froh, dass wir keine Spiegel haben. Yo!

Mehr nach der Show am Samstag!

Die Final Lecture Demonstration mit anschließender Abschlussparty findet am 13. August 2011 um 20.30 Uhr in der Muffathalle, Zellstraße 4 in München statt. Eintritt frei. Wir empfehlen, schon um 20 Uhr da zu sein, weil es proppevoll werden dürfte.

Veröffentlicht am: 13.08.2011

Über den Autor

Isabel Winklbauer

Redakteurin

Isabel Winklbauer ist seit 2011 Mitarbeiterin des Kulturvollzug.

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