Gedächtnis aufgefrischt - Geschichtspfad zeigt Münchens meist unbekannte Gedenkorte

von kulturvollzug

Foto: Achim Manthey

Die Ewige Flamme flackert in einem kerkerartigen Kubus, sechs Meter über dem grünen, immerhin gepflegten Rondell. Rundum braust auf mehreren Spuren der Verkehr. Die Fußgänger bleiben auf Distanz. Kein Pfad führt hin, kein Wegweiser zeigt hin zu Münchens zentralem Gedenkort für die Opfer jener deutschen Diktatur, die schräg gegenüber, wo heute die Glasfassaden der (angeschlagenen) Bayerische Landesbank glänzen, ihre erste Terror-Zentrale hatte. Keines der umliegenden Gebäude hat den amtlichen Namen „Platz der Opfer des Nationalsozialismus“ übernommen. Isoliert, fast unsichtbar und daher allenfalls von vorgeführten Touristen wahrgenommen, steht die schwarze Stele am Schnittpunkt der eleganten Brienner Straße mit dem Maximliansplatz.

Keine andere Stadt war mit Aufstieg und Führungspersonal des Nationalsozialismus, mit Verfolgung und Widerstand so lange und so eng verbunden wie München. Dennoch war es gerade in der „Hauptstadt der Bewegung“, bislang beispiellos schwierig, eine angemessene, umfassende Gedächtniskultur zu entwickeln; ungeachtet vieler Straßenbenennungen, Hinweistafeln und - oft erst durch bürgerschaftliches Engagement entstandener - Denkmäler.

Die „Strategien des Vergessens“ hat 2004 etwa der amerikanische Architektur-Professor Gavriel D. Rosenfeld auf 612 Seiten dokumentiert. Darin beklagt der Münchenkenner eine „fortdauernde Ambivalenz“ im Umgang mit Gedenkstätten, der eher verkrampft und befangen wirkte als wirklich ignorant. Und auch Oberbürgermeister Christian Ude äußerte wiederholt sein Befremden über die Defizite an gekennzeichneten Erinnerungsorten sowie ihre späte Entstehung. Dabei hat das Aufarbeiten der braunen Vergangenheit seiner Stadt längst begonnen, nur an Koordinierung, Bekanntmachung und systematischer Pflege mangelte es sehr.

Foto: Achim Manthey

 

Mit beispielgebendender Energie engagiert sich etwa das frühere Stadtoberhaupt Hans-Jochen Vogel noch im Alter von 85 Jahren als Gründungsvorsitzender des Vereins „Gegen das Vergessen – für Demokratie“. Ein Geschichtspfad des städtischen Kulturreferats führt zu fünfzig Stationen des Nationalsozialismus, dazu gibt es eine Broschüre (auch in Englisch) und eine Hörversion. 2010 realisierte die Stadt das Projekt „Memory Loops“ der Künstlerin Michela Melian, mit 300 Tonspuren zu Orten des NS-Terrors. Mit den „Stolpersteinen“ des Künstlers Günter Demnig, die vor Ort auf Opfer verweisen sollten, konnten sich weder die Stadtspitze noch die Jüdische Gemeinde anfreunden. In einem eher versteckten Anbau richtete das Stadtmuseum eine zeitgeschichtliche Ausstellung ein. Und an der Brienner Straße, wo einmal Hitlers „Braunes Haus“ herrschte, entsteht bis 2013 ein großes NS-Dokumentationszentrum, nach langjährigen Diskussionen und Namensstreit bis zuletzt.

Elser-Denkmal Foto: Achim Manthey

Endgültig soll jetzt Schluss sein mit all dem Vergessen, Verdrängen, Verstecken der Orte des Erinnerns, des Gedenkens, der Trauer. Das schlechte Gedächtnis wird gleichsam aufgefrischt. Dafür sorgt jetzt ein weiterer, von der Historikerin Sabine Brantl erarbeiteter Geschichtspfad mit 38 Denkmälern, Mahnmalen, Schautafeln und Installationen. Man kann ihn in drei bis vier Stunden abgehen: vom unterirdischen, 32 Meter langen, den meisten Bürgern bisher völlig unbekannten „Gang des Erinnerns“, wo die Namen der ermordeten Münchner Juden auf Glastafeln verewigt sind, bis zum ebenso unbeachteten Denkmal der Künstlerin Silke Wagner an einem Schulhaus in der Türkenstraße, das an den Hitler-Attentäter Georg Elser erinnern soll, indem rote Neonröhren täglich punkt 21.21 Uhr das historische Datum 8. November 1939 aufleuchten lassen.

Andere Stationen erinnern an die beim Hitler-Putsch 1923 getöteten Polizisten, an die erste Deportation jüdischer Bürger und die Pogromnacht 1938, an die Ausstellung „Entartete Kunst“, an den mutigen Pater Rupert Mayer, an die „Freiheitsaktion Bayern“ (versteckt im Landwirtschaftsministerium), an die Volksgerichtsprozesse (versteckt in einem Sitzungssaal des Justizministeriums) und an die „Weiße Rose“, die sogar sechs Gedenkorte hat.

Denkmal für die ermordeten Sinti und Roma  Foto: Achim Manthey

Ein Denkmal für die verfolgten Schwulen und Lesben steht zur Diskussion, eines für die ermordeten Sinti und Roma enthüllte Ude mit dem Hinweis, dass er die fünfzigjährige Verzögerung als Schande empfinde. Die jüngste Idee stammt von der Nobelpreisträgerin Herta Müller: eine Gedenkstätte für die emigrierten Künstler (die gerade in München, wo Thomas Mann im Februar 1933 den großen Exodus begonnen hatte, nicht schlecht platziert wäre).

So wie die Geschichte der zentralen Gedenkstätte am „Platz der Opfer des Nationalsozialismus“ (ursprünglich: des Faschismus) fast eine Schande ist, ist sie auch ein Musterbeispiel für den schwierigen Prozess des Gedenkens: Der erste Entwurf vom Januar 1965 ging zurück auf Drängen der SPD-Fraktion, die mit ihrer Vorstellung von einer großen Gedächtnisstätte scheiterte. Der Stadt genügte zunächst ein „kleiner Stein“. Eines Tages löschte die Baubehörde die Flamme, weil man peinliche Assoziationen mit dem Gas befürchtete. 1985 wurde ein größeres Mahnmal in der Mitte der Verkehrsinsel platziert. Aber bald wurde die Ewige Flamme nur noch zu bestimmten Zeiten entzündet – angeblich aus Kostengründen.

Ude, Jahrgang 1947, hat für den oft beschämenden Umgang und die Wiedererweckung der Erinnerungskultur durchaus eine Erklärung: Nicht zuletzt der Weggang der Zeitzeugen verpflichtet die Stadt dazu, die in den Jahren des Wiederaufbaus versäumte kritische Auseinandersetzung mit der Vergangenheit anschaulich und lebendig zu gestalten. Und jetzt endlich auch mehr Bürgern, insbesondere jüngeren, verständlicher zu machen. Schüler von zehn Münchner Gymnasien haben sich von den Mitarbeitern des künftigen NS-Dokumentationszentrums als Guides für zeitgeschichtliche Rundgänge ausbilden lassen. Motto: „Zeige deine Stadt!“

Karl Stankiewitz

 

 

Veröffentlicht am: 14.08.2011

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