Kulturvollzug lernt tanzen (Teil 2): Willst du meine Energie spüren?

von Isabel Winklbauer

Jérôme Bel "Cédric Andrieux (c) Herman Sorgeloos

Die 21. "Tanzwerkstatt Europa" geht weiter und damit auch der Selbstversuch unserer Autorin.  Nach dem Training hatte sie sogar noch Zeit, um bei den Profis vorbeizuschauen.

Mittlerweile hat es sich rumgesprochen, dass im Aquarium hinter dem Mathäser Leute herum hüpfen. Eine Ehepaar postiert sich gemütlich mit Kaffeebechern an der Scheibe und ein moppeliges Vater-Sohn-Gespann drückt sich die Nasen platt, um unserem Hiphop-Workshop zuzuschauen. Bitteschön! Dozent Kapela ist jetzt endlich zu House-Beats übergegangen, womit wir alle überhaupt kein Problem haben. Es ist total einfach. Der Stil besteht hauptsächlich aus Pas-de-Bourrés und halben Drehungen, er groovt wahnsinnig gut und wir wackeln leidenschaftlich mit den Hüften.

Kapela legt großen Wert darauf, dass wir wirklich tanzen. Damit meint er, nicht nur die Schritte zu beherrschen, sondern alles zu benutzen, was wir haben: den Rücken, die Schultern, das Kinn. Vor allem aber unsere innere Stimmung und die Augen. Mit denen sollen wir unsere Mittänzer anschauen und ihre Energie fühlen. Mir kommt das ziemlich intim vor. Wann bewegt man sich sonst schon und schaut dabei jemandem in die Augen? Es fällt auch nicht gerade leichter, wenn einem ein schweigsamer (womöglich arroganter?) Franzose gegenüber steht, der fünf mal besser tanzt als man selbst. Aber Kapela lässt nicht mit sich reden. "Los Leute, Roboter will keiner sehen. Bei der Abschluss-Show soll was rüber kommen!"

Okay. Aber was? Ich beschließe, mir ein paar Performances der Tanzwerkstatt anzusehen. Die Profis bringen bestimmt was Besonderes rüber. Als erstes geht es zu Jérôme Bels "Cédric Andrieux", dem Selbstportrait eines belgischen Tänzers, der lange in New York bei Merce Cunnigham war. Von ihm erfahren die Zuschauer in der Muffathalle vor allem, was Tanz nicht sein sollte: eintöniges, super anstrengendes, fast nicht zu bewältigendes Training, bei dem man innerlich nur kotzen will. Oder: den mechanischen Anweisungen eines 80-jährigen, nicht mehr bewegungsfähigen Kompaniechefs zu folgen. "Das rechte Bein nach rechts. Das linke Bein folgt. Der Torso ist gebeugt. Der rechte Arm ist waagerecht." Und so weiter. Acht Jahre lang musste der arme Cédric so arbeiten, nur um zu einer berühmten Truppe zu gehören. Dementsprechend hat er auf der Bühne zwar die irrwitzigsten Choreografien vollbracht, aber auch eine gewisse Leere übermittelt. Heute darf er Gott sei Dank in Lyon richtig tanzen. Das Wichtigste dabei war ihm schon immer "die Freiheit, so zu interpretieren wie ich will. Mir vom Choreografen keine Gefühle aufdrängen lassen zu müssen."

Burrows u. Fargion "Counting to ONE Hundred" (c) Gorka Bravo

Jonathan Burrows, tags drauf im I-Camp, betrachtet Tanz eher theoretisch. Er und sein Partner zählen – wie der Titel des Stücks „Counting to One Hundred“ schon sagt – bis Hundert. Aber immer anders, mal mit Humor, mal trocken, mal mit kleinen Bewegungssequenzen dazu. Offenbar setzen sie Tanz mit Sprechen, Singen und Raumgewinnen gleich. Tanz transportiert etwas aus seinem Urheber heraus und in die Welt hinein, könnte man das Fazit nennen. Eine schöne Vorstellung, auch wenn sie hier etwas kryptisch präsentiert wird.

Schließlich führt im I-Camp noch die Britin Wendy Houstoun vor, was für sie Tanzen ist: In einer einzigen Bewegung will sie alle menschlichen Bewegungen, die je vollbracht wurden, vereinen. Man kann schuften, schreien, fragen, präsentieren, sich freuen, sogar wobbeln, wenn man tanzt. Sie selbst hört damit überhaupt nicht mehr auf, so dass einige Leute genervt das Theater verlassen.

Am nächsten Tag in Kapelas Aquarium befällt mich schweres Grübeln. Was von meiner inneren Energie will raus? Warum benutzen so wenige Leute den Tanzkanal für Ihre Gefühle, verkümmert da was in unserem Stammhirn? Ist Tanzen heute wirklich etwas Ähnliches wie Sex und, da weitgehend ohne mediale Aufbereitung und ohne gesellschaftlichen Konsens, ein Tabu?

Das mit der Bühne muss ich mir jedenfalls noch gut überlegen.

In ein paar Tagen mehr!

Veröffentlicht am: 09.08.2011

Über den Autor

Isabel Winklbauer

Redakteurin

Isabel Winklbauer ist seit 2011 Mitarbeiterin des Kulturvollzug.

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